Geniessen – oder?

„Geniess die Zeit mit deinen Kindern, wenn sie klein sind – die Zeit ist soo kurz!“ Diese Aussage habe ich oft gehört. Ausgelöst hat sie keine Dankbarkeit, sondern ein schlechtes Gewissen. Ein Gefühl des Versagens. Die Zeit mit meinen kleinen Kindern geniessen?

Es ist überhaupt nicht so, dass ich mir das nicht wünschen würde. Im Gegenteil: Ich leide sehr darunter, dass ich die Zeit mit meinen kleinen Kindern nicht einfach geniessen kann, sondern sie oft als herausfordernd erlebe. Als zuweilen frustrierend, meistens intensiv, manchmal fröhlich, immer wieder beglückend, oft mühselig, sehr oft aber auch einfach anstrengend.

Es mag daran liegen, dass unser geliebter dritter Sohn seit bald drei Jahren in der Trotz-„Phase“ ist. Und die Tage, an denen jede Entscheidung, die grad nicht passt, zu Streit und Kampf führt, überwiegen. Oder daran, dass Jungs (wir haben deren drei) gerne wilde, dreckige und laute Spiele spielen. Dass sie sich austoben müssen und es dabei sehr oft Streit gibt, den sie unzimperlich lösen (manchmal verkeilen sie sich auch, und ich muss sie selber für sie voneinander lösen). Dass es unmöglich ist, einen Nachmittag zu Hause zu verbringen, weil Streit-, Lärm- und Dreckpegel derart steigen, dass es MIR nicht mehr wohl ist. Dass ich selber ziemlich (über-?)sensibel auf alle diese Dinge reagiere, die kleine Kinder so „mit sich bringen“.

Die Momente, in denen ich unsere Kinder einfach nur geniesse, gibt es. Sie sind aber nicht die Norm, sie sind nicht Alltag, sie sind nicht selbstverständlich. Es sind die Momente, in denen wir gemeinsam Lieder mitsingen und mitbrüllen im Auto oder gemeinsam über Shaun das Schaf lachen. Die Momente, wo ein Kind meine Hand nimmt, „Danke, Mama“ sagt oder erzählt, was es in der Schule oder im Kindergarten erlebt hat. Was es traurig oder fröhlich gemacht hat.

Ich liebe diese Momente. In ihnen überfällt mich eine heilige Ehrfurcht vor dem Wunder Mutterschaft, Kindschaft, Familie. Mir wird bewusst, dass mir oder uns die Kinder anvertraut wurden von einem liebenden, allwissenden, gütigen und allmächtigen Gott. Dass sie uns für eine bestimmte Zeit anvertraut wurden – und diese Zeit ist wirklich kurz! Vor allem die Zeit, in der wir Einfluss auf unsere Kinder haben. Und ja, ich möchte diese Zeit nicht verpassen, sie nicht missen, und ich empfinde, wie gesagt: Heilige Ehrfurcht. Auch vor meiner gott-gegebenen Verantwortung.

„Geniesse die Zeit mit deinen kleinen Kindern…“ – Eine weise Freundin sagte mir den Satz: „Weisst du, es geht jetzt ums Überleben!“

Ums Überleben? Nicht ums Geniessen, ums gemeinsame Basteln, Kuchen backen, Ausflüge unternehmen? Nicht darum, so richtig auf den Putz zu hauen mit den Kleinen? Der Gedanke hilft mir. Ich fühle mich in meiner Anstrengung, es „gut“ zu machen, ernst genommen. Ich empfinde, dass das Ringen um richtige Entscheidungen, um Geduld und Nachsicht, auch um Liebe, normal ist und sein darf. Ich spüre Freiheit in diesen Worten. Ich darf ringen. Ich darf verzweifelt sein. Ich darf wütend sein. Das ist befreiend!

Ja, es ist anstrengend! Ja, es ist intensiv! Ja, das Haus ist dreckiger und unaufgeräumter, als ich es mag. Ja, es ist laut. Ja, es gibt Streit. Danke, Gott, für alle Momente, in denen ich JA sagen kann zu all dem. Das ist wahre Freiheit.

Ein Gedanke zu „Geniessen – oder?

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