Von Bedürfnissen und anderen Dingen

Bedürfnisse sind eine besondere Sache. Viele Menschen können sie kaum benennen; was sie spüren, ist ein Gefühl, welches durch ein erfülltes oder unbefriedigtes Bedürfnis ausgelöst wird.

Wenn ich mich ärgere, weil ich bei einer Entscheidung übergangen wurde, beziehe ich meinen Ärger oft auf die Ungerechtigkeit („Das war einfach nicht fair!“). Das Bedürfnis, das dahintersteckt, heisst jedoch nicht Gerechtigkeit. Mein Bedürfnis in dieser Situation wäre gewesen, gehört zu werden. (Mit-)Entscheiden zu dürfen. Gefragt zu werden. Wichtig zu sein.

Wenn ich mich freue, dass mein Mann mir Blumen nach Hause bringt – ohne dass ich Geburtstag habe – dann freue ich mich zwar über die schönen Blumen. Noch mehr aber freue ich mich darüber, dass er seine Liebe zu mir in Blumen verpackt und mir so zeigt: Du bist mir wichtig. Ich habe dich gern! Es ist nämlich mein Bedürfnis, wahrgenommen und geliebt zu werden.

Den eigenen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, ist gar nicht so einfach. Am Anfang steht das Eingeständnis, dass man Bedürfnisse hat. „Wie jetzt – ich bin bedürftig??!“ So möchte ich mich nicht sehen! Viel lieber bin ich unabhängig, selbstbewusst, frei von Bestätigung durch andere. Wenn diese Schale jedoch einmal geknackt ist, wird es spannend. Jedes Stück Echtheit macht uns frei. – Was sich uns dann zeigt, ist jedoch nicht eine einfache Liste mit Bedürfnissen, die wir anschauen, bewerten, einordnen können. Leider nicht. Was wir sehen und wahrnehmen, ist ein Gewirr von Gefühlen, ausgelöst durch Gedanken, die unsere innersten Bedürfnisse in Sätze verpackt haben, die wir zuerst einmal anschauen und entwirren müssen.

„Immer werde ich gestört!“ ist so ein Satz, der das Gefühl von Ärger auslösen kann. Dahinter steckt nicht etwa das Bedürfnis nach Ruhe, sondern das Bedürfnis danach, ernst genommen zu werden. „Nie kann ich es dir Recht machen!“ – auch so ein Satz, der mit negativen Gefühlen (Trauer, Schmerz, Wut) verbunden ist. Wir möchten es doch so gerne gut machen. Angenommen werden, geliebt werden.

Den eigenen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen, ist eine Sache. Ein spannender Prozess! Er beinhaltet nicht nur das Wahrnehmen, sondern führt uns auch zum Kommunizieren, Mitteilen, echt werden. Wie gesagt, spannend und auch gut!

Es ist ein guter Anfang! Denn: Wie können wir damit umgehen, wenn unsere Bedürfnisse nicht befriedigt werden? Die meisten erwachsenen Menschen haben gelernt, mit unbefriedigten Bedürfnissen umzugehen. Wir mussten es lernen – schliesslich dürfen wir uns nicht mehr wie unsere Kinder am Boden herumwälzen und schreien, auch wenn wir das hin und wieder gerne täten. (Wie schön muss es sein, nur gerade für die eigenen Handlungen Verantwortung übernehmen zu müssen! :-))

Wenn Menschen, die gelernt haben, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, Kinder haben, passiert eine Menge. Mit einem Schlag werden diese Bedürfnisse, die wir gerade erkannt haben, völlig – total! – unwichtig. Irrelevant! Unsichtbar! Nicht von Belang. Punkt. Kinder zu haben bedeutet erstmal, die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und 24 Stunden am Tag für diejenigen von anderen da zu sein. Später dann machen sie zusätzlich die Erfahrung, dass das Mitteilen von Bedürfnissen zu Wutanfällen und Streiterein führen kann. Das hat damit zu tun, dass Kinder ihre Bedürfnisse nicht in Worte fassen können, sehr wohl aber ihre Gefühle zeigen können, die durch ein unbefriedigtes Bedürfnis ausgelöst werden. Womit wir wieder am Anfang wären, einfach in einer anderen Rolle…

Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder NICHT die Aufgabe haben, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Sie haben keinerlei Verantwortung für unsere Bedürfnisse. Die können sie auch gar nicht übernehmen. Die einzige, die für meine Bedürfnisse Verantwortung übernehmen kann und muss, bin ich selber. Dass viele Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, ist mir klar. Aber ich glaube, es gibt auch im turbulenten Alltag Möglichkeiten, sie wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Auch wenn es nur fünf Minuten sind, in der ich die Sonne auf meinem Gesicht spüre – oder der Kaffee am Morgen, wenn die Kinder noch schlafen – es gibt diese Momente, wo meine Bedürfnisse zählen. Es gibt sogar jemand, der sie sieht und in seiner Weise beantwortet. Daran halte ich mich fest!

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