Gnade

Heute am vielbesuchten Weihnachtsmarkt in einer mittelgrossen Stadt, stelle ich plötzlich fest, dass Kind Nummer Drei fehlt. Nicht, dass dies etwas Ungewöhnliches gewesen wäre – dieses Kind ist äusserst unabhängig, nach innen gerichtet und voller Entdeckerdrang. Im Normalfall stellen wir fest, dass das Kind fehlt, schauen kurz zurück, nach vorne, links und rechts, wenden uns einander zu und sagen uns: „Ach ja, hat er wohl wieder etwas entdeckt/gesucht/gefunden“… und innert zwei Minuten taucht das Kind auch wieder auf.

Dieses Mal war es anders. Das Kind tauchte nicht auf. Stattdessen: gefühlte Heerscharen von Menschen, Kinderwägen, Zuckerwatte an Stängeln und dergleichen mehr. Alles, aber kein Kind. Nicht DAS Kind. Was dann ablief, ging sekundenschnell und ist im Nachhinein nicht mehr genau rekonstruierbar. Angst, Panik, vermischt mit der Hoffnung, dass das Kind, das genüsslich in einen Hot Dog biss, als ich es zum letzten Mal wahrgenommen hatte, gleich wieder auftauchen würde, wie immer. Aber das Kind tauchte nicht auf. Obwohl ich umherrrannte, seinen Namen laut rief und in alle Richtungen schaute: Nichts. Einfach nichts. Beim Anruf bei der Polizei („Guten Tag, hier ist Frau Soundso, ich habe meinen Sohn verloren!“) brachen dann die Emotionen über mir zusammen. Und das, obwohl Kind Nummer Zwei auch schon in Panik ausbrach und lauthals weinte. Ich liess meine Kinder mitsamt Schwägerin stehen und rannte los.

Ganz oben an der Strasse fand ich das Kind und schloss es fest in meine Arme. Eine Frau hatte meinen Sohn gefunden, die Polizei informiert und ihn getröstet.

Beim Zurücklaufen und noch lange danach ging mir so einiges durch den Kopf. Wieso passiert so etwas? Warum lässt Gott das zu? Warum mutet er mir das zu?

Im Nachhinein entdecke ich die Spuren Seiner Gegenwart an ganz vielen Orten. Ich war mit meiner Schwägerin unterwegs, bei der meine beiden anderen Kinder bleiben konnten. Sie war genauso betroffen, was mich getröstet hat, und genauso aktiv am Suchen, was mir eine grosse Hilfe war. Als ich am Suchen war, „wusste“ ich, dass ich den Weg zurück bis ganz oben absuchen sollte, wo ich ihn dann auch fand. Die Frau, die meinen Sohn gefunden hatte, war für mich ein Engel. Sie rief sogar die Polizei für mich an, um zu informieren, dass das Kind gefunden worden war.

Auch jetzt noch klingt der Vorfall nach. Mir ist so kristallklar wie noch selten bewusst geworden, wie sehr ich meine Kinder liebe, jedes einzelne von ihnen. Was für ein riesengrosses Geschenk sie sind! Wir alle haben neu gemerkt, wie wichtig wir füreinander sind.

Eigentlich glaube ich gar nicht, dass wir, wenn wir Gott nachfolgen, vor allem bewahrt werden (sollen). Der Schock klingt noch nach, aber ich weiss trotzdem schon jetzt, dass Er mittendrin da ist. Seine Gegenwart inmitten von allem, was passiert ist und noch passieren wird, ist mir ein echter, tiefer Trost.

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