Das Bewertungssystem

„Toll gemacht!“ – Äh ja, genau. Da freue ich mich wie eine Schneekönigin über mein Kind, weil es aus eigenem Antrieb sein Stück Schokolade mit seinem Bruder geteilt hat. Und was sage ich zu ihm? „Gut gemacht! Bravo!“ Da fehlt nur noch die Ergänzung: „Note 6!“

In der letzten Zeit häufen sich die Artikel übers Loben, oder besser, übers Nicht-Loben. Ein Artikel (http://www.arbor-verlag.de/fuenf-gruende-gegen-%E2%80%9Egut-gemacht) gibt fünf Gründe an, warum Kinder nicht gelobt werden sollen: 1) Man manipuliert sie, weil man das Verhalten, das einem selber dient, durch Lob verstärken will („Schön hast du gegessen! Bravo!“ – den Nutzen habe ich, die Mutter, nicht das Kind). 2) Es werden Lob-Junkies herangezogen: Je mehr wir Kinder loben, desto mehr benötigen sie es. Und es verhindert ihre eigene Meinungsbildung, weil sie immer unsere Meinung hören. 3) Wir stehlen dem Kind seine Freude, indem wir alles bewerten. Denn: „Gut gemacht!“ ist genauso eine Bewertung wie „Schlecht gemacht.“ 4) Das erwünschte Verhalten wird Mittel zum Zweck. Es wurde erforscht, dass Bemerkungen wie „So ein schönes Bild!“ dazu führen können, dass das Kind schneller das Interesser verliert. Die „Belohnung“ hat es erhalten – nun sieht es weniger Grund, dran zu bleiben. 5) Kinder kommen unter Druck, beim nächsten Mal ebenso „gut“ zu sein. Sie möchten die hohen Erwartungen von anderen nicht enttäuschen.

Ein anderer Artikel (http://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/04/manipulation-kind-warum-lob-und-loben-kindern-schadet.html) unterscheidet zwischen Lob für eine Eigenschaft und Lob für ein Verhalten. Also zwischen „Du bist wirklich klug!“ und „Du hast dir wirklich Mühe gegeben!“ Obwohl äusserlich wenig verschieden, unterscheiden sich die beiden Arten von Lob wesentlich. Wenn das Verhalten gelobt wird, ist das für Kinder ein Ansporn, so weiterzumachen; wird hingegen eine Eigenschaft gelobt, für die das Kind ja eigentlich nichts kann, demotiviert dies das Kind. Es möchte dann nämlich immer wieder beweisen, dass es klug, grosszügig, hilfsbereit, clever und so weiter ist.

In meinem Alltag stelle ich fest, dass ich meine Kinder sehr oft lobe. Meistens möchte ich damit ein Verhalten verstärken, das ich selber gut finde. Es ist also im Kern manipulativ.

Vor kurzer Zeit geriet ich selber in das Bewertungssystem. Das Verhalten von zwei unserer Kinder war über eine längere Zeit hinweg herausfordernd, deshalb wurde unser Erziehungsstil als „nicht optimal“ beurteilt. Im Nachhinein kann ich es als „spannend“ bezeichnen, was dies in mir auslöste. Ängste, Gefühle das Nichtgenügens und Versagens (die kenne ich schon sehr gut), Verunsicherung und Wut. Ich empfand, dass diese Person, die das gesagt hatte, weder das Recht noch den Einblick hatte, um solch ein Urteil zu fällen. (In der Zwischenzeit hat hier die völlige Versöhnung stattgefunden und sogar mehr als das.) Ich fühlte mich hilflos und gelähmt, in die Ecke gedrängt. Und sehr verletzt. Kurz: Bewertet. Und das mit einer schlechten Note.

Das Muttersein, das mir 7x 24 Stunden Kraft, Hingabe und Herzblut abverlangt, hat den Test nicht bestanden. Es hat nicht gereicht.

Als ich den Vergleich zog zwischen dieser Beurteilung und der „positiven Verstärkung“, die ich meinen Kindern gebe, sah ich einige Parallelen, die mir nicht gefielen. Ich sah vor allem, dass meine Beurteilungen ziemlich schnell kommen, und dass ich meine Kinder und/oder ihre Werke sehr schnell in ein Bewertungssystem zwänge. Das Bewertungssystem gibt sich allumfassend, kann in Wahrheit jedoch nur Teilaspekte in den Vordergrund rücken. Es gibt sich endgültig, ist jedoch subjektiv und selektiv. Lustig, dass es trotzdem so eine grosse Macht hat.

Ein Urteil zu fällen ist nicht grundsätzlich falsch – ich habe jedoch beschlossen, dass ich das Bewertungssystem möglichst aussen vor lassen möchte und meine Wertschätzung – oder meine Kritik – meinen Kindern gegenüber überlegt anbringen möchte. Für mich ist es eine gute Gewohnheit, zuerst dem Kind zu danken (wo es passt), und/oder meine Freude zum Ausdruck zu bringen. Ich versuche, dieses „Gut gemacht!“ so oft wie möglich durch „Danke, dass du das für mich gemacht hast“ oder „Das freut mich jetzt aber, dass du mir hilfst“ zu ersetzen. Danken möchte ich dem Kind nämlich, und ihm auch zeigen, dass es mir eine Freude gemacht habe.

Natürlich gibt es auch Situationen, wo ich dem Kind einfach Wertschätzung ausdrücken möchte. Wenn es etwas Besonderes geleistet oder etwas Neues gelernt hat. Dann sage ich auch einmal „Gut gemacht!“. Ich möchte einfach immer mehr verhindern, dass meine Kinder das Gefühl haben, mir sei ihre Leistung sehr wichtig.

Immer wieder rutscht mir ein „Gut gemacht!“ heraus – es ist definitiv ein Lernfeld. Ein sehr guter Leitspruch – nicht nur in der Erziehung – ist für mich: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet (Mt 7,1). Von dem Gefühl befreit zu sein, alles und jeden beurteilen zu müssen oder zu können, ist wahre Freiheit.

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