Freude und Trauer

Es tut so gut: Das Kind hat eine gute Bewertung erhalten in der Schule, ein Smiley, weil es fehlerfrei gerechnet hat! Es hat in der Skischule alles gegeben und den zweiten Platz beim Skirennen gewonnen – eine Silbermedaille! Die darf es nun nach Hause nehmen und sich daran freuen. Es wird an ein Geburtstagsfest eingeladen. Und es darf sogar in die Begabtenförderung. So schön ist das, und wir sind zu Recht stolz auf unser Kind. Es hat sich bemüht (meistens) und etwas geschafft, erhalten, gepackt.

Und eines Tages passiert es: Das Kind ist durchschnittlich beim Skirennen, unteres Drittel. Es wird an ein Fest nicht eingeladen, obwohl es schon fast damit gerechnet hat. Es hat im Diktat vier Fehler. Es wird vom jüngeren Geschwister sprachlich rechts überholt!

Spannend finde ich, was in diesen Momenten mit mir selber passiert. Ein „Das macht doch nichts!“ kommt mir schnell über die Lippen. Aber meine ich es auch so?

Wenn ich nämlich genau hinhöre, spüre ich bei mir selber manchmal eine Enttäuschung. Enttäuschung darüber, dass das Kind nicht brilliert. Dass es doch nicht soo beliebt ist, wie ich gedacht habe. Oder dass es sogar versagt. Mein Kind?! Kann es sein, dass MEIN Kind nicht das Beste, Begabteste, Schönste von allen ist? Ich meine: Ist das wirklich denkbar? Hm. Ich stelle fest: Ich möchte, dass meine Kinder GUT sind.

Eine zweite Feststellung ist: Ich möchte auch als Mutter GUT sein (wie immer ich das zur Zeit definiere!). Denn das Vergleichen (mit anderen Müttern, mit anderen Kindern,…) ist ein ganz zäher, ekelhafter Virus. Schnell eingefangen, mühsam wegzubekommen.

Schön, dass sich meine inneren Ansprüche in zwei einfachen Sätzen offenbaren. „Ich möchte, dass meine Kinder GUT sind./Ich möchte, dass ich als Mutter GUT bin.“

Ich bin es seit Kindheit gewohnt, dass mir vieles leicht von der Hand geht. Anstrengen muss ich mich oft nicht übermässig, um (teilweise gut oder sogar sehr gut) mithalten zu können. Es wurde mir vieles in die Wiege gelegt. Irgendwie bin ich jedoch vom Gut-sein-können ins Gut-sein-müssen gerutscht. Denn im Umgang mit Misserfolg, mit Fehlern und mit Schwachheit merke ich, dass ich Mühe habe damit. Wie kann ich so mein Kind lehren, dass Erfolg „nicht wichtig“ ist? Soviel habe ich in der Kindererziehung gelernt: Worte allein sind nicht glaubwürdig. Es ist also höchste Zeit, dass ich mich selber dem Thema stelle.

Hilfreich dabei ist, die eigenen Fehler wahrzunehmen. Sie elegant zu verdrängen fällt mir natürlich leichter. Aber ich bin entschlossen, meine Haltung zu verändern. Das Wahrnehmen drängt mich zu einer Reaktion. Was mache ich nun mit meinen Fehlern? Vorerst nichts anderes, als sie Gott hinzuhalten. Ich selber kann mich nicht so schnell verändern – da brauche ich Seine Gnade. Im Moment spüre ich noch keine grosse Veränderung. Da ist nur diese Entschlossenheit, dem Leistungsdruck keinen Raum mehr zu geben, und ein Hauch von Hoffnung. Ein zartes Lüften eines Schleiers, der mir erst jetzt überhaupt auffällt.

Was ich meinen Kindern nämlich mitgeben möchte: Dass Leistung und Erfolg nicht das Zentrale sind, sondern etwas ganz Anderes: ihre Herzenshaltung. Ich möchte ihnen vermitteln, dass für mich nur wichtig ist, dass sie sich ganzherzig bemühen. Und, falls möglich, auch noch Spass an der Sache haben. Und dass dann die Note, das Resultat, der Rang SCHNUPPE ist. So, wie ich mich mit ihnen über ihre Erfolge freuen kann, möchte ich mit ihnen über Misserfolge trauern. Das kann ich aber nicht, wenn ich selber enttäuscht bin. Ich kann sie nur ermutigen, wenn ich selber ermutigt bin und frei von Leistungsdruck. Das klingt nach Freiheit. Dahin möchte ich kommen!

2 Gedanken zu „Freude und Trauer

  1. Danke für diesen ehrlichen Artikel.
    Mir wird auch immer wider bewusst, wen ich auf meinen nun gut jährigen Sohn schaue,
    das ich ihm immer zeigen möchte, das er geliebt ist von uns als Eltern und noch viel mehr von Gott.
    Ich denke das ist die stärkste Basis die wir unseren Kindern geben können, dass sie mal Berge versetzen können, in dieser, sich immer schneller drehenden Welt.

    Wünsch dir viel Weisheit mit deinen Kindern
    freue mich bis ich mit meinem kleinen übererlehbtes freuen und trauern kann

    gesegnete grüsse Esther

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