leisten

Ich bin müde. Das ist meistens der Moment, in dem mein allgegenwärtiger innerer Kritiker quicklebendig wird.

War ich heute geduldig genug? Habe ich mir Zeit für mich selber genommen? Für die Kinder? Für meinen Mann? Und für Gott? Ist das Haus sauber und aufgeräumt? War das Mittagessen gesund, und ist die Küche wieder in Ordnung? Was muss noch alles erledigt werden – ist das aufgeschrieben, notiert, festgehalten? Es könnte ja sein, dass etwas vergessen geht, da sollte man vorsichtig sein. Wie sieht mein Schreibtisch aus? Wie die eine Schublade in der Küche? Der Backofen? Der Kühlschrank? Die Fenster – heute scheint die Sonne?!

Ich wünsche mir saubere Böden sowie Fenster, die nicht mit Kinderhand-Abdrücken verziert sind. Vor allem, wenn die Sonne scheint, sieht man diese Abdrücke überdeutlich. Ich wünsche mir abgehakte To-Do-Listen, Sauberkeit, Ordnung und Überblick.

Nachvollziehbare Wünsche. Vor allem bei Menschen, die mit hoher Sensibilität gesegnet sind. Da bewirkt äussere Ordnung innere Ruhe.

Wenn ich müde bin und innere Ruhe und Ordnung bräuchte, fällt mir alles ins Auge, das dieser Ordnung nicht entspricht, also sehr viel. Das macht unzufrieden und unruhig.

Anders ist es, wenn ich mich fit fühle: Dann ist der innere Kritiker ruhig, aber jemand anderes tritt auf den Plan: Das Leistungsdenken.

  • An meinem Geburtstag nahm ich mir vor, nur drei verschiedene selbst hergestellte Süssigkeiten anzubieten. Das hat geklappt. (Tick.)
  • Am Geburtstag der kleinen Maus gab’s ausschliesslich Geburtstagstorte – und, na gut, noch übrig gebliebene Snickers von meinem Geburtstag. (Tick.)
  • Ich habe heute ungefähr zehn Minuten Geige geübt. (Tick.)
  • Am Nachmittag habe ich mit den Kindern gebastelt. Es gibt mir das gute Gefühl, eine gute Mutter zu sein. (Tick.)
  • Ich habe heute keinen Kuchen und auch sonst nichts gebacken. (Variante: Heute habe ich einen Kuchen gebacken!) (Tick.)
  • Ich habe einen Wochenplan erstellt und kann schon drei Dinge abhaken. (Tick tick tick.)
  • Im Kühlschrank herrscht Übersicht. (Tick.)
  • Ich war mit den Kindern am Nachmittag auf dem Sportplatz. (Tick.)
  • Heute war ich nicht wütend auf meine Kinder. (Tick.)
  • Die Böden sind sauber heute (das war nicht ich). (Tick.)

Ich frage mich, ob es wohl einen Ort gibt, der nicht durchdrungen ist vom Leistungsdenken oder vom inneren Kritiker. Ein Ort, an dem es nicht wichtig ist, wieviel ich geschafft habe und wofür keine Zeit oder Kraft mehr blieb. Wo mich Dreck und Unordnung nicht mehr stressen, und wo nicht abgehakte To-Do-Listen keine Macht über mich haben. Wo einfach einmal „genug“ sein darf, wo Ruhe und Frieden regieren.

Ich kenne den Ort.

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