Nein danke.

„Deine Kinder sind eben… na ja… halt recht…“ – „Wild?“ – „Ja, genau!“ Ich soufflierte und nervte mich im nächsten Augenblick darüber, dass ich geholfen hatte. Bei der Formulierung, die mir schonungsvoll begründen sollte, warum eine liebe Person meine Kinder nicht hüten wollte. Oder konnte.

Organisatorisch war das überhaupt kein Problem. Und dass sich jemand bei vier Kindern überfordert fühlt, kann ich nachvollziehen. Ich kann auch sehr gut verstehen, dass sich jemand bei UNSEREN vier Kindern überfordert fühlt. Trotzdem nagte diese Beurteilung an mir, die nicht  das Verhalten unserer Kinder bewertet, sondern ihr Wesen.

Unsere Kinder sind wunderbar, fröhlich, unternehmungslustig, initiativ, voller Ideen. Sie haben Pläne und einen ausgeprägten Willen. Sie können ihren Willen ausserdem klar und lautstark kundtun.

Es geht bei uns zuhause oft recht ausgelassen – eben: wild! – zu und her. Es wird gezankt, gekloppt, geschubst und geheult. Und korrigiert, sich entschuldigt, diskutiert. Ich weiss nicht, wie es in anderen Familien zu und her geht, wenn niemand Fremdes dabei ist, aber bei uns ist es laut. Ich stelle mir oft vor, dass Kinder anderer Eltern wohl in Ruhe Bücher anschauen/lesen, Scherenschnitte machen oder etwas malen. Das kommt bei uns natürlich auch vor! Trotzdem vergesse ich das oft, weil das Laute und manchmal Grobe so viel Raum einnimmt, so präsent ist oder ich mich darüber ärgere.

Ich denke zurück:

Mein enthusiastisches Mutterherz bekam einen ersten Kratzer, als unser erstgeborener Sohn auf dem Spielplatz begann, andere Kinder zu schlagen. Er war knapp 1.5 Jahre alt und hatte gerade ein Brüderchen bekommen. Theoretisch wusste ich, dass das viel auslösen würde in ihm – trotzdem war ich überrascht, wie heftig seine Reaktion gegenüber anderen Kindern war.

Bis zu diesem Erlebnis war es oft so, dass ich zwar mitfühlend reagierte, wenn mir andere Mütter von ihren Schwierigkeiten mit anderen Kindern erzählten; innerlich empfand ich aber eine gewisse Distanziertheit. Frei nach dem Motto: „Krass. Aber es betrifft mich nicht. Sowas wird bei uns bestimmt nie vorkommen!“ Ich dachte immer, dass unser Kind etwas ganz, ganz Besonderes wäre. Überhaupt, das innere Bild mit der Blumenwiese, dem Picknickkorb und dem Buch (das ich las, während die Kinder nebenan friedlich spielen würden) stellte ich lange nicht in Frage. DAS ist doch Kinder haben, oder etwa nicht?

Mit den Grobheiten auf dem Spielplatz kam ich unverhofft in eine ganz neue Rolle. Plötzlich war ich die Mutter mit dem „bösen“ Kind. Kleine Mädchen wurden in den Schutz ihrer Mütter gebracht, wenn wir auftauchten. Eine ganz neue Erfahrung, und eine ziemlich schmerzhafte. Ich kann mich erinnern, dass ich auf den Spielplätzen immer supernervös war, weil ich nie wusste, was meinem Kind als nächstes einfällt.

Jaaa, meine Kinder entsprechen nicht dem Blumenwiesenbild, das ich von Familie hatte. Und ich finde wirklich, es gibt diese Kinder, die so sanft und angepasst sind, wie ich es in mancher Situation gerne hätte. Sie sind eigene Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten. Sie sind etwas ganz, ganz Besonderes – wie jedes andere Kind auch. Ich liebe sie über alles, und ich wünsche sie mir kein bisschen anders. – Das schreibt sich so leicht hin, ist es aber nicht. Diese Annahme wird mir immer wieder geschenkt. Manches Mal muss ich sie mir auch erkämpfen. Eigentlich will ich gar nicht, dass sie einem (welchem??) „Idealbild“ entsprechen. Und doch, solche Aussagen wie die jener Person geben mir eben doch einen kleinen Stich.

Sie erinnern mich daran, dass die Mutterliebe etwas Zerbrechliches, Angreifbares ist. Dass Kinder zu haben bedeutet, sich total verwundbar zu machen, sowohl gegen innen als auch gegen aussen. Die Leistungen und das Wesen unserer Kinder werden andauernd bewertet, in Skalen und Schubladen eingeteilt und für gut oder schlecht befunden. Damit eben auch mein Muttersein, in meiner Vorstellung. Kind gut = Mutter gut. Hm.

Ich bin in diesen Momenten so dankbar, dass ich weiss, dass der himmlische Vater uns ALLE (also auch mich, auch die Menschen in meinem Umfeld, auch meine Kinder) gewollt und erschaffen hat. Er wollte Persönlichkeiten! Die Ecken und Kanten machen sie aus. Das heisst nicht, dass sie nicht auch vieles lernen dürfen, dass einiges heil werden muss, verändert, losgelassen. ABER auch angenommen, empfangen, umarmt.

Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Ps 139, 13-14

2 Gedanken zu „Nein danke.

  1. Liebe Sonja! Kann das so gut nachvollziehen. Danke für die guten Gedanken! Hab mir am Wochenende auch den Kopf zerbrochen weil mein Sohn oft soooo wild ist (und manchmal echt gemein sein kann- mit Schubsen und „DU darfst nicht mitspielen…).
    In meiner Aufregung habe ich meine Freundin, eine tolle Grundschullehrerin, angerufen und sie hat mir folgendes gesagt: „Christina, es gibt keine braven Kinder! Die einen sind wild und machen ganz offensichtlich DInge die manchmal nicht toll sind, „brave“ Mädels machen es halt still und leise hintenrum.“ Irgendwie hat mir das gut getan:-) (und sie meinte solange er keine Tiere quält muß ich mir keine Sorgen machen :-)). GLg ! Christina

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    1. Liebe Christina! Vielen Dank für deine Antwort. Lustig, ich „konsultiere“ auch immer zwei gute Freundinnen, beides Grundschullehrerinnen 🙂 Ich finde, die haben so den Überblick über „normal“ oder „sehr auffallend“…

      Grundsätzlich habe ich ein totales JA zu meinen Kindern – wie sie sind, wie sie ticken – aber immer wieder einmal fällt mir einfach auf, dass sie nicht konform sind, nicht in jede Schublade passen, gar stören. Damit muss ich leben lernen.

      Alles Liebe dir – danke für deinen Blog, ich kann so viel daraus nehmen! Sonja

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