Müde bin ich, geh zur Ruh… ?

Ich das nicht ein wunderbares Lied:

Müde bin ich
geh zur Ruh
Schliesse meine Augen zu
Vater, laß die Augen dein
über meinem Bette sein.

Als Kind habe ich es einfach gesungen. Heute weiss ich, was für ein Privileg es ist, zur Ruhe gehen zu dürfen. Überhaupt, Ruhe: Was für ein himmlischer Zustand! Da bin ich ganz bei mir, da darf meine Seele baumeln, da kann ich einfach sein.

Heute eben, da singe ich das Lied etwas anders:

Müde bin ich
…bringe die Kinder ins Bett.
…schaue, dass aufgeräumt wird.
…räume selber auf.
…schlichte Streit.
…bändige den Tumult…
…und so weiter!!

Nix mehr mit „geh zur Ruh“, auf jeden Fall selten dann, wenn ich das Bedürfnis hätte. Und das macht mir oft zu schaffen!

Meist merke ich gar nicht recht, dass ich müde bin. Ich sehe eine Aufgabe vor mir – eine, die ich nicht ein anderes Mal erledigen kann, wie zum Beispiel die Kinder zu Bett bringen – und merke, dass mir eigentlich die Kraft fehlt. Dass ich nicht gegen den Widerstand gewappnet bin. Es ist eine Patt-Situation: Ich bin müde, die Kinder sind müde. Ich habe einen Auftrag, sie haben einen. Lust und Kraft fehlt uns allen.

In solchen Situationen fühle mich ohnmächtig und hilflos, und dies kann in mir eine ziemliche Wut auslösen. Dass ich „einfach“ müde war, merke ich oft erst hinterher: Wenn ich mich so richtig geärgert habe. Gelockt. Mit Strafe gedroht. Geschrien. Wenn ich innerlich stoppe und mich so richtig schlecht fühle.

Hinter meiner Wut, das stellte ich in den letzten Tagen fest, steht mein Anspruch, ein Recht auf Ruhe zu haben. Schliesslich arbeite ich den ganzen Tag, da habe ich schon eine Pause verdient, oder!? Also bitte.

Dieser Anspruch auf Ruhe, so verständlich er ist, hat aber etwas Gefährliches: Wenn ich merke, dass er sich nicht erfüllt, fühle ich mich betrogen. Und das ist dann eigentlich genau der Punkt, der mich wütend macht.

Es ist keine neuartige Erkenntnis, dass hinter Aggression Frustration steckt. Ebenso ist bekannt, dass Ziele, die von anderen sabotiert werden können, Frustrationsquellen sind. Für mich würde das also konkret heissen: Wenn die Kinder „meine Ruhe“ stören können, komme ich aus dem Frust nicht mehr heraus. Denn das tun sie vielleicht nicht jedes Mal, aber doch sehr, sehr oft. Als „meine Ruhe“ bezeichne ich die Mittagspause und die Nachtruhe.

Die Lösung wäre nun natürlich ganz einfach: Anstelle von „Ruhe haben“ könnte ich als mein persönliches Ziel definieren: „ruhig zu bleiben“. Das kann nämlich niemand sabotieren, ausser ich selber. Unweigerlich sehe ich mich vor meinem geistigen Auge: „(Laut:) Zähne putzen!! (Flüsterton:) Ich bleibe ruhig. ZÄHNE PUTZEN!! (Säuselnd:) Ich bleibe ruhig.“ Und so weiter! Ha!

Vielleicht überdenke ich gescheiter den Anspruch. Mein Recht. Leider, und das ist die Wahrheit, existiert dieses Recht gar nicht. Natürlich versteht jeder Mensch der Welt, dass Pausen nötig sind. Und wer würde einer abgekämpften Mutter keine gönnen wollen? ABER: Ich habe mich für Kinder entschieden, und das bedeutet auch, dass das Spiel anders funktioniert. Es sind keine Erwachsene, mit denen ich auf vertraglicher Basis zu tun habe. Es sind Kinder, die am Lernen sind. Sie lernen, zu spielen ohne sich zu verkloppen. Sie lernen, zu essen ohne ihre unmittelbare Umgebung zu verschmieren. Sie lernen, zu teilen, Gefühle angemessen zu äussern, zu formulieren, Ordnung zu halten, und und und.

Es geht mir am besten, wenn ich meine Ansprüche loslasse, mein „Recht“ aufgebe. Es kostet mich alles – aber nur dann, wenn ich einzig und allein auf mich selber schaue. Wenn ich sehe, wie müde ich bin, wieviel noch aufgeräumt werden muss, wie wenig Energie ich habe.

Sobald ich es schaffe, meine Augen zu erheben, sehe ich noch viel, viel mehr: Eine gesunde, laute, meist fröhliche Schar von vier Kindern. Ein Pfarrhaus, in dem uns allen wohl ist – mit riesigem Garten, in dem zu jeder Jahreszeit irgend etwas blüht, das weiss, lila oder rosa ist. Eine wundervolle Ehe. Freunde, die ich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen kann, wenn etwas passiert.

Und da gibt es noch eine Ebene, die mich jeden Anspruch fröhlich fallen lassen lässt, so ich sie denn sehen kann: Der Versorger, der König. Der Friedefürst, der die Herrschaft auf seiner Schulter ruhen lässt. (Ruhen.) Er, der sieht, wann ich wirklich nicht mehr kann. Er verheisst den Müden Kraft. Glaube ich das denn jetzt, gerade in meinem Müdesein? Inmitten handfester Probleme?? Manchmal gelingt es mir, darauf zu antworten: „Na also, die Kraft, die nehm ich doch!!“

 

 

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