sollte, könnte und würde

Die Tage werden kürzer, die Luft wird klirrender, die Welt grauer. Die Menschen sind sich am Einigeln. Lichter, Tannenbäume und Kerzen verkünden: Der Advent ist da!

So sehr ich sie geniesse, die Vorweihnachtszeit beinhaltet für mich auch Jahr für Jahr die gleiche Versuchung: perfekte Bilder.

Kinder, die Plätzchen ausstechen. Und Grittibänzen backen. Das Haus, das wundervoll dekoriert und grundsätzlich sauber ist. Der Advent, der besinnlich und friedlich ist und Raum zur Vorfreude lässt. Die Geschenke, die zwar nicht im Zentrum stehen, jedoch auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kinder und Erwachsenen abgestimmt sind sowie frühzeitig besorgt und schön eingepackt wurden. Die Weihnachtsgrüsse, die in Form einer selbst gestalteten Karte alle Freunde rechtzeitig erreichen.

Besinnlichkeit, Vorfreude, Genuss, Gemeinschaft. Und so weiter!

Beim Einkaufen diese Woche ging mir durch den Kopf, dass Weihnachten, das Fest, das ich sehr liebe, zu einer einzigen grossen To Do-Liste verkommen ist. Dauernd kommen mir kleine oder grosse Dinge in den Sinn, die noch erledigt, besprochen, organisiert, gekauft oder vorbereitet werden wollen.

Ich finde, dass ich meine Ansprüche schon ziemlich heruntergeschraubt habe. Beispiele gefällig? Den Grittibänz habe ich dieses Jahr nicht gebacken, sondern gekauft, schlechtes Gewissen inklusive. Plätzchen haben wir noch gar keine gebacken, und ich habe es auch nicht  vor. Wenige Weihnachtskarten stemple ich dieses Jahr selber (letztes Jahr habe ich eine selber gestaltete Karte drucken lassen), auf einen „Familien-Info-Brief“ verzichte ich.

Und trotzdem fühle ich mich gestresst. Meine Seele schreit innerlich nach Ruhe. Ich fühle mich wie die bekannteste Macherin des Neuen Testaments: „Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe“ Lk 10,41. Ja, seufz – habe ich!

Der Verdacht entsteht, dass mein grösster Feind nicht die To Do-Liste ist. Die ist zu bewältigen, und ich habe auch gelernt, Punkte zu streichen. Nein: Meine eigenen hohen Ansprüche an mich selber stellen mir wieder einmal ein Bein. Meine perfekten Bilder. Ich möchte es soo gern gut machen. Nicht perfekt. Aber, sagen wir, so richtig gut.

Von diesen Ansprüchen kann ich mich nicht selber erlösen. Da brauche ich den Einen, der mich erlöst hat. Der alle kurligen Ansprüche, alle niederen Motive auf sich genommen und weggetragen hat. Dessen Geburt wir an Weihnachten feiern.

Wage ich es, dieses Geschenk anzunehmen? Mich auf den Boden Seiner Gnade zu stellen? Ihm meine Schwachheit und Unvollkommenheit zuzumuten? Und Ihm alle meine perfekten Bilder zu übergeben? Den ganzen Stress, der damit verbunden ist? Wage ich es, Unvollkommenheit zuzulassen? Die Schwachheit, die damit verbunden ist? Den Schmerz darüber, dass ich – dass die Welt und ich noch lange nicht an dem Punkt sind, wo ich sie gerne haben würde? Den Zerriss, wenn ich das Vollkommene, Wunderbare erahne und erspüre, und im Gegensatz dazu dann das im Wachstum begriffene, Unvollkommene sehe?

Ich will es auf jeden Fall wagen. Falls nötig, jeden Tag neu. Ich möchte mich fallenlassen in die liebevollen Hände des guten Hirten, der mir verspricht: „Mir zu dienen ist keine Bürde für euch, meine Last ist leicht“ (Mt 11,30). Keine Bürde, eine LEICHTE Last – das klingt gut.

Und falls ich meine Entscheidung wieder vergesse, hat Er bereits eine Sicherung eingebaut: den Heiligen Geist. Wenn ich in alte Muster verfalle, darf ich gewiss sein: „Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Joh 14,26

Ja, das ist Weihnachten! Diese Erlösung, diese Freiheit, diese Freude!

 

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