Unser Koma – ein Nachruf

In den letzten Monaten war der Tod ein wiederkehrender Begleiter. Kurz vor Weihnachten starb eine Freundin, die nach sieben langen, von Wundern geprägten Jahren den Lauf vollendet hat und nach Hause zu ihrem Jesus ging. Mein ältester Sohn, sie war die Mutter seines Freundes, durfte sie mit mir auf ihrem Totenbett verabschieden. Die Beerdigung war ein Fest voller Tränen, Trauer und trotzdem Dankbarkeit.

Gestern Nacht starb meine 96 Jahre alte Grossmutter (wir nannten sie immer „Koma“), die Mutter meines Vaters. Koma starb nach eineinhalb langen Jahren im Pflegeheim, zuletzt im Krankenhaus, weil sie Fieber hatte. Es ist meine zweite Grossmutter, die jetzt von uns gegangen ist.

Es fühlt sich seltsam an, keine leiblichen Grosseltern mehr zu haben, auch wenn ich weiss, dass dies nichts Ungewöhnliches ist. Das Ungewöhnliche ist eher, dass sie so lange leben durfte.

In meiner Kindheit besuchte Koma uns jeden Mittwoch. Mittwoch war Koma-Tag. Sie wollte uns sehen und meiner Mutter, die mit fünf Kindern gut beschäftigt war, helfen. Das Saugen und Wischen des Fussbodens wurden zu ihrer Aufgabe. Ansonsten schätzte sie wohl vor allem die Gemeinschaft am Esstisch, die feinen Mahlzeiten meiner Mutter und den Trubel in unserem Sieben-Personen-Haushalt. Lange brachte sie jeden Mittwoch eine Schachtel voller Pâtisserie (zu Deutsch: feine Backwaren) oder eine Torte zum Dessert mit. Koma konnte gefühlte Stunden am Tisch sitzen bleiben. Ihr Teller wurde nur sehr langsam leer, dafür redete sie umso lieber und tat sie ihre Meinungen zum Teil lautstark kund. Sie freute sich über lebendige Diskussionen, nicht immer über gegensätzliche Meinungen.

Ihrer lebensbejahenden Fröhlichkeit zum Trotz hatte sie keine einfache Kindheit. Zu ihrer Zeit war familiäre Geborgenheit wohl ein fremder Begriff, und ich glaube, das ging ihr lange nach. Umgekehrt war es auch mit ihr oft herausfordernd. Ich war nicht ihr Lieblings-Enkelkind. Das war mein älterer Bruder. Sie hatte mich sehr gern, aber er hatte einen besonderen Platz in ihrem Herzen, was ich immer wieder wahrnahm. Mit der Geburt meiner jüngeren Geschwister verlor sich dieses Gefühl ein wenig; ihre Liebe teilte sich gleichmässiger auf. Vielleicht hatte sie aber auch schlicht keine Zeit mehr für „Extras“. Dann kam meine jüngste Schwester zur Welt, das „Fröschli“, und sie wurde oft und reich beschenkt. Ich hatte zu dieser Zeit eine besonders schwierige Phase, was ihr den Zugang zu mir bestimmt auch nicht erleichterte. Und meine Schwester war (und ist!) supersüss und liebenswert. Trotzdem war das damals schmerzhaft. Ungleichheiten waren ihr jedoch nicht bewusst. Überhaupt, sie machte sich wenige Gedanken darum, was andere von ihr dachten. Sie war einfach sich selber, manchmal laut und fordernd, manchmal laut lachend; immer echt und greifbar.

Zu meinen schönsten Kindheits-Erinnerungen zählen die vielen Male, wo ich bei ihr übernachten durfte. Wir machten dann einen „Frauentag“, zogen zuerst in die Milchbar, dann zu Jelmoli, einem Zürcher Geschäft, das Koma liebte; dabei kaufte sie mir wunderbare Dinge, die ich noch nie gesehen hatte. Verschwommen erinnere ich mich an eine goldene Badekappe, die ich zwar faszinierend fand, aber nie trug. Sie wollte mich Besonderes erleben lassen, und das gelang ihr.

Koma genoss ihr Leben in vollen Zügen. Sie ass gern, lachte gern, hörte gerne zu und redete gern. Bis ins hohe Alter färbte sie ihre Haare, liebte Pommes frites und Coca Cola und Kaffee und Kuchen.

Mit dem Älterwerden wurde sie zusehends weicher, versöhnter, lieblicher und feinfühliger. Jedes Mal, wenn ich sie sah, ging es ihr „sehr gut!“; jedes Mal freute sie sich über unsere Kinder, über mich und meinen Mann. Mich berührte, dass sie unsere lauten, forschen Buben und das kecke Mädchen über alles liebte. Jedes Mal, wenn wir sie im Pflegeheim besuchten, bekräftigte sie mir, wie aufgeweckt, hübsch, lustig und liebevoll meine Kinder seien. Was für ein Geschenk es sei, solche Kinder zu haben. Wie streng es für mich sein müsse. Aber wie schön es sei, so herzige Kinder zu haben. Dies dachte sie auch über alle anderen anderen Enkel und Grossenkel, und davon gibt es einen ganzen Haufen. Diese Liebe und Freude hat in unseren Kindern nachhaltige Spuren hinterlassen. Sie freuten sich immer, wenn wir sie im Pflegeheim besuchten. Und als es ihr schlechter ging, ging es ihnen sehr zu Herzen.

Vor einigen Tagen besuchten sie wir alle. Bei dieser letzten Begegnung hatte sie einen der selten gewordenen lichten Momente. Sie sagte: „Ihr habt mir eine Riesenfreude gemacht, dass ihr alle nochmals gekommen seid!“ Diesen Satz trage ich im Herzen.

Unser Koma ist nun in der Herrlichkeit. Ich vermisse sie sehr und freue mich darauf, sie irgendwann wiederzusehen.

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