Stille

Die anstrengendsten Ferien des Jahres sind hinter uns: die Skiferien. Ich liebe es, die Pisten herunterzubrausen. Ich war 20 Jahre lang Snowboard gefahren und fahre seit letztem Jahr wieder Ski. Es ist wunderbar, rasant, aufregend! Nur auf die gefühlten 99% drum herum kann ich verzichten. Das Laufen mit Skischuhen. Das Anziehen von kleinen Kindern, die rechtzeitig zum Skikurs gehen müssen. Die innere Anspannung der Kinder bei den Skirennen (die ich eins zu eins übernehme). Die Rangverkündigung, die nicht endet und Freude oder Frustration bewirkt, unabhängig vom eigentlichen Können. – Ich beeile mich zu versichern, dass ich sehr dankbar bin, dass wir in die Skiferien fahren dürfen. Noch dazu in eine herzige Wohnung, die uns eine grosszügige Freundin zur Verfügung stellt! Mit Blick auf die Skipiste, besser geht’s ehrlich nicht. Trotzdem: Für mich ist die Woche anstrengend.

Wir sind zurück, und damit lasse ich den Winter definitiv hinter mir. Jedes Jahr am 1. März atme ich innerlich auf: Der Winter ist vorbei. Da ertrage ich sogar unerwartetes Schneegestöber mit einem inneren Achselzucken. Das letzte Aufbäumen des Winters. Soll er doch. Ich sehe überall Wachstum, kleine grüne Knospen, Sonnenstrahlen, und meine Seele erfreut sich daran! Dieses Jahr geht das schon heute los. Es wird die ganze Woche nicht unter 9 Grad sein, juhu!

Mit dem 1. März beginnt dieses Jahr die Fastenzeit. Früher war ich immer eifrig mit dabei, danach lange Jahre nicht mehr. Ich war vier Jahre lang Single und dachte: Ich faste Ehe, das reicht! Heute, elf Jahre später, mit Ehemann und vier Kindern, mache ich mir wieder neu Gedanken. Da ich dazu neige, alles „besonders gut“ machen zu wollen, also auch ein Fasten, habe ich oft darauf verzichtet zu verzichten. Es artet immer wieder in Leistungssport aus, und ich will mir die Gnade Gottes definitiv nicht mit frommen Übungen verdienen. Ebenso möchte ich nicht aus Wellness-Gründen fasten: Der Verzicht auf Süsses und Alkohol tut vor allem dem Körper gut. Und nebenbei noch ein, zwei Kilos loswerden? Eben.

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, auf das gemütliche Glas Wein am Wochenende zu verzichten. Und auf alle sozialen Medien. Nicht, weil ich Facebook und Co. per se schlecht oder Wein verwerflich fände. Sondern weil ich merke, dass beides eine Art Zufluchtsort werden kann, wenn ich müde, frustriert, ausgepowert bin. Beides kann mich für ein paar Minuten oder Stunden einlullen und mich die anstrende Erziehungsarbeit vergessen lassen. Beides bewirkt, dass ich mich gut fühle, ohne dass sich das Geringste verändert hätte. Es bewirkt, dass ich Dinge übergehe, die ich besser genauer anschauen sollte. Es lässt mich Dinge vergessen und beiseite schieben.

Müde und ausgepowert fühle ich mich oft. Meine Persönlichkeit ist so gestrickt, dass ich immer wieder sehr viel mache, zuviel, dann plötzlich müde werde und mich ausruhen und herunterfahren möchte. Schaffe ich das, wird mir sofort wieder langweilig. Eine mühsame Eigenschaft. Oft bin ich entweder hyperaktiv oder fühle mich ausgelaugt und abgeschlagen. Ich habe einerseits eine weite Grenze und andererseits eine sehr enge. Heute wurde ich in Kommentaren eines wunderbaren Blogartikels wieder an einen Ausdruck erinnert, der mich gut beschreibt: extravertiert-hochsensibel. Gibt’s in echt. Und ist nicht unanstrengend.

Beim Zuviel möchte ich in diesem Jahr ansetzen.

Seit vielen Jahren spricht Gott zu mir – manchmal durch die Blume, manchmal mit der Holzhammer-Methode – über Kontemplation. Eine Gebetsform, die sich durchs Sein definiert. Dasein. In Beziehung sein. Nichts tun, nichts denken, sondern gegenwärtig sein. Nicht gerade das, was mir naturgemäss liegt. Immer wieder habe ich Anläufe genommen, diese Gebetsform über längere Zeit zu praktizieren, weil ich die Resultatlosigkeit theoretisch sehr liebe. Praktisch hat sich das dann trotzdem immer auf meine Motivation ausgewirkt, negativ. Aber eben, wenn Gott redet, dann tut er es mit einer gewissen Hartnäckigkeit. Das letzte Mal durch das geliebte Buch „Gebet als Begegnung“, dieses Mal durch Shauna Niequists „Present Over Perfect“. Ich kann mich dem nicht mehr entziehen; in mir ruft, ja schreit etwas nach der Begegnung mit dem lebendigen Gott, sei der Weg dahin noch so unfühlbar, unsichtbar, unhörbar. Aber er führt in die Stille, die es auszuhalten gilt.

Ich kann mir vorstellen, dass mir der diesjährige Verzicht dabei helfen kann, in die Stille zu finden. Wenn ich nicht in die Medien flüchten „darf“, um mich abzulenken, abzuregen, dann bin ich viel mehr auf mich selber geworfen. Und nicht auf mich allein, sondern auf diesen Gott, der mich zieht, da ist, wartet.

5 Gedanken zu „Stille

  1. Liebe Sonja, facebook und Co. als Zufluchtsort, das kenn ich auch! Danke, dass du das so gut in Worte gefasst hast! Es stimmt, es lässt mich mich gut fühlen für den Moment auch wenn sich nichts geändert hat und ich kann Dinge gut beiseite schieben, statt sie anzuschauen. Aber Gott ist im Hier und Jetzt und wenn ich IHM begegnen will, dann muss ich auch Hier und Jetzt DA SEIN. Nicht mehr und nicht weniger, und doch fällt mir das oft so schwer. Dein Text ermutigt mich, dran zu bleiben. Danke 🙂

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  2. Hallo Sonja, da finde ich mich auch sehr gut wieder. Gerade in einem vollen Haus, in dem man ja auch immer Ansprechpartnerin ist, ist es um so wichtiger, Raum für das Wesentliche freizuschaufeln. Also mache ich mich am Aschermittwoch auch wieder neu auf den Weg- und bin Frau, nicht allein auf dem Weg zu sein.Liebe Grüße und gesegnete Fastenzeit

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    1. Hallo Sandra, genau: Die Ruhe hat man definitiv gegen Kinder eingetauscht. Wie du es sagst, da braucht es noch viel mehr Achtsamkeit.

      Von Herzen wünsche ich auch dir eine gesegnete Fastenzeit mit vielen Momenten des Seins.

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