…und ihr so?

Vor ein paar Tagen hatte ich ein sehr cooles Erlebnis. Ich war am Abend zu einem Anlass eingeladen (also: ich, nicht: wir), auf den ich mich schon lange freute. Am Tag des Anlasses war ich jedoch extrem müde und extrem genervt. Ich wollte gerade absagen (innerer Satz: „Ich brauche Ruhe, um mich zu erholen.“), als eine leise Stimme ruhig und bestimmt „Nein!“ sagte. Nein? Wie jetzt – nicht absagen? Aber ich brauche doch Ruhe und Einsamkeit, um zu regenerieren? So tanke ich doch auf? Na, dann eben nicht. Immer noch müde und genervt, nicht mal gross zurechtgemacht (seit ich nicht mehr ganztags nach Kinderkotze rieche, liebe ich es, mich ab und zu aufzubrezeln) machte ich mich auf den Weg. Die Zeit verging wie im Fluge: Ich lachte, ass und redete, lernte neue Leute kennen, und als ich wieder daheim auf dem Sofa sass, merkte ich zu meinem grossen Erstaunen, dass ich entspannt, fit und richtig fröhlich war. Mir hatte die Gemeinschaft unheimlich wohl getan.

Anderer Tag, andere Situation. Besuch von einer Mutter, die ich bisher nur flüchtig kannte, mit ihren zwei Kindern. Eigentlich nett. Der Nachmittag hinterliess mich innerlich und äusserlich erschöpft. Und dann brauchte ich lange, um herauszufiltern, was eigentlich in mir passiert war. Das Gespräch war intensiv und liess wenig Zeit, nach den Kindern zu schauen. Ein Fehler, wie sich bald herausstellte. Als Mattia nach Hause kam und sein Zimmer sah, war er am Boden zerstört – genau wie seine in stundenlanger Arbeit liebevoll aufgebauten Lego-Spielsachen. Und dazwischen? War es der immer wiederkehrende Versuch der Mutter, ihre Leistungen hervorzuheben? Meine eigenen Versuche, daneben nicht abzufallen? Gehört zu werden? War es mein Unvermögen, dem wilden Treiben der Kinder Einhalt zu gebieten? Meine Unfähigkeit, das Gespräch zu unterbrechen und mit einen Überblick zu verschaffen? Was ich sicher sagen kann: Meine Grenzen wurden überschritten, ich realisierte es zu spät, und ich konnte im Moment nicht reagieren. Und wenn ich mich selber derart übergehe, hat das immer ein Nachspiel. Dasjenige dieses Tages war: Guetzli (Kekse) zu futtern.

Ich lese gerade wieder in meinem geliebten Buch Gebet als Begegnung: Kontemplatives Leben im 21. Jahrhundert“. Ein Kapitel heisst: Das Examen. Bei dieser Übung, die vorzugsweise am Abend und mit Tagebuch gemacht wird, bitte ich Gott, mir zu zeigen, wo ich heute dankbar war, wodurch ich Kraft erhielt, was mich mit Leben erfüllt hat. Diese Momente werden „Momente des Zuspruchs“ genannt. Kommt eine Erinnerung, gehe ich bewusst nochmals in die Freude und Kraft hinein, die mir Gott durch die kleine oder grosse Begebenheit geschenkt hat. Ich danke Gott für diesen Moment und frage ihn, was genau diesen Moment so lebensspendend machte.

Danach bitte ich Gott, mir zu zeigen, in welchem Moment ich am wenigsten Kraft hatte, wofür ich am wenigsten dankbar bin, was mir Energie und Leben entzogen hatte. Die „Momente der Verwüstung“. Ist er präsent, lasse ich auch diesen Moment an mir vorbeigehen, durchlebe den Schmerz, die Scham, die Angst oder den Ärger nochmals. Dann frage ich Gott, was es mit diesem Moment auf sich hat. Ich schreibe meine Einsichten und Gedanken auf; danach bitte ich Gott um Trost und bleibe bewusst eine Zeit lang in seiner Liebe. Auch für diesen Moment danke ich Gott.

Die beiden Situationen oben waren Momente des Zuspruchs und Momente der Verwüstung. Bei dem Moment des Zuspruchs war wesentlich, dass Gott hat meine selbst gesetzten Grenzen, meine inneren Sätze, meine Vorstellungen gesprengt und mich trotz Umstände, die ich nicht gewählt hätte, frei und kraftvoll gemacht hatte. Der Moment der Verwüstung beinhaltete zuerst Trost. Ich durfte mich einfach trösten lassen. Dann kam die Ermutigung, bei mir selber zu bleiben. Ich wurde darin bestärkt, meine sich kurios anmutenden Gefühle ernst zu nehmen und ihnen Raum zu geben. Der Moment der Verwüstung beinhaltete schliesslich auch Vergebung, Loslassen, Freiheit.

Ich bin so begeistert darüber, dass Gott meine grossen und kleinen Gefühle kennt, und dass er alles, alles brauchen kann, um mir seine riesige Liebe zu zeigen. Ich muss nicht perfekt sein, obwohl ich es tagtäglich versuche. Ich muss nicht über den Dingen stehen, sondern darf erleben, wie er mit mir mitten drin steht. So macht es Spass mit diesem Gott! Bei ihm ist keine Anklage, keine Verurteilung – nur Annahme, Wahrheit, Trost, Gnade.

2 Gedanken zu „…und ihr so?

  1. das hast dumal wieder toll geschrieben, Sonja! Genau so geht es mir oft auch.Danke für die Erinnnerung an das Examen! Ich hab es eine Zeit lang gemacht und es hat mir wirklich geholfen….Vielleicht sollte ich das wieder öfters machen. Segen dir und liebste Grüße in die schöne Schweiz!!!

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