Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

Diesen Aufsatz von Heinrich von Kleist habe ich zwar nie gelesen, der Titel aber begleitet mich seit Jahren. Ich finde, er klingt sehr elegant und stylish. Und er ist so wahr! Man kann es auch anders formulieren. Kürzlich schrieb mir eine liebe Freundin: „Ich bin eben jemand, der erst beim Reden  herausfindet, was er eigentlich denkt, wirklich denkt und glaubt.“ Ja, so ticke ich auch! Genau so ist es! Erst beim Reden! Oder beim Schreiben!

Vermutlich habe ich aus diesem Grund angefangen, einen Blog zu schreiben.

Obwohl, zur Zeit fällt es mir schwer zu schreiben. So viel Innerliches ist am Tun, und so unfähig fühle ich mich, dies in Worte zu fassen. Ich habe zweimal angefangen, die Texte dann aber beim Durchlesen wieder verworfen. Da war keine konkrete Herausforderung, kein gelöstes Problem, keine neue Erkenntnis und auch sonst wenig Spannendes oder Erhellendes. Ich fühlte mich emotional zwischen Stühlen und Bänken – irgendwo im Nirgendwo. Dass ich nicht im Reinen bin mit war, merkte ich an meinen ungeduldigen Reaktionen den Kindern gegenüber. Mich nervte zur Zeit wieder vieles; die ewig unaufgeräumten Zimmer, die Böden, die einen Selbst-Verunreinigungs-Mechanismus zu besitzen scheinen, die schmutzigen Fenster. Und alles natürlich kurz vor Ostern.

Beim Innehalten merkte ich, dass es wieder eine diffuse Summe war von Kleinigkeiten, die mir allesamt bekannt vorkommen: Hier eine Verantwortung zuviel, da eine Aufgabe, die ich nur anderen zuliebe übernommen hatte. Hier ein Abend voll, da eine Stunde zuwenig Zeit für mich. Und gleichzeitig erzieherische Herausforderungen, denen mit den üblichen Verdächtigen (Belohnen und Bestrafen. Reden. Zuhören. Locken. Drohen! Ignorieren) nicht beizukommen war.

Etwas frustriert dachte ich, dass ich meine ewig gleichen Themen niemanden zumuten kann, schon gar nicht auf dem Blog. Es ist doch beschämend, an den immer wieder gleichen Punkten zu versagen…. Und so zog die Zeit ins Land, besser wurde nichts.

Kurz vor Ostern: die Auferstehung. Ein Lichtstrahl brach durch das Dunkel der Verwirrung, der Diffusität. Klarheit und Ruhe kamen in mein Herz. Es war nicht der eine Moment, in dem das geschah, sondern ein allmähliches Durchschreiten des Tales. Hier ein Funkeln, da ein Lichtblick. Ich glaube, es hatte damit zu tun, dass ich redete. Mich ausdrückte, mitteilte. Da gingen mir selber Riesen-Lichter auf. Meine Gedanken wurden so eben „allmählich verfertigt“, sprich klar, konkret, benennbar. Und was benennbar ist, kann behandelt werden.

Für mich war dieses eigentlich alltägliche Erleben deshalb besonders, weil ich anders geprägt bin. Schwierigkeiten bespreche ich am liebsten mit mir selber. Ich habe von klein auf gedacht, und ich denke es unbewusst immer noch: Die grössten Lasten kann mir niemand tragen helfen. Wenn, dann trage ich diejenigen der anderen. (Ähm…) Ich musste mich deshalb entscheiden, mein Herz zu öffnen, meine Gedanken zu offenbaren, und zwar auch die langweiligen, die unfertigen, wirren. Mich zuzumuten.

Und andersherum, auch dem Gegenüber Raum zu geben. Ob’s jetzt grad passt oder nicht. Ins Konzept.

Die Entscheidung lohnt sich jedesmal. Der Martin (Buber) wusste das auch schon! Darum prägte er unter anderem den Satz: Der Mensch wird am Du zum Ich. Oder anders gesagt: Wir brauchen einander. Wir sind zur Gemeinschaft erschaffen. This is what we’re made for! Definitiv!

…und hier noch: die Fotos des Tages!

IMG_6754IMG_6748

 

 

 

3 Gedanken zu „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden

  1. Ach wie schön, dass du hier wieder „weiterdenkst“. Mir geht es auch so: ich denke beim Reden und beim Schreiben. Und immer wieder merke ich, dass wir ähnliche Gedanken haben und wenn ich bei dir lese etwas in mir „weiterdenkt“…Danke fürs teilen! Gerade das Alltägliche und Unfertige. Es bereichert mich. Wie schön, dass du die Auferstehung dieses Jahr so erlebt hast! Sei umarmt – wir bleiben unseren Geschichten auf der Spur!!! Christina

    Gefällt mir

    1. Liebe Christina, vielen Dank für deine Worte! Und es geht mir bei deinem Blog genau gleich! Deine Texte rühren praktisch immer etwas bei mir an, meist etwas, wo ich selbst dran bin… Ja, lass uns dran bleiben, unsere Gedanken weiter teilen. Sei auch lieb umarmt!!

      Gefällt mir

  2. Über die Empfehlung bei mamaabba bin ich nun auch noch auf diesen Beitrag von dir gestossen… und er trifft mitten ins Herz. Deine Offenheit und Ehrlichkeit berühren mich. Ich finde mich wieder und entdecke, dass nicht nur die Namen unserer Blogs ähnlich sind… Danke für dein Teilen von dem, was dich bewegt!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s