Zweimal Frühstück

Vor einigen Tagen hatte ich einen unangenehmen Termin: Dentalhygiene. Eine knappe Stunde wurde an meinen Zähnen herumgestochert, gefeilt, poliert, während ich die Zimmereinrichtung studieren konnte und gleichzeitig überlegen, was bis zum nächsten Wochenende noch vorbereitet werden musste. Ich liebe Listen und kann es jeweils kaum erwarten, sie zu Papier zu bringen. Eine Aufgabe sieht dann meist überschaubar aus, und ich sonne mich in dem Gefühl, nichts zu vergessen.

Nach der Dentalhygiene, die ja immer ein paar unangenehme, sprich schmerzhafte Nebeneffekte hat, gönnte ich mir in einem nahegelegenen, neu eröffneten Bäckerei-Café ein kleines zweites Frühstück: einen Cappuccino und ein Gipfeli. Der Kaffee war nicht sonderlich gut (da bin ich sehr verwöhnt), aber das Schönste war, dass hinter mir ein Glasfenster war, durch das man direkt in die Backstube schauen und den Bäckern und Konditoren bei der Arbeit zusehen konnte. Beim Backen! Das ist meine LEI-DEN-SCHAFT! Ich genoss mein zweites Frühstück in aller Ruhe und liess mich auch nicht von der Tatsache einschüchtern, dass einige Leute nach einem freien Tisch suchten. Nein, dieser Moment gehörte mir. Und ich kostete ihn gemütlich aus. Das Café verliess ich nicht, ohne mich mit einem riesigen Schoko-Maikäfer und einem zweiten Geschenk eingedeckt zu haben. Danach fuhr ich nach Hause und landete wieder in unserem Kosmos.

Eine kleine Episode. Erwähnenswert deshalb, weil es nicht oft eine Gelegenheit gibt, alleine einen Kaffee zu trinken. Seit neuneinhalb Jahren habe ich immer mindestens ein Kleinkind um mich herum. Der Kindergarten in der Schweiz startet mit frühestens vier Jahren; Mattia und Noah waren jeweils fast fünf Jahre alt, weil sie August-Kinder sind. In Deutschland erhalten Kinder ab dem 3. Geburtstag kostenfrei eine Halbtages-Betreuung. Manches Mal habe ich meine deutsche Verwandte (der Verwandschaftsgrad entfällt mir grad, es ist die Ehefrau des Cousins meines Mannes) beneidet und mir dasselbe Vorrecht auch hier in der Schweiz gewünscht. Und doch: Ich bin dankbar, dass ich diese lange Zeit mit jedem meiner Kinder haben durfte. Im Sommer kommt unser jüngstes Kind, Mahela, in den Kindergarten. Und so lange ich mich nach der Zeit gesehnt habe, in der ich die ganzen Vormittage – fünfmal pro Woche! – Zeit für mich habe, so spüre ich doch einen Hauch von Wehmut. Einen Windstoss manchmal!

Der Kaffee und das Gipfeli – eine kleine Pause zwischendurch. Ebenso der Kaffee frühmorgens, bevor die Kinder wach sind, mit Jesus; der Tee im Garten, wenn Pause ist; die liebevolle Nachricht einer Freundin. Es tut gut, gut zu sich selber zu sein. Ohne in Egoismus zu verfallen. Aber es stimmt eben doch: Du sollst deine Mitmenschen lieben wie dich selbst! …wie mich selber, eine selbstverständliche Voraussetzung… Im hektischen Alltag als Hausfrau und Mutter geht eben diese Selbstverständlichkeit oft vergessen. Ich selber gehe oft vergessen. Wenn alle Znünis vorbereitet wurden, der Frühstückstisch sauber gemacht, die Brösel gesaugt und das Mittagessen vorbereitet sind, hetze ich oft meiner To-Do-Liste hinterher. Der Kaffee und das Gipfeli haben mir einen kurzen Moment des Innehaltens verschafft, und meine Seele zehrte noch den ganzen Tag davon. Ich freue mich auf den nächsten Termin bei der Dentalhygiene! Da es noch ein Jahr dauert, suche ich mir noch ein paar andere Alltags-Oasen.

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2 Gedanken zu „Zweimal Frühstück

  1. Oh, das kann ich so gut nachfühlen, wie du das genossen hast… Bei mir kommt auch das Jüngste im September in den Kindergarten – hier in Deutschland wie du sagst schon mit drei Jahren. Nach 16 Jahren „immer Baby oder Kleinkind“ (und in den ersten Jahren noch einem Studium nebenher) freue ich mich unendlich darauf, vormittags einfach mal „mein Ding“ machen zu können… Was schlicht heißt, dass ich bei der Hausarbeit den Gedanken nachhängen kann und hoffentlich der ein oder andere Kaffee in Ruhe, der dann auch mal drin ist 😉 (Kostenfrei ist der Kiga in Deutschland übrigens nicht, die Gebühren variieren von Kommune zu Kommune sehr stark zwischen 0 Euro und hohen dreistelligen Beträgen. Unser evangelischer Kiga kostet für vier Stunden Betreuung am Tag ohne Essen 140 Euro. Lediglich das Vorschuljahr wird mit 100 Euro bezuschusst. Wer zu wenig verdient, bekommt den Betrag allerdings komplett vom Jugendamt, was eine wirklich hilfreiche Sache ist…) Liebe Grüße, Martha

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