dringend und wichtig

Während des Austausches im MIP-Gebet (Moms in Prayer, eine Gebetsgruppe von Müttern, die regelmässig für ihre Kinder/Schulhäuser/Lehrpersonen beten) teilte eine Mutter ihre Frage mit uns anderen, wie sie ihre drei Söhne am besten auf die Ehe vorbereiten könne. Was für eine wichtige Frage! In diesem Moment hatten wir nicht lange Zeit, um bei dem Thema zu verweilen. Aber es blieb ein Grundgefühl bei mir zurück: eine Sehnsucht nach dem wirklich Wichtigen. Etwas tief in mir drin war von dieser Frage angerührt. Und ich dachte darüber nach, was mich zur Zeit umtreibt.

Da ist viel Dringendes. Wir wissen es alle. Nicht nur, wenn das Kind schulpflichtig ist. Nicht nur, wenn es viele Kinder sind. Es gibt so viel zu tun! Die Hausaufgaben müssen erledigt sein, der Znüni bereit, die Haut eingecremt, die Zähne geputzt, die Haare frisiert. Streit geschlichtet, bevor es Verletzte gibt! Das Haus einigermassen aufgeräumt. Sport- und Arzttermine wahrgenommen.

Das Dringende, sofort Notwendige raubt dem wirklich Wichtigen den Raum.

Damit meine ich nicht, dass das Dringende unnötig ist. Es hat seine Berechtigung. Und manchmal ist es das einzige, woran wir uns durch den Tag hangeln. Das einzig Messbare, Abhäkelbare und Handfeste. Aber es raubt dem wirklich Wichtigen den Raum. Und es ist meine Verantwortung, in unserer Familie den Raum zu verteilen.

So leicht vergesse ich über meiner To-Do-Liste, dass meine Hauptaufgabe ist, unsere vier Kinder zu wundervollen, grosszügigen, weitherzigen, mitfühlenden, vertrauenswürdigen Menschen heranzuziehen. Die Gott lieben, mit sich selber und anderen versöhnt sind, ihren Wert und ihre Heimat kennen, ihre Gaben und Berufungen einbringen dürfen. Oder soll ich statt Hauptaufgabe sagen: mein allergrösster Wunsch? Der Grund, warum Kinder zu haben etwas so Schönes ist? Weil wir die Hoffnung haben, solche grossartigen Menschen heranwachsen lassen zu dürfen? Wir sind Ebenbilder Gottes und widerspiegeln ihn. (Ich habe keine Ahnung, warum er sich das so ausgedacht hat!) Da ist etwas in uns, das von Gott berührt und gesehen wird; etwas, das ihm ähnlich ist; etwas, das sich nach ihm sehnt und von ihm ersehnt wird.

Tief in mir weiss ich, ohne mich deswegen gestresst zu fühlen, dass diese Aufgabe weit schwieriger, anspruchsvoller, lohnender als alles Sichtbare ist. Und es löst nicht einmal Stress aus, sondern Ehrfurcht und Staunen. Weil ich weiss, dass ich das niemals kann, und schon gar nicht allein. Da hilft auch nichts, dass der Ehemann Pfarrer ist! Nein, ich bin total auf die Gnade geworfen. Gänzlich, vollumfänglich, umfassend. Nein, es stresst mich nicht. Oder sagen wir: fast nicht. Ich bin mir bewusst, dass diese Gnade anzunehmen mein Teil ist. Die Gnade, von Gott auf das grosse Ganze aufmerksam gemacht zu werden. Die Gnade, auf die innere Stimme zu hören, die mich leitet, führt, tröstet, aufbaut, geraderückt. Ich muss immer wieder neu an das wirklich Wichtige erinnert werden, und ich bin dankbar um alles, was mich darauf hinweist.

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4 Gedanken zu „dringend und wichtig

  1. Ach, wie recht du hast, liebe Sonja! SO gut sich den Unterschied von „wichtigem“ und „dringendem“ vor Augen zu halten. Danke für diese Erinnerung und deine guten Worte dazu (und was ist denn ein „Znüni“ ? :-)) Und wie schön, dass jetzt immer wieder Fotos dabei sind – du kannst ja wunderbar fotografieren! Was für ein Schmetterling!!! (dass sowas schönes aus ner Raupe kommt…) Segensgrüße aus Stuttgart zu Dir!!!

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    1. Liebe Christina, danke für deinen netten Kommentar. Ja, ich freu mich auch an den Fotos – macht grad was aus, und ich fotografiere sehr gerne. Ein Znüni ist eine kleine Zwischenmahlzeit am Vormittag, ihr habt dafür sicher auch einen Ausdruck, „Vesper“ sagt mein Mann, ein Schwabe, gerade… 😉 Und über den schönen Schmetterling haben wir uns nach der gefrässigen Raupe auch total gefreut! – Was ich bei meinem Kommentar an dich noch vergass: Ganz herzliche Gratulation zum neuen Buch!!! Herzensgrüsse aus Zürich!!

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  2. Liebe Sonja, ich lese seit einem halben Jahr deinen Blog. Immer wieder erfrischend Deine Texte!
    Letztes Jahr habe ich ganz brutal erlebt, wie plötzlich das viele Dringende unwichtig wurde. Zurück von tollen Ferien, erwartete mich im Beruf eine neue Aufgabe, Berge von schmutziger Wäsche, Arzttermine und die Geburtstagsfeier meines Sohnes nahm mich gleich in der ersten Woche in Beschlag. Da hatte unsere älteste Tochter (15) einen Fahrradunfall und kam mit einer schweren Kopfverletzung auf die Intensivstation. Als ich an dem Bett sass und meiner bewusstlosen Tocher über den Kopf strich, wusste ich nicht, wieviele tolle Gespräche ich mit ihr führen würde oder sie lachen höre.
    Wir erlebten Gnade und sie wurde uns ein zweites Mal geschenkt! Jetzt versuche ich mir mehr Zeit zu nehmen für das Wichtige obwohl ich fast täglich dann im „Streit“ stehe mit dem Dringenden. Ich lerne immer noch…
    Liebe Grüsse aus Uster

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    1. Liebe Stefanie! Herzlichen Dank für deinen Kommentar – mir sind grad die Tränen gekommen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das für dich gewesen sein muss, und doch gerade die Vorstellung verändert meine Haltung zum Alltag, zum Jetzt. Es macht mich dankbar für die Beziehungen, die uns geschenkt wurden. – Und ja, ich bin auch eine Lernende, was es heisst, mich immer wieder daran zu erinnern, was jetzt wichtig ist und was einfach dringend. Ganz herzliche Grüsse ans sehr nahe Uster! 🙂 Sonja

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