Ferien-Aspekte

Ferien. Noch dazu in Schottland und England. Die drei Wochen, nach denen wir uns gesehnt haben. Schon zu Ende.

Es gibt ein Buch mit dem Titel: Das Paradies ist immer woanders. Es geht darin um eine Reise nach Tasmanien (das Ziel unserer Hochzeitsreise vor bald zwölf Jahren), in der die Schönheiten der Insel (Artenvielfalt, saubere Luft, Landschaften), jedoch auch die Nöte (die Vergangenheit der Insel sowie die Ausbeutung der Natur) thematisiert werden. Der Titel sagt etwas Wahres aus: Wo wir uns paradiesische Zustände erhoffen, begegnen wir nicht nur der Schönheit, sondern immer wieder auch menschlichen Abgründen. Und wenn nicht denen anderer, so doch mindestens den eigenen. Oder anders ausgedrückt: Wir nehmen uns selber überallhin mit.

Am Freitag Abend genossen Franco und ich einen tasmanischen Prosecco, den es nur in England zu kaufen gibt, und der uns die Hochzeitsreise wieder ein Stückchen zurück brachte. (Das erinnert mich daran, dass wir früher Ehe-Abende hatten… und es meine Verantwortung wäre, wieder welche zu planen.) Ein schöner Abschluss zu zweit, und Zeit für einen Blick zurück. Wie waren denn die Ferien?!

Auch in diesem Jahr finde ich, dass die Frage weder einfach noch einheitlich zu beantworten ist. Zuviele verschiedene Aspekte schwingen mit, und je nach persönlicher Verfassung wiegt der eine oder der andere mehr.

In Schottland genoss ich vor allem zwei Dinge: die atemberaubende Wildheit der Natur und die grosse, fröhliche Gemeinschaft. Wir mieteten ein riesiges Haus in der Wildnis, das Franco unbedingt füllen wollte. Also verbrachten wir die Woche zusammen mit einem befreundeten Ehepaar aus England und meinen Eltern. Die Abende verbrachten wir meistens gemeinsam am langen Holztisch im Esszimmer, tranken Tee, Kaffee und Wein und schmiedeten Pläne für den nächsten Tag.

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In London (da verbrachten wir die zweite Woche) zog mich wie immer das pulsierende Grossstadtleben in seinen Bann. Franco und ich verbrachten im Jahr 2008 drei Monate da, seither fühlen wir uns da totaal zuhause. Victoria and Albert Museum, Tate Modern, London Bridge, Borough Market, aber auch die kleinen Gässchen und Eckchen, das Busfahren – alles kosteten wir aus.

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P1000655(Wer entdeckt das vierte Kind?)
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Klitzekleines Café

In Saltwood (Kent) genossen wir vor allem die Weite (und Höhe) unseres riesigen Rosamunde-Pilcher-Ferienhauses. Wir sind so dankbar, dass wir Jahr für Jahr die beiden (!) Häuser unserer Bekannten einfach so bewohnen dürfen.

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Erziehungsmässig finde ich Ferien immer herausfordernd. Unsere vier Alpha-Tierchen mit Führungsanspruch sind sehr lebhaft und entdeckungsfreudig. Dies in ordentliche und friedliche Bahnen zu lenken, erfordert oft unsere ganze Aufmerksamkeit. Sind wir selber grad müde und grätig, oder bloss abwesend (ich sage nur: Medienkonsum!), kann sich das eben noch friedliche Blatt schnell wenden. Zur gleichen Zeit tritt mein innerer Anspruch zutage: Müsste es nicht eine friedliche, einfach nur wunderbare Zeit sein? Wo wir zusammen durch den Alltag nahezu schweben? Alles geniessen und uns aneinander freuen? Und natürlich bin ich so immer wieder enttäuscht, wenn wegen (aus meiner Sicht) Kleinigkeiten Streit ausbricht, ein Kind reklamiert, weint oder einen Wutausbruch hat. An diesem inneren Anspruch habe ich in diesen Ferien herumgekaut. Und dabei eine Entdeckung gemacht: Manchmal bin ich darüber nur deshalb so erbost, weil ich mich schäme. Es ist mir peinlich, wenn sich meine Kinder streiten. Was denken die umstehenden Menschen denn nur?? Die scheinen nämlich durchwegs sehr gut erzogenen Nachwuchs zu haben. Mindestens kam mir das in manchen Augenblicken so vor. Die Frage: Warum genau möchte ich nicht, dass andere unsere Schwierigkeiten mitkriegen? hat eine ganz einfache Antwort: Weil ich gut dastehen möchte. Ich liebe es, wenn ich Dinge im Griff habe. Wenn alles unter Kontrolle ist. Und genau das war eben oft nicht der Fall. (Innere Notiz: Schon wieder? Zurück auf Feld eins!) Es gab Momente, wo ich das erkannte und mich entscheiden konnte, wahr und echt zu sein. Das sind WIR. Es ist nicht alles immer wunderbar! Ja, es gibt Streit, und nein, ich mag ihn auch nicht. That’s the way it is. Punkt. In diesen Momenten konnte ich loslassen und bei mir selber bleiben. Interessanterweise waren das dann genau diejenigen Momente, in denen sich vieles schneller besserte als erwartet. Es ging noch weiter, denn ich entdecke plötzlich an ganz vielen Orten Dinge, die ich gern anders hätte und die mir peinlich sind. Scheint grad das Thema zu sein, das Gott anrühren (oder konkret: verändern) möchte. Ich male nicht gerne, weil meine Kinder dann mitkriegen, dass ich ungeübt bin? Ich vermeide Aufgaben, bei denen ich nicht brilliere? Es beschäftigt mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe? Dann würde ich mich am liebsten unsichtbar und den Fehler ungeschehen machen? Und so weiter! Ich habe diesen Versteckspielen in diesen Ferien den Kampf angesagt. Ich will mich nicht mehr verstecken. That’s the way I am. Punkt! (Ich bin noch dran.)

Trotz allem: Von der Gemeinschaft her waren unsere Ferien mehr als wunderbar. Es war immer wieder sehr schön und entspannt. Mein persönliches Highlight war, als ich mit Noah ein Spiel spielte und selber total vertieft war. Ich dachte an nichts anderes als ans Spiel und daran, wie schön es war, Zeit mit ihm zu verbringen. Im Alltag gelingt mir das leider höchst selten. Da ist immer die Uhr, die To-Do-Liste, das Handy und meine sogenannte Zielorientiertheit.

Körperlich war die Zeit in England sehr sehr wohltuend. Wir schliefen aus, frühstückten und waren dann bis am Abend unterwegs. Wir waren wohl insgesamt mehr als 130km zu Fuss unterwegs.

Wir sind nun wieder zuhause. Heim komme ich immer, immer gern, egal, wo ich war und wie lange. Ich liebe den Geruch unseres Hauses, mein Bett, meine Dinge und meine Art der Ordnung, nachdem ich bei anderen gewohnt habe. Vermissen tue ich die das schöne British English um mich herum, die Weite, die Grosszügigkeit der Menschen und der Landschaft, das Zuhausesein im Fremden. Was ich am meisten „mitnehme“, ist der Haufen unverplanter Zeit mit meinem Mann und unseren Kindern. Die Gemeinschaft, die sich vertieft hat und die noch schöner geworden ist. Ja, man nimmt sich selber überall hin mit. To the good and to the bad. Im Guten wie im Schlechten. In diesen Ferien bin ich über die schwierigen Momente auf ganz besondere Art mit Gott in Kontakt gekommen. Und dafür bin ich mehr als dankbar.

7 Gedanken zu „Ferien-Aspekte

  1. Liebe Sonja,
    danke für diesen wunderbar ehrlichen Text und die herrlichen Bilder.
    An einigen Stellen musste ich mehr als kräftig Schmunzeln. Du schreibst mir so aus der Seele! …Zielorientiert…was denken die Anderen…alles unter Kontrolle haben wollen.

    Und letztendlich sind es dann aber diese kleinen Momente, wo man sich in einem Spiel verliert, oder nach einer wunderschönen Zeit wieder in sein geliebtes Zu Hause kommt, die zählen. Danke fürs mit rein nehmen.

    Lieber Gruß aus Stuttgart
    Tine

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    1. Liebe Tine, danke für deine Rückmeldung. Ich habe mich schon damit abgefunden, dass ich mit gewissen Dingen wohl ein Leben lang zu kämpfen haben werde… auch darum bin ich ganz besonders dankbar für Momente wie diesen! Aber wir bleiben dran! 🙂 Herzliche Grüsse nach Stuttgart (da kommt mein Mann her, ist mir also vertraut)! Sonja

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  2. Liebe Sonja, so toll die Photos! Schottland steht schon lange auf meiner Wunschliste. Die Streitereien nerven auch mich immer wieder. Sogar bei unseren 2 1/2 Teenager fliegen manchmal die Fetzen. In diesen Sommerferien ging es nur um banales: Wer teilt mit wem das Doppelbett, wie lange darf das Badezimmer besetzt sein, wer muss im Auto in der Mitte sitzen(wir haben seit diesem Jahr kein grosses Auto mehr), wer darf beim Picknick das letzte Brot… Aber da unsere Kinder (12,14,17) im Alltag nicht mehr soviele Berührungspunkte haben wie früher, fand ich es super mussten wir 5 uns wieder einmal auf engem Raum „ertragen“. Und siehe da, es wurden wieder Berührungen erlaubt. Unter den Kinder aber auch uns Eltern. Was so Ferien bewirken(wir waren in der Normandie). Ich wünsche noch eine letzte schöne Woche und einen guten Schulstart. Stefanie

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  3. Liebe Sonja! Was für ein schöner Bericht!!! Vielen Dank! Und die tollen Fotos!!! Ach ich liebe Großbritanien…Und mir geht es genau so wie dir: meistens bin ich deshalb besonders sauer auf Samu wenn er sich schlecht verhält weil ich mich schäme! Vor den anderen. Krass. Genau so ist es. Wie dumm. Ist doch eigentlich echt sch….egal was andere denken (wenn die überhaupt was über uns denken:-)). Ach ja, und nach Hause komme ich auch immer sooo gerne wieder, da haben wir was gemeinsam. Heio lacht schon immer, wenn ich nach einigen Tagen Urlaub sage: Schön hier, aber ich freue mich auch auf Zuhause!
    Liebste Grüße zu Euch und einen guten Start nach den Ferien (hab heute dein Päckchen abgeschickt. Das Porto in die Schweiz kostet so viel wie nach Japan. Unlaublich, oder?)

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    1. Liebe Christina! Vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ja gell, das Nachhausekommen hat seinen Wert. Ich packe auch fast lieber aus als ein, vor allen Dingen in den Skiferien 🙂 WAS, wie nach Japan? Ich hoffe, ich kriege keinen Schock 🙂 Freue mich sehr darauf!! Herzlichst, Sonja (A propos: Japan ist just mein Lieblingsland geworden, seit ich das „MAPS“ Buch habe. Sehr sonnige Grüsse nach Deutschland! Sonja

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