Und trotzdem!

Ich mag meinen Körper. Ok, an zwei bis drei Tagen pro Monat vielleicht nicht. Aber ich bin mit ihm mehr als versöhnt, heute, mit 43 Jahren. Dreiundvierzig! Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin, und mir gefällt auch nicht ALLES. Aber im Grossen und Ganzen bin ich dankbar, dass ich in Jeans passe, die mir gefallen, dass ich überhaupt hübsche Kleider anziehen kann und mir in einigen sogar richtig gut gefalle! – Das war nicht immer so. Als Kind wurde ich ausgelacht, weil ich dick war. Dick war ich nicht, weiss ich jetzt. Ich gehörte einfach nicht zu den dünnen, schlaksigen Kindern, die im Grundschulalter als normal gelten. Wenn ich über den Pausenplatz lief, wurde ich einige Male von älteren Kindern „Dicksack“ genannt. Das schmerzt, und dieser Schmerz sitzt tief. Er führte dazu, dass ich mich Zeit meines Lebens als zu dick wahrnahm und immer im Kampf mit meinem Körper lag. Er war mein Feind, den es zu besiegen galt. Essstörungen waren da quasi eine natürliche Folge. Mit zwanzig Jahren begannen sie, und sie hielten sich hartnäckig ungefähr zehn Jahre. Weise Wegbegleiterinnen und kostbare Beziehungen spielten beim Heilungsprozess eine wichtige Rolle. Und mein Entschluss, Jesus beim Wort zu nehmen, wenn er sagt, dass er uns TOTAL frei macht. An dieses Wort erinnerte ich ihn immer wieder.

Ich bin frei. Vom Essen als Ersatz, vom krankhaften Abnehmen-Wollen, vom ebenso krankhaften Zunehmen. Früher war da immer diese Angst vor dem Abgrund in mir, der bewirkte, dass ich mich so richtig-richtig überass. Und tage-, ja wochenlang nicht wirklich aufhören konnte. Weder dieser Abgrund ist noch da, noch die Angst vor ihm. Selbst wenn es Anflüge gibt (z.B. so monatlich, aber nicht ausschliesslich), habe ich dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Ein kleines Aufbäumen, ein Angst-Einjagen. Ich stecke es mittlerweile entspannt weg und esse frei und fröhlich. Für diese Freiheit bin ich mehr als dankbar – eigentlich bin ich mindestens dreimal am Tag total froh, dass ich essen darf, und dass ich es in Freiheit tun darf. Es geniessen kann! Egal, ob Salat oder Cupcakes, ich kann gesund, ungesund und alles dazwischen. Es ist mir einfach nicht mehr so wichtig. Nur noch, dass es schmeckt.

Und doch. Manchmal gibt es Zeiten, wo ich feststelle, dass ich mehr esse, als ich Hunger habe. Hiervon etwas mehr, davon ein Löffelchen, eine Belohnung am Abend. Und ein Glas Wein dazu. Auch am nächsten Tag. Und am übernächsten. Ehe ich es wahrhaben möchte, bin ich in einem Muster drin, das meine Stimmung auf den Tief- und meine Waage auf den Höhepunkt bringt. Dann muss ich mir eingestehen, dass sich schlechte Gewohnheiten eingeschlichen haben. Und ich stelle mir zwei Fragen: Wie konnte das passieren? Und: Wie komme ich da wieder raus?

Die Antwort auf die zweite Frage war die letzten zwei Male sehr schön. Ich habe meinen Mann gebeten, für mich zu beten. Es war ein (sehr!) schlichtes Gebet, aber es wirkte. Es hat irgendwas in mir gekehrt, befreit, eingehängt – und da war die Freiheit wieder. Und die Freude. Dabei stelle ich einmal mehr fest: Einzelkämpfer langweilen Gott. Er findet es aus unerfindlichen Gründen zum Gähnen, wenn wir immer allein versuchen, stark zu sein. Nicht dass das manchmal nicht nötig wäre, so punktuell. Aber grundsätzlich, und das denke ich immer wieder, ist es wohl nicht in seinem Plan, dass wir uns alleine durchs Leben hangeln. Nur schon, dass wir füreinander beten sollen, wenn wir krank sind. Ich meine, diese Worte könnte man ja auch alleine aussprechen.

Die Antwort auf die erste Frage finde ich fast schwieriger. Und ich glaube, dass es damit zusammenhängt, dass nicht ein bestimmtes Ereignis der Auslöser ist, sondern eine Haltung. Manchmal gehe ich bewusst durchs Leben. Dann nehme ich Gott wahr, mich selber, spüre meine Kinder. Nehme mir Zeit für die wichtigen Dinge. Für die Gemeinschaft mit meinem Mann und mit meinen Kindern, für die Gemeinschaft mit Gott, für mich selber. Und dann gibt es wieder andere Zeiten. Wo ich Abend für Abend spät ins Bett gehe, weil ich Neal Caffreys Fall noch gelöst sehen will. Oder mich mit Arbeit und Projekten zudecke, von denen ich denke, dass sie wichtig sind.

Zur Zeit lese ich grad das sehr lesenswerte Buch von Gordon MacDonald: Ordne dein Leben. Es enthält viele neue und bekannte Grundlagen dafür, wie ein Leben geordnet werden kann (ich liebe das Wort „Ordnung“ – es klingt nach „So gehört es!“). Ein Abschnitt hat ganz besonders zu mir geredet, weil ich mich gerade wieder einmal in so einer Zeit befand. Er schreibt:

„Eines Tages entdeckte ich, dass die wichtigsten Dinge in meinem Zeitplan alle etwas gemeinsam hatten: Wenn ich sie ignorierte, machten sie sich nicht sofort bemerkbar. Ich konnte meine Stille Zeit vernachlässigen und Gott schien darüber nicht sonderlich wütend zu sein. Eine ganze Zeit lang konnte ich so weitermachen, ohne mich dabei schlecht zu fühlen. Oder wenn ich mir keine Zeit für die Familie nahm, waren Gail und die Kinder normalerweise verständnisvoll und vergaben – sogar meist mehr als gewisse Leute in der Kirche, die sofort Aufmerkamkeit und Antwort forderten. Wenn ich meine Studien aufschob, konnte ich das auch eine Zeitlang tun. Ein solches Kartenhaus konnte ich getrost eine Weile bauen, ohne dass es einstürzte. Deshalb fiel es mir leicht, vieles zu verdrängen, wenn ich es nicht im Voraus eingeplant hatte. Unwichtige Dinge konnten die wichtigen wochenlang beiseite schieben. Das Tragische dabei ist: Wenn man Familie, Ausruhen und geistliche Dinge vernachlässigt und es schliesslich bemerkt, ist es oft schon zu spät, und das Kartenhaus stürzt ein.“

Also das Buch ist trotz der letzten Aussage voller Hoffnung und Freude! Als ich das so las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Genau das wars. Genau so hatte ich in der letzten Zeit gelebt – oder funktioniert. Es geht dabei nicht um Bestrafung, sondern um ein Verlieren von Beziehung. Zu Gott, zu mir, zu meinen Liebsten. Das ist es, was das Ungute bewirkt.

Es ist so schön, dass Gott immer wieder Wege und Mittel findet – sehr oft durch andere Menschen, oder bei mir sehr sehr oft auch durch Bücher – um zu sprechen, sich bemerkbar zu machen, etwas anzustossen, und letztlich geht es ihm sogar einzig und allein darum, dass es UNS gut geht. In der Beziehung mit ihm und im Frieden mit uns selber geht es uns einfach gut. Er hat Wächter in unser Leben eingebaut, die eingreifen, wenn unsere eigene Wachsamkeit verschwindet. Schutz-Vorrichtungen.

Da bin ich jetzt, habe dies erkannt und mit der Hilfe meines Mannes wieder „zurückgefunden“. Ich bin gespannt, wie Gott es das nächste Mal anstellt. (Ich hoffe immer, dass ich nie, nie mehr reinfalle, aber die Erfahrung belehrt mich eines Besseren.)

 

7 Gedanken zu „Und trotzdem!

  1. Ach liebe Sonja, nun weine ich schon wieder. Deine Worte sind so wahr, so ehrlich und gehen tief. Verletzenden Aussagen aus der Kindheit, brennen sich oft ein und man hat ein Leben lang damit zu tun sie in Schach zu halten. Ich finde es mutig, wie du deinen Kampf und deinen MitJesusSieg beschreibst.

    Und das mit den unwichtigen und wichtigen Dingen stimmt auch! Hm…mein Mann hat das Buch von Gordon MacDonald auch…vielleicht sollte ich da mal nen Blick rein werfen. Dein Zitat hat Lust darauf gemacht.

    Vielen Dank für Deinen tollen Text und fürs Teilen.

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  2. Liebe Sonja, danke für Deinen Buchtipp und Deine berührende Worte. Mir ist eingefallen, dass dieses Buch schon seit 20 Jahren irgendwo auf meinem Büchergestell stehet. Ich habe es vor Jahren zusammen mit meiner Jugendgruppe gelesen, aber vieles vergessen. Es hatte auf mein damaliges Leben keinen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich spielt auch der Zeitpunkt eine Rolle, wenn man ein Buch liest. Nun habe ich wieder angefangen. Es hat mich richtig gepackt! Die Anmerkungen für Desorganisierte sprechen richtig in mein Leben. Werde sie aufhängen auf meinem Alltagpfad. Und hoffentlich täglich etwas lernen.

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    1. Liebe Stefanie, vielen Dank für deinen Kommentar. Ja, das Buch ist ein „alter Schinken“ 🙂 aber für mich zum jetzigen Zeitpunkt grad brandaktuell – und alles ohne erhobenen Zeigefinger, sondern mit Humor. Herzliche Grüsse, Sonja

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  3. Liebe Sonja! Danke für deine ehrlichen Worte!!! Es berührt mich, erminnert mich an meine eigenen Kämpfe mit meinem Körper..Wie gut, dass es Menschen gibt die für uns beten. Schlicht und einfach. Und wir dann lernen einfache Wahrheiten durchzubuchtstabieren, bis sie irgendwann, endlich ganz tief im Herz ankommen. Das erwähnte Buch mag ich auch sehr! …Segensgrüße zu Dir und DANKE für dein treues Schreiben und mitteilen!

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    1. Liebe Christina, so schön, dass du zurück bist! Danke für deine guten Worte. Genau, durchbuchstabieren… so fühlt sich’s an und so ist es auch gut. Wie in der Schule, gell 😉 Alles Liebe dir! Sonja

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  4. Wow.
    Du bist so eine mutige Frau, Dich so ehrlich mitzuteilen!
    Mich hat es ermutigt und nachdenklich gemacht! Sind wir Frauen doch oftmals unzufrieden.
    Wenn ich ehrlich bin, bin ich am unzufriedensten mit meinem Äußeren, wenn ich im Inneren keinen Frieden und „Ordnung“ habe…
    Liebe GRüße,
    Tina

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