Was wirklich zählt

Der Herbst ist da. Unzählige Loblieder könnte ich auf ihn singen, Jahr für Jahr. Die Schönheit dieser Jahreszeit fällt mir besonders auf, wenn das weisslich gewordene Sonnenlicht in sich verfärbende Herbstblätter hinein scheint. Dieser Anblick hat etwas so Tröstliches und Berührendes, dass es mich innerlich fast zerreisst. Ich möchte diese Momente festhalten und nie mehr loslassen. Ich sammle sie in meinem Herzen, denn wie zu keiner anderen Jahreszeit wird mir im Herbst bewusst, dass alles vergänglich ist. Zwar wiederkommt, irgendwann, aber nicht festgehalten werden kann. Das einzige, was bleibt oder entstehen kann, ist Vertrauen.

Oder die heruntergewehten Blätter auf der Strasse, zuerst gelblich, dann gelb, leicht orange, dunkelorange und zuletzt feuerrot oder dunkelrot, bevor sie sich braun verfärben. Ich liebe die Farben, und ich liebe das Geräusch, wenn ich durch raschelnde Blätter laufe. „Chräschle“ nennt sich das auf Berndeutsch. Ich liebe dieses Wort.

Im Herbst bin ich immer etwas melancholisch gestimmt. Nicht negativ oder traurig, sondern eher intensiv wahrnehmend. Nach dem hitzigen, lauten, schönen und leuchtenden Sommer kommt im Herbst äusserlich und innerlich alles zur Ruhe. Werte, Gewohnheiten und Abläufe werden wie automatisch gesichtet. Das eine und das andere kommt weg, Neues hinzu. Was mir wirklich wichtig ist, wird klar.

Zum Beispiel merke ich, dass es zwar angenehm ist, wenn die Kinder viel draussen spielen. Noch vor einigen Jahren hatte ich es, neu zugezogen, oft bedauert, dass wir nicht in einer Siedlung wohnen, wo die Kinder alle fünf Meter ein anderes Kind antreffen, so wie ich selber aufgewachsen war, sondern auf das Zuhause ausgerichtet waren. Manches Mal hätte ich mir gewünscht, dass sie draussen spielen statt drinnen streiten. Sich für andere Menschen als nur für mich interessieren (vor allem, wenn ein durchdringendes „Mama!!!“ ertönt, kaum habe ich die Klotüre hinter mir geschlossen). Ja, es ist angenehm, wenn Kinder viel draussen spielen. Und doch: Wir möchten diejenigen sein, die unsere Kinder prägen. Wir möchten diejenigen sein, an denen sie sich reiben, mit denen sie sich auseinandersetzen, denen sie ihr Herz anvertrauen. Die Familie ist Gottes Hand, ist sein Arm, ist seine Schulter zum Anlehnen. Und weil es mir wichtig ist, dass das so bleibt, auch wenn die Kinder grösser werden, investiere ich. Zum Beispiel in einen gluschtigen Zvieri, mit Verfügbarkeit, Zeit, einem Spiel auf dem Tisch, einer Bastelarbeit. Ich bin da. Und ich will einen Raum schaffen, in dem sie ankommen können, abladen, auftanken (sprich: essen) und sein.

Was wirklich zählt, wird im Herbst, in der Zeit des Loslassens, für mich besonders sichtbar. Beziehungen, die durchtragen. Vertrauen. Liebe.

Nebenan toben Stürme. Gute Freunde bangen um ihr ungeborenes Kind. Wir bangen und hoffen mit ihnen. Eine nahestehende Person hat die Freude an ihrer hart erkämpften Arbeitsstelle verloren und resigniert. Die Hoffnung aufgegeben, dass sich etwas verändert, in ihr selber oder an den Umständen. Politische Intrigen verhindern an einer anderen Arbeitsstelle, dass Wahrheit gehört werden kann. Entmutigung und Ohnmacht machen sich breit. – Überhaupt, Entmutigung. Die meiner Meinung nach am häufigsten angewendete Waffe, die gegen das Leben gerichtet wird. Wo Entmutigung sich breit macht, verrät sich der Absender. Trotzdem verändert diese Erkenntnis nicht immer gleich die Gefühle.

Was wirklich zählt, wird vielleicht nicht die ganze Welt verändern. Aber das, wofür ich gesetzt bin. Meinen „Wirkungskreis“, meine Familie. Ob ich will oder nicht, ob ich es gut mache oder nicht: Ich präge. Ich schaffe Raum, und ich schlage Pflöcke ein. Ich baue. Ob ich sehe, was (Gutes) daraus entsteht oder ob ich es nicht sehe, ändert daran nichts. Ich baue, weil Gott mir etwas anvertraut hat. Mit meinem Sein, meinem Flehen, meinem Glauben, meinem Reden und Handeln gestalte ich Familie. Vielleicht sehe ich wirklich über längere Zeit nichts Sichtbares, Wachsendes. Aber aufgeben? Nö. Das dann doch nicht!

3 Gedanken zu „Was wirklich zählt

    1. Der „gluschtige Zvieri“ ist nicht nur Berndeutsch, sondern (wie ich glaube) in der gesamten Deutschschweiz geläufig. Gluschtig könnte man mit „ansprechend, besonders wohlschmeckend (aussehend)“ übersetzen, und ein Zvieri ist eine kleine Zwischenmahlzeit am Nachmittag (das Pendant zu Znüni am Vormittag), wörtlich „zu vier Uhr“ (resp. „zu neun Uhr“, der Znüni). Ich dachte noch ganz kurz, ob das wohl verständlich ist… Danke fürs Nachfragen und liebe Grüsse!

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  1. Und „Chräschle“ -das ist ja auch ein tolles Wort! 🙂 das passt ganz genau zur Bedeutung!
    Danke für deinen Text, der mir hilft an den Absender der Entmutigung zu denken (und die Botschaften am besten ungeöffnet zurückzuschicken!). Bin im Herbst auch oft so melancholisch – und das geht schnell in Entmutigung über. Danke für die Erinnerung an das was zählt. Segen für Euch, eure Nachbarn und die Bekannte mit der schwierigen Situation bei der Arbeit! Dass wir alle Gottes Nähe erleben – mitten in der Jahreszeit die so wunderschön ist und und auch an unsere Vergänglichkeit erinnert – das wünsche ich uns.

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