Die Macht der Worte

Wir verbrachten die letzte Woche mit 120 Personen aus unserer Kirchgemeinde – also quasi als Grossfamilie – am Bodensee. Ausser an zwei Tagen, an denen sich der Bodennebel feucht und undurchdringbar bemerkbar machte, waren es pure goldene Herbsttage, wie man sie sich schöner nicht vorstellen kann. Noch dazu in einer Umgebung, die voller Bäume und unberührter Natur ist. Meine Augen waren geblendet von Schönheit! Und mein Herz war erfüllt von Gemeinschaft. Freundschaften wurden vertieft, neue entstanden, wie es der Vater einer neu dazugestossenen Familie zum Schluss formulierte. Obwohl ich oft viel Zeit für mich allein (resp. mit Gott) brauche, um Gemeinschaft geniessen zu können, erlebte ich die Woche als erfüllend und empfand keinen inneren Mangel. Im Gegenteil: überfliessenden Segen.

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Auf der Rückreise waren wir zum Mittagessen eingeladen. Als meine Tochter nicht neben dem anderen Mädchen Platz nehmen wollte, sagte ich entschuldigend: „Sie ist manchmal gerne zickig.“ Worauf die Mutter strahlend antwortete: „Das wollen wir jetzt gar nicht aussprechen!“

Zack, das sass! Ich werde grundsätzlich viel lieber gelobt als ermahnt, aber ich wusste in diesem Augenblick: Das war das richtige Wort zur rechten Zeit! Direkt von oben, sozusagen. Später habe ich mich bei ihr bedankt, dass sie mich korrigiert und daran erinnert hat, welche Bedeutung die Worte haben, die wir (z.B. über unseren Kindern) aussprechen. Sie hat dann nur liebevoll gemeint: „Was du säst, das erntest du!“ Nochmals Zack! Genau. Ich weiss es ja – eigentlich! Ich gebe sogar Jüngerschaftskurse und trainiere mich selber und andere unter anderem darin, auf Worte zu achten. Aber ich befinde mich jetzt selber im Wörtersumpf. Im unreflektierten Alltags-Ärger. Ich bezeichne meine Tochter als „kleine Zicke“, meinen Sohn als „schwierig“, einen anderen als „nicht vertrauenswürdig“ und den dritten als „kompliziert und eifersüchtig“. Auch wenn die „kleine Zicke“ sogar halb liebevoll daherkommt und mit dem Wunsch verbunden ist, dass Veränderung kommen möge: Was ich säe, ernte ich. Die Bibel bietet genügend Beispiele dafür und sagt an manchen Stellen ganz offen, dass wir mit unserer Zunge viel Macht haben. Worte haben Macht. Und doch lasse ich mich manchmal von meinem Ärger mitreissen, denn es tut ja so gut, ihm Luft zu machen und ihn rauszulassen! – ?

Natürlich sage ich meinen Kindern auch, dass sie wunderbar sind und dass ich sie liebe. Es gibt aber vor allem zwei Situationen, in denen ich merke, dass ich versucht bin, Worte über ihnen auszusprechen, die entmutigen, schwächen, verhärten. Erstens, wie oben erwähnt: Ärger. Es nervt mich, wenn ein Kind das andere zum zehnten Mal stört. Es macht mich ärgerlich, wenn ein Kind mich belügt. Oder zickt. Oder was auch immer. Zweitens: Wenn ich mich für das Verhalten meiner Kinder schäme. Dann bin ich versucht, sie vor anderen schlechtzumachen, nur damit ich selber besser dastehe. Ich möchte zu verstehen geben, dass ich das Verhalten meiner Kinder auch nicht gutheisse.

Ich bin so dankbar, dass wir mit solchen Dingen zu Gott rennen, bekennen und uns verändern lassen dürfen. In meinem Fall habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich mit meinen Worten nur noch Gutes säen will – wer will schon eine miese Ernte einholen? Ich sage zum Beispiel: statt „du bist wirklich nicht vertrauenswürdig“ „ich möchte dir gerne noch mehr vertrauen können“. Statt „immer nervst du deinen Bruder!“ „Höre doch auf damit.“ Erbsenzählerei? Das Krasse war, wo ich nach dieser Entscheidung überall Worte gefunden habe, die ich eben nicht mehr sagen möchte. Ich bin von Aussage zu Aussage gestolpert und bin herausgefordert, mein Denken – denn Worte kommen ja aus unserem Herzen – zu überprüfen. Das klingt jetzt anstrengend, aber ich denke, dass ich mich da voll und ganz auf den Heiligen Geist verlassen kann. Und trotzdem: Für mich ist es ein neues Umkehren, eine Richtungsänderung. Ich bin so dankbar für Wegbegleiterinnen, die den Mut haben, mich zu ermahnen. Auch wenn ich das Wort immer noch nicht sonderlich mag. Aber ich will meine Kinder ehren und wertschätzen, und meine Worte sollen Leben schaffen.

P1010207Bereits auf dem Parkplatz beginnt die Fülle. Unterwegs mit dem allerbesten Pilzkenner.

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P1010193Bodensee

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5 Gedanken zu „Die Macht der Worte

  1. Eigentlich ist das echt ein großer Schritt, die Erkenntnis. Schon der erste auf dem Weg zur Veränderung… Danke fürs Teilen, das regt wirklich zum Nachdenken an. Ich finde, da dürfen wir auch echt auf Gott schauen. Er zeigt nicht dauernd auf unsere Unzulänglichkeiten, sondern sieht unser Potenzial, das wo wir erst noch hinkommen sollen oder können – er hat das schon im Blick ❤ Ich will lernen, so auf meine Kinder zu schauen, aber das ist schon manchmal nicht so einfach 😉 Liebe Grüße, Martha

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  2. Ich auch. Fühle mich ertappt. WIe schnell fälle ich mit meinen Worten ein Urteil. Und es geht ja nicht darum, dass wir nicht kritisieren oder zurechtweisen dürfen, aber WIE unsere Worte dabei sind- Festlegungen oder einfach eine hilfreiche Korrektur, das ist ja entscheidend. Mir geht es oft auch so, dass ich sowas über mir selbst ausspreche, dass ich vor Samu sage:“ Ich bin so eine doofe Mama.“ Und dann sagt er plötzlich auch über sich: „Ich bin so doof!“ Also lerne ich mit ihm zusammen, auch über uns selbst Gutes auszusprechen, und gnädige Worte für unsere Unzulänglichkeiten zu finden… Danke für diese Erinnerung! (und die BIlder vom Bodensee sind toll!!!)

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  3. Liebe Tine, liebe Tina, liebe ChrisTina :-), liebe Martha: Danke für eure lieben Rückmeldungen. Ich bin so dankbar für gute Freundinnen (und meinen Mann), die mich auch immer wieder mal daran erinnern – ich brauche ihn wirklich, den langen Atem, um in neue Gewohnheiten zu kommen. Eine liebe Umarmung! Sonja

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