Gute Gewohnheiten und das Vertrauen

Ich sitze in der mit Leuchtvorhängen erhellten Stube und schreibe, derweil mein ältester Sohn sein Schwimmzeug zusammenrafft. Er hat Frühschwimmen, der Ärmste. Die Vorstellung, vom warmen Bett quasi direkt ins kalte Wasser zu steigen, finde ich grässlich. Das zeige ich ihm jedoch nicht, sondern ermutige ihn am Frühstückstisch, dass Frühschwimmen nur etwas für ganz harte Jungs sei. Was ich auch so meine. Ich muss ja nicht anfügen, dass ich gottenfroh bin, dass dieser Kelch an mir vorübergeht. Zum Glück schwimmt er gerne; so müssen meine Motivationsbemühungen meine Möglichkeiten um diese Uhrzeit nicht übersteigen.

Ich selber fühle mich durch diese fast-nächtlichen Aktivitäten einerseits etwas in meiner Routine gestört, andererseits geniesse ich es aber auch, unsere Nr 1 mal ganz allein geniessen zu dürfen. Ach ja, Zeit zu zweit mit jedem einzelnen Kind zu verbringen, steht schon lange auf der Liste der Wünsche an unseren Alltag. Irgendwie bringen wir das einfach nicht regelmässig zustande. Obwohl wir es uns immer wieder vornehmen und auch immer wieder mal einen Anlauf nehmen. Ehrlich gesagt, machen wir es jedoch vor allem dann, wenn es sich gerade so ergibt. Wenn eine Besorgung ansteht und niemand mitkommen will ausser einem einzigen Kind, schnappen wir uns dann zusammen einen Hamburger oder eine Portion Pommes frites beim gelben Grossbuchstaben oder essen ein köstliches Eis beim Zürich-besten Italiener. (Essen tut zwar zumeist nur das immer hungrige Kind). Oder wir gehen in den Spielzeug- oder Bücherladen, nur zu zweit.

Was auch schon seit Ewigkeiten auf unserer Liste steht: Helme anziehen beim Trottinettlen und Velofahren; Taschentücher dabeihaben; Hausschuhe anziehen. Das sind nur die Kleinigkeiten, aber ich schaffe es oft nicht, das durchzuziehen.

Ich bin nicht so der Langstrecken-Läufer. Gute Ideen habe ich viele, und tatkräftig bin ich auch, aber wenn es ums langfristige Umsetzen von Ideen oder Vorgaben geht, muss ich zur Trickkiste greifen. So zum Beispiel zum „Habit Tracker“, der an unserer Küchenschranktüre hängt und mich täglich daran erinnert, dass ich ja eigentlich regelmässig Geige spielen oder Trampolin springen wollte. Oder Englisch-Vokabeln mit meinem Grossen büffeln sollte, der das bisher kaum als eigenes Bedürfnis wahrnimmt. Alles Dinge, die gut und wichtig sind, doch oft von den lauten täglichen Anforderungen in den Hintergrund gedrängt werden.

Aber auch der Habit Tracker reicht nicht immer, merke ich. Bei der Geige schon – ich habe mir vorgenommen, nicht auf die Zeit zu achten. Das heisst, auch wenn ich sie nur in die Hand nehme und sanft über eine Saite streiche, ist das Ziel erreicht. Das ist gute alte Selbstüberlistung, denn ich liebe das Spielen so sehr, dass oft eine längere Übungszeit daraus wird. Wenn ich etwas liebe, brauche ich wenig Unterstützung. Das Trampolin wird jedoch nur von den Kindern benutzt, die übrige Zeit steht es leicht vorwurfsvoll im Wohnzimmer. Die Hausaufgaben mit den Kindergärtnern, die vor einiger Zeit eingeführt wurden (wer hat sich das nur ausgedacht?!) chlöpfen wir noch rasch hin, kurz bevor sie abgegeben werden müssen. (Das Ziel wäre gewesen: Zehn Minuten pro Tag daran zu arbeiten.)

Nun habe ich herausgefunden, was wirklich hilft. Nein, keine neuartige Erkenntnis. Sondern schlicht und einfach, meine Ziele mit konkreten Zeiten zu verbinden. Gute Gewohnheiten einzuführen, die ich in einem steten Rhythmus leben möchte. Ich habe damit angefangen, die ungeliebteste Hausarbeit und die Dinge, die wöchentlich erledigt werden müssen, immer gleich am Montag Morgen zu machen: gewaschene Kinderkleidung verräumen, Pflanzen giessen, Sauerteig füttern, Temperatur messen (geschäftlicher Kühlschrank und Gefriertruhe). Das dauert ungefähr 15 Minuten, dann sind diese Dinge für die ganze Woche erledigt. Tagebuchschreiben vor Tagesanbruch, wenn das ganze Haus noch schläft. Was für ein Segen bisher! Oder einen gemeinsamen Wochen-Abschluss zu feiern, immer am Sonntag Abend.

Beim Trampolin tat ich mir etwas schwerer: Bisher habe ich es vermieden, dies am Vormittag zu machen, wo ich eigentlich Zeit hätte. Ich muss gestehen, dass ich mit meiner Vormittags-Zeit bisher sehr geizig war. Ich überlege mir gut, ob ich eine Arbeit oder eine Aktivität auch am Nachmittag verrichten kann. Wenn irgend möglich, will ich „meine“ Vormittage nicht für solche Dinge verschwenden, denn die Sehnsucht nach dem Alleinsein und dem Wunsch, die Zeit möglichst gut und sinnvoll auszukosten, ist immer noch gross. Ich geniesse es immer noch in vollen Zügen, während ungefähr drei Stunden nichts gefragt zu werden,  nichts erzählt zu bekommen und um nichts gebeten zu werden. Schweigen und träumen zu dürfen. Ich empfinde jedoch, dass eine kleine, sanfte und trotzdem klare Stimme mich immer wieder ermutigt, auch in Sachen Zeit freigebig zu werden. Mit „meiner“ Zeit grosszügig umzugehen. Mich zu verschenken. Nicht klein zu denken, sondern weitherzig und vertrauensvoll.

Leise kommt der Gedanke auf, dass das für-mich-selber-sorgen damit zu tun hat, dass ich nicht darauf vertraue, mit allem versorgt zu werden, was ich benötige. Dass ich denke, dass ich für mich selber vorsorgen muss, weil ich sonst zuwenig habe. In diesem Fall Zeit und Ruhe. Hm, will ich das wirklich? Nein, ich wage es lieber, das Risiko einzugehen und Gott meine Versorgung zu überlassen. Ganz praktisch heisst das: Ich will grosszügig werden mit meiner Zeit und so für mich selber ein Zeichen setzen, dass ich mich selber als reich beschenkt anschaue anstatt vom Mangel auszugehen.

Mein Einstieg in die guten Gewohnheiten habe ich klein und simpel mit diesen Montag-Morgen-Aufgaben begonnen und empfinde grosse Erleichterung, dass das nun seinen festen Platz in meinem Alltag hat. Nun habe ich begonnen, meine beiden Kindergarten-Kinder wieder in den Kindergarten zu begleiten. Diese Extra-Zeit mit ihnen ist wohl für mich selber noch viel wichtiger, denn sie erinnert mich schon am Morgen, dass ich mich für die Grosszügigkeit entschieden habe. Dazugekommen ist nun der Entschluss, an drei Vormittagen pro Woche (und zwar Montag, Mittwoch und Freitag!) eine halbe Stunde fürs Trampolin zu reservieren. Da verschenke ich quasi meine Zeit an mein körperliches Wohlbefinden. Dazu höre ich mir oft eine Predigt an und profitiere doppelt. Wie gesagt – kleine Schritte. Und doch spüre ich, wie sie einen Horizont der Güte Gottes öffnen, denn ich fühle mich nicht ärmer, sondern noch viel reicher beschenkt. Wenn ich mich verschenke, bin ich selbst am meisten beschenkt. Das ist Gottes Logik!

So bin ich ermutigt, mit diesen guten Gewohnheiten weiterzumachen. Sie machen mich frei von den vielen „Ich sollte noch“’s und „Bald müsste ich“’s. Sie strukturieren meinen Tagesablauf auf eine gute Art und Weise, ohne dass ich mich eingeengt fühle. Ich bin dankbar für diese einfache Entdeckung und auch dafür, dass ich mit meinen Vormittagen nun ein neues Kapitel aufschlagen darf.

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6 Gedanken zu „Gute Gewohnheiten und das Vertrauen

  1. „Der Velohelm… für’s Trotti, Mama, echt jetzt?“ -“ JA, denn sonst wäre kürzlich unsere Grosse voll mit dem Kopf an Nachbar’s Gartenhag geknallt. Warum? Weil der jüngere Bruder am Tag zuvor ungesehen und natürlich ungewollt, das selbe Trotti benutzt und auseinandergebaut hatte. Er bekam die Lenkstangen nicht mehr richtig in die dafür vorgesehenen Löcher und steckte sie „nur“ fest. Doch die Schwester wusste von all dem nichts, fuhr am anderen Morgen Richtung Schule und verlor in der Kurve den Halt. Peng! So viel Gottes Bewahrung war da (es gab kaum Wehwehchen…) – aber auch eine folgsame Tochter, die den Helm widerwillen angelegt hatte an diesem Morgen.“

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  2. Ich hab mich da gerade sehr wiedergefunden in deinen Erfahrungen mit der Vormittagszeit… Zwischen Vom-Kiga-kommen und Vom-Kiga-holen bleiben mir nicht ganz drei Stunden, da muss aber gekocht sein. Ich tüftle, wie ich die Kochzeit möglichst kurz halten kann (schnell Gerichte, für zwei Tage kochen usw.), im Haushalt nur das Nötigste und ein bisschen mehr Zeit für mich herauszuschlagen 🙂 Meine Zu-Hause-Zeit wird vermutlich im Sommer enden und mit dieser Aussicht, denke ich doch genauer nach… Was kann ich jetzt noch tun, was dann nicht mehr geht? Zeit zum Schreiben, Stille Zeit, Sport, aber eben auch meine Zeit anderen schenken, mich verabreden, unterstützen, Hilfe anbieten… Ich frage jetzt schon ein bisschen: Was bleibt von dieser Zeit? Aber sag mal… tägliche Hausaufgaben im Kindergarten, das ist ja guselig!! Liebe Grüße, Martha

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    1. Liebe Martha, das ist aus meiner Sicht nochmals eine andere Situation, wenn du die Vormittage nur für eine begrenzte Zeit hast. Da würde ich sie mir auch wundervoll planen wollen (und mich wohl nicht in erster Linie verschenken, ganz offen gestanden). Von Herzen viel Weisheit und Freude dabei! – Die Hausaufgaben im Kindsgi sind vielleicht auch entstanden, weil wir in einer überaus durchmischten Gegend wohnen und viele Kinder schon viele Defizite aufweisen. Trotzdem, es ist wirklich gruselig, wie du sagst! 🙂 Liebe Grüsse! – Ach ja, ich wollte noch anfügen, dass ich deine Bemühungen (z.B. FB-Gruppe) sehr schätze. Danke, dass du vernetzt und unterstützt!!

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      1. Ich versuche, eine gute Mischung aus „für mich“ und „für andere“ hinzukriegen… wobei natürlich ein Treffen auch sehr bereichernd für beide sein kann 🙂 Und dann ist natürlich auch so eine Frage, wie ich mich auf das vorbereite, was da kommt… eigentlich wollte ich das erst nach „meinem“ Jahr tun, aber nun ist es eben so. Mit dem Kindergarten… Schön, dass du in der FB-Gruppe bist, ich finde es auch toll, was da entstanden ist. Hätte ich so gar nicht erwartet, aber auch da führt Gott, denke ich! Liebe Grüße, Martha

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  3. Liebe Sonja, wie ich gute Gewohnheiten in meinen Alltag einbaue oder nicht, ist leider immer ähnlich. Ich starte mit Plänen und Strukturen und ende am Ende des Monats wie unser Hamster im Hamsterrad. Meine Vormittage habe ich seit langem niemanden mehr zu Hause, aber beim Einteilen von Arbeit, Haushalt, betagte Eltern und eigenen Interessen bin ich nach wie vor am Lernen. Frustriert über diese Tatsache, haben mein Mann und ich haben Anfang Jahr mit einem Notizbuch begonnen, wo wir unsere Wochenziele notieren und Ende Woche überprüfen wir, was wir erreicht haben und wenn nicht, welches die Zeit-Fresser waren. So hoffen wir, das wir schlechte Gewohnheiten über Bord kippen können und uns auf die guten konzentrieren können. Übrigens, wo ist in Zürich der beste Italiener? Wir wohnen in Uster und sind immer wieder mal in Zürich. Wir lieben Gelati!
    Liebe Grüsse Steffi

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    1. Liebe Steffi, danke für deinen Kommentar. Die Hamsterrad-Phasen kenne ich nur zu gut. Schön, dass ihr Ziele vereinbart, habt ihr eure Zeitfresser schon entdeckt? – Ich liebe das Glacé von Leonardo im Glattzentrum! Vielleicht kennst du ihn? Herzliche Grüsse, Sonja

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