Augen auf, oder: Auf der Suche nach Schönheit

Der Februar ist nicht mein Lieblingsmonat. Davor, obwohl auch ziemlich grau, kann ich die nachweihnachtliche Ruhe geniessen, aber im Februar beginnt der Hochnebel, langsam aber sicher auf meine Stimmung zu drücken. Armer Februar. Er ist kürzer als alle anderen Monate, aber selbst das hilft ihm nicht gegen die weit verbreitete Unbeliebtheit.

In meiner Jahresplanung war ich eigentlich viel eher in Sorge um den Januar: Ganz viele meiner beruflichen Anlässe fanden in diesem ersten Monat im neuen Jahr statt. Ich hüpfte von Kurs zu Teamtreffen und organisierte wie nebenbei eine Jungs-Geburtstagsparty (Hauptattraktion: ein BeyBlade-Turnier, von dem ich nichts verstehe, es aber elegant meinem Mann zuschieben durfte). Ich fühlte mich nicht müde, sondern in einem Zustand guter, wacher, andauernder Aufmerksamkeit.

Kaum war der letzte grosse Anlass vorbei, kam die bleierne Müdigkeit wie aus dem Hinterhalt geschossen, als hätte sie schon lange auf ihren Einsatz gewartet. Sie nahm mich in Beschlag, sogar an Vormittagen, der Zeit, in der ich sonst am meisten bewältige. Und nicht nur Müdigkeit kam, sondern mit ihr auch noch eine grosse Portion Entmutigung. Plötzlich hatte ich Gedanken wie: Was mache ich nun mit meinem Leben? Was bringt der ganze Aufwand? Wozu Haushaltsarbeiten machen, wenn es am nächsten Tag doch keiner mehr sieht?

Auch wenn ich im Grunde weiss, dass es normal ist, nach einer anstrengenden Zeit müde zu sein, so ist die Entmutigung, die Begleiterin der Müdigkeit, etwas Zähflüssiges, das sich überall breit machen will. Wohin ich meinen Blick auch wende: Was ich sehe und wie ich es sehe, kann mich in Zeiten der Entmutigung noch mehr herunterziehen. Wenn es grau ist, finde ich es deprimierend; wenn die Sonne scheint, kann ich meinen Blick kaum von den Fenstern lösen (denen man den Regen der letzten Woche ansieht). Bin ich hungrig, macht mich das unleidig; gönne ich mir eine heisse Schokolade, fühle ich mich fett. Schaue ich in den Spiegel, sehe ich ausschliesslich Anzeichen des Älterwerdens und des Zu-Spät-Zu-Bett-Gehens.

Ich weiss, dass ich dringend einen Sichtwechsel brauche. Ich weiss es, aber es ändert sich trotzdem nicht sofort. Es braucht ein paar Schrittchen dazu. Zu merken, dass ich einen Sichtwechsel brauche, war eigentlich schon das Wichtigste.

Als erstes versöhne ich mich mit meiner Müdigkeit und mit dem Februar. Es kann nicht immer September sein! Und das muss es auch nicht. Wie ich selber auch nicht immer alert bin (mir gefällt die deutsche Übersetzung des englischen Wortes, das ja auch deutsch ist: wachsam, aufmerksam, alarmiert, wach, munter, aufgeweckt, ausgeschlafen {ugs.}, effektiv). A propos alarmiert: Genau das sollte ich aber sein. Alarmiert, was meine Gedanken betrifft. Ich achte auf meine Gedanken und denke nicht mehr wild durcheinander, was grad kommt. Denn kommen kann alles, gescheit oder sinnlos, aufbauend oder niederreissend, ungefiltert. Den Filter einzusetzen ist meine Verantwortung. „Das bringt alles nichts“ kann zu „Das ist das, was jetzt zu tun ist“ werden. „Ich mag nicht“ zu „Gott schenkt mir die Kraft für den nächsten Schritt“.

Dann koche ich mir literweise frischen Ingwertee. Am besten wird er meiner Ansicht nach, wenn die Wurzel gewaschen und in ganz dünne Scheiben geschnitten wird. Aufgiessen, einen Spritzer Zitronensaft dazu, ziehen lassen, fertig! Mein Begleiter durch den ganzen Winter!

P1010848

Ich backe Dampfnudeln resp. lasse sie von meinen Sohn backen (nach einem Rezept aus diesem wunderbaren Buch). Beim Essen hat sich überall grosse Verzückung eingestellt. Der Teig ist ziemlich klebrig und feucht, aber es lohnt sich!

Ich rede. Was formuliert werden kann, hat weniger Macht. Es gibt den Trick, der Spinne einen Kosenamen zu verleihen, um die Angst vor ihr zu verlieren. Vor Spinnen habe ich keine Angst, aber ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mein Herz zu teilen und mit guten Freundinnen darüber zu reden. Und dabei, falls möglich, einen guten Cappucchino zu geniessen.

Ich habe Gemeinschaft. Wir waren an ein Fest eingeladen, und im Vorfeld konnte ich mich gar nicht richtig darauf freuen. Genau: Ich bin müde, ich möchte lieber einen ruhigen Abend haben, ich mag mich nicht aufbrezeln… was ich dann doch ein kleines bisschen getan habe. Kein Kleid, kein Rock, aber schöne Jeans und eine hübsche Halskette. Der Abend hat mich zwar nicht fitter gemacht, die Begegnungen mit wunderbaren Menschen jedoch viel fröhlicher.

Die unterschätzte Geheimwaffe: früh ins Bett gehen. Zugegebenermassen nicht meine Kernkompetenz. Aber jedesmal, wenn ich es schaffe, denke ich: Wieso nicht immer? Der Unterschied ist einfach frappant.

Ich lese gute Bücher. Zur Zeit grad „Von der Kunst, sich selbst zu führen“ von Thomas Härry. Und wenn ich keine Notizen machen mag, vertiefe ich mich in Biografien (diese hier habe ich vor Kurzem entdeckt).

Ich beginne zu danken. Auch nicht etwas, das mir leicht von den Lippen kommt, wenn ich entmutigt bin. Auch stellt sich nicht automatisch Freude ein, Gott ist ja kein Kaugummi-Automat. Und trotzdem merke ich, dass nicht alles in den Gedanken beginnt, sondern dass ich auch meinen Mund trainieren kann, Gutes auszusprechen. Früher oder später kommt es jeweils in meinem Herzen an.

_1010708

Und so stellt sich langsam ein Sichtwechsel ein. Obwohl ich auf meine Gedanken und meine Worte achte, so ist ein Sichtwechsel letztlich doch einfach ein riesiges Geschenk.

 

6 Gedanken zu „Augen auf, oder: Auf der Suche nach Schönheit

  1. Mir gehts ähnlich. Ich liebe und brauche Wärme und lebe im Frühling und Sommer regelrecht auf, brauche wenig Schlaf und habe großen Antrieb für egal was. Ich glaube dass ich ein Braunbär bin und Winterschlaf bräuchte 🙂
    Der Herbst ist auch OK, oft sonnig und bunt… danach kommt die Vorfreude auf Weihnachten und Lichterketten und Schnee. Aber spätestens nach Neujahr warte ich auf FRÜHLING. Licht, Wärme, Farbe und einfach mehr draußen unternehmen können, ohne tausend Schichten Kleidung.
    Uuuuund, das mit dem früher ins Bett gehen: STIMMT 🙂 kriege es aber auch eher selten hin.
    Aber unser Blickwinkel und Herzenshaltung kann auch viel bewirken.
    DANKE fürs erinnern zu DANKEN, auch wenn nicht alles so ist, wie wir es immer gern hätten…
    LG,
    Tina

    Gefällt 1 Person

  2. Das geht mit genauso, dieser Februar… Bestimmt hab ich auch zu wenig Vitamin d, aber das hat wohl fast jeder. Rausgehen hilft mir trotzdem ganz viel. Ich muss mich immer erinnern, aber es tut so gut… Es tut gut, bei dir zu lesen. Ich koch jetzt mal Ingwertee, gute Idee… Liebe Grüße, Martha

    Gefällt 1 Person

  3. Wie schön von dir zu lesen, liebe Sonja! Da ich mich auch grade durch eher dunkle Tage schleppe tut mir gut zu spüren, dass es anderen auch so geht. Dein „Sichtwechsel“ ist wunderbar und hilfreich (und das Buch von T.Härry ist auch richtig, richtig gut! Die Schweizer halt :-)). Liebste Grüße und wir warten auf das Frühjahr – das kommt ganz bestimmt!

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s