Überreich beschenkt! Und: Beten für Kinder (2)

Vorgestern haben wir kurzerhand die Schlitten ins Auto gepackt und sind ein paar Höhenmeter hochgefahren auf den Guldenen, auf dem es so aussieht, wie er klingt: gülden. Sonne satt. Ich genoss es in vollen Zügen, in der Sonne zu sitzen und den drei Schlittel-Monstern beim Spasshaben zuzuschauen.

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Gestern waren wir skifahren. Die Reise auf den „Tanzboden“, ein klitzekleines Skigebiet im Toggenburg, gestaltete sich als Gebetsabenteuer, denn die Strasse war voller Schnee und Eis und so schmal, dass ich vor jeder Kurve fürchtete, es könnte uns ein Auto entgegenkommen. Endlich auf dem sicheren Parkplatz, ging es los: sechs Mützen, zwölf Skistöcke und Skier, sechs Helme sowie zwölf Handschuhe und Skischuhe mussten zur richtigen Person gelangen. Leider geht sowas bei uns selten ohne Hektik und Ärger. Und kaum waren die ersten fertig, ging die Fragerei los, wann wir denn jetzt nun endlich, endlich losziehen würden.

Ich verbrachte den Nachmittag damit, unsere Kleinste an die grundlegenden Bewegungsabläufe des Skifahrens zu erinnern. Irgendwie war alles entschwunden, was mal gelernt worden war. Nicht mal mehr die „Pizza“ (der Pflugbogen) war noch präsent. Dabei hatten wir uns erhofft, dass Mahela in der nächsten Woche, wenn wir in den Skiferien sein werden, anstatt des Kinderlands die normale Skischule besuchen kann, damit Franco und ich wieder einmal selber fahren oder aber in Ruhe etwas lesen könnten. Diese Hoffnung schwand mit jeder Kurve, die sie versuchte zu machen. Und mit meiner langsam schwindenen Muskelkraft. Und mit der wachsenden Frustration. Als sie wieder einmal so dalag, mit verrenkten Beinen und Skiern, die quer in die Luft ragten, und ich am liebsten vor Enttäuschung losgeschrien hätte, kam mir ein absurd erscheinender Gedanke: ICH BIN ÜBERREICH BESCHENKT! Eigentlich total müde und entmutigt, so dass ich am liebsten losgeheult hätte, wurde mir plötzlich bewusst, dass es nicht absurd, sondern total wahr ist: Ich BIN überreich beschenkt! Wir haben vier gesunde Kinder (auch wenn zwei von einem Grippevirus befallen sind, den wir fast nicht mehr loswerden). Wir wohnen in einem Land, das politisch stabil ist, das Berge und Seen hat, und wir sind in der privilegierten Lage, dass wir skifahren und Ferien machen können. Ich bin überreich beschenkt, aber sowas von! Ich habe einen Ehemann, der das grosse Los ist, ich darf meinen Traum leben (Familie, Erwachsenenbildung, Schreiben, Backen…), ich bin gesund und darf mich, sobald dieser Nachmittag vorüber ist, ins Auto setzen und mit den Kindern in unser Haus fahren. Und unser Mädchen, das zwar nicht mehr weiss, wie es skifahren soll, hatte sich den ganzen Nachmittag über durch den Schnee gekämpft und kein einziges Mal aufgegeben. Ich bin überreich beschenkt, aber sowas von! Eine Erkenntnis, die ihre Kraft entfalten kann, indem ich mich immer wieder bewusst an sie erinnere, leise und laut. Flüsternd, lachend oder singend. Gegen meinen inneren Widerstand!

Diese Erkenntnis tut gut. Seit Anfang Februar befinde ich mich in einem Zustand der Entmutigung und des Selbstmitleids. Ärger ist mein ständiger Begleiter, und das finde ich selber fast nicht zum Aushalten. So froh ich um die Gabe bin, mich selber immer wie von aussen betrachten zu können und mein Verhalten andauernd innerlich zu reflektieren: In den letzten drei Wochen war das mehr als ernüchternd. Als ich mich entmutigt fühlte, gab mir die Erkenntnis, dass ich der Entmutigung erlaubt hatte, mich zu beherrschen, noch eins obendrauf. Ich erinnere mich nämlich immer wieder an den Satz, den eine Freundin von mir Johannes Hartl zuschreibt: „Flirte nicht mit Entmutigung!“ Mit anderen Worten: Entmutigung ist eine Entscheidung, dazu eine ziemlich gefährliche. Entmutigung nimmt allem Leben den Atem, frisst Freude und Kraft und erstickt jede Hoffnung im Keim. Aber eben, mit der Erkenntnis, auf dem falschen Dampfer zu sein, ist es eben oft nicht getan. Die Erkenntnis ist ein notwendiger Schritt, aber das Sich-auf-den-Weg-machen ist manchmal ein längerer Weg, gesäumt von kleinen und grossen Entscheidungen. Und ehrlich gesagt: Wenn ich mich im Selbstmitleid befinde, WILL ich oft gar nicht vernünftig sein. Dann will ich oft einfach mal schmollen und hören, dass ich doch ein wirklich hartes Los habe. Dass ich wirklich eine ganz Arme bin.

In diesen Momenten verbringe ich auch nicht viel Zeit im Gebet, ausser man zählt das Gejammer dazu. Die liebevoll ausformulierten Gebete zu beten, dazu kann ich mich gerade nicht aufraffen. Die sind dann später wieder dran. Zum Glück gibt es noch andere Arten, für meine Kinder im Gebet einzustehen (nach dem Buch „Praying Circles around Your Children“ von Mark Batterson): Das Gebets-Mantra. Das Wort Mantra mag ich nicht so, weil ich es mit östlichen Religionen verbinde, ohne Genaueres darüber zu wissen. Ich vermute, im Amerikanischen wird das Wort unverkrampfter verwendet (die Originalsprache des Buches, das bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde, ist Amerikanisch). Trotzdem habe ich für mich formuliert: Gebets-Satz. Obwohl keine wunderschöne Bezeichnung, bin ich doch total froh um diese Gebetssätze, denn sie lassen sich herrlich einfach wie Stossgebete gen Himmel schreien: „Vater, schenke Frieden!“ – „Vater, hab Erbarmen!“ – „Bitte schenke Hunger nach dir!“. Diese Stossgebete sind wie die Militärcracker, die wir als Kinder von Soldaten erbettelt haben. Kein Genuss, aber Energie im Minipack. Für jedes der Kinder liegt so ein Gebet auf meinem Herzen, sozusagen die Minipack-Version der „Crafted Prayers“. Und für mich selber zur Zeit mehrere.

Ich bin sehr dankbar, dass Gottes Sicht und Gottes Ansprüche so anders sind als meine eigenen. Während ich mich durch den Schlamm der Entmutigung und des Selbstmitleids wühle, hat Er schon wieder die totale Sicht dafür, was daraus entstehen soll. Und er hält mich einfach aus und schenkt mir immer wieder einen seiner Gedanken, wie den, dass ich überreich beschenkt bin.

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4 Gedanken zu „Überreich beschenkt! Und: Beten für Kinder (2)

  1. Total ermutigend – aber so was von! Ganz nach 2.Kor 1,4 – obwohl dort war waren s wohl ein paar Skistöcke mehr…
    Wir wünschen euch beiden und als ganze Familie erholsame Ferientage – wir sind ab Sonntag für eine Woche in Wildhaus. – Und by the way: an unserem Schlafzimmerschrank hängt eine Aufforderung, an die ich beim Lesen deiner Zeilen denken musste: „Ich muss mir von mir nicht immer alles gefallen lassen!“ – nicht aus der Bibel aber ziemlich nahe dran… 😁 Be blessed

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  2. so schön, finde mich in deinen Worten total wieder.
    Entscheidend ist immer wieder unsere Blickrichtung, aber manchmal wollen wir einfach vor lauter Selbstmitleid das Gute einfach nicht sehen. …. und vergiss es nicht was er dir Gutes getan hat…
    Übrigens- auf dem Tanzboden in Ebnat- Kappel habe ich vor fas 40 Jahren Skifahren gelernt..
    Sei gesegnet
    Christine

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    1. Liebe Christine, vielen Dank für deinen netten Kommentar. Genau, diese Blickrichtung… manchmal fällt es mir leicht, das Gute zu sehen, und in manchen Zeiten ist es ein Kampf. – Ach, der Tanzboden! Ich finde den Skilift sehr sehr cool! 🙂 Herzliche Grüsse Sonja

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