Der Pelzbommel

Wir zurück aus den Skiferien! Ja genau – nicht meine liebsten Ferien, denn denn die An- und Auszieherei, das Suchen von Handschuhen und Fahrkarten und die halbgefrorenen Zehen zwei- bis fünfmal täglich finde ich eher anstrengend. Richtig gut angefangen haben unsere Ferien leider auch nicht: Nachdem wir auf halber Strecke wegen vergessener Skijacke nochmals umkehren mussten, erbrach sind unterwegs erst das eine, dann das andere Kind. Überhaupt, Grippe und Magen-Darm-Virus (nacheinander, nicht gleichzeitig) haben uns diesen Winter im Griff wie noch niemals zuvor. Gekrönt wurde die Ferienzeit von einem ziemlich heftigen Sturz meines Mannes mit nächtlichem Besuch in der Notfall-Aufnahme des hiesigen Spitals. Gott sei Dank handelte es sich um einen unbegründeten Verdacht.

Eine weitere Krönung war die Begrüssung des Ehepaars, das im Haus nebenan wohnt: Das sei jetzt wirklich ein schwieriger Start gewesen – sie hätten nach unserer Ankunft zwei Stunden nicht mehr schlafen können. Der Mann sprach, die Frau verzog sich ins Haus, ohne mich anzublicken. Päng, das sass! Wegen der vergessenen Jacke waren wir nach 23 Uhr angekommen, und trotz Hunderter „Psst!’s“ und „Leise sein!’s“ brauchte es einige Zeit, bis die Betten bezogen und die Koffer am richtigen Ort waren. Obwohl das Ehepaar betonte, dass es nicht die Kinder, sondern die Geräusche unserer Schritte gewesen und der eigentliche Grund die Ringhörigkeit des Hauses war, sass der Vorwurf. Er schlug nämlich in eine Wunde, die nur langsam am Verheilen ist: Dass wir als Familie zu laut, zu gross und zu wild sind. Auf die eine oder andere Art kommen wir das hin und wieder zu hören oder zu spüren. Und falsch ist es ja nicht: Wir sind viele, und leise sind wir auch nicht.

Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit, der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler. Psalm 103,2-5

Und genau aus diesem Grund will, muss und darf ich sagen: Es waren wunderbare Ferien! Denn das haben wir erlebt. Du möchtest wissen, weshalb? Ich erzähle es dir gerne.

Wir hatten sieben Tage Sonne. Die Jungs sind in der unteren Gesichtshälfte dunkelbraun. Alle Kinder mochten trotz körperlicher Schwäche Skifahren und hatten grosse Freude daran. Bei der kleinen Maus machte es nach zwei Tagen Klick, und sie fuhr wagemutig und fröhlich alle verfügbaren Pisten ab. Alleine Tellerlift fahren? Für Anfänger! – Dann durften wir wieder die Wohnung einer lieben Freundin kostenlos nutzen, und die befindet sich gleich neben der Piste. Wir haben uns verwöhnt – mit warmen Zimtschnecken und Trinkschokolade. (Fasten, meint der Pfarrer in der Familie, beginnt nach den Ferien. Eine skifahr- und familienfreundliche Entscheidung.) Mein Konzept, dieses Jahr die meisten Lebensmittel und eine provisorische Menüplanung mitzunehmen, ging auf: Die Mahlzeiten waren viel entspannter als letztes Jahr, wo wir gefühlt jeden Tag einkaufen mussten.

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Wegen der Viren verbrachte ich nicht sehr viel Zeit auf der Piste. Im Gegensatz zu den Kindern: Drei von ihnen waren sowohl am Vor- und am Nachmittag in der Skischule. Daher hatte ich sehr, wirklich sehr viel Zeit zum Lesen und zum Backen. In beiden Tätigkeiten gehe ich völlig auf. Ich buk Zimtschnecken und Einback-Brötchen, Shortbread Cookies und unser tägliches Brot. An dieser Stelle MUSS ich einfach nochmals Werbung machen für das geniale Buch von Lutz Geissler: Brot backen in Perfektion mit Hefe. Das Prinzip ist einfach und bei allen Broten gleich: Es wird sehr wenig Hefe verwendet (0,3-1.4 Gramm; ok, das ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber er erklärt anschaulich, wie eine so kleine Menge aussieht, nämlich wie ein Reiskorn oder deren drei). Das Gehenlassen des Brotes dauert immer 24 Stunden. Innerhalb dieser 24 Stunden wird der Teig ein paarmal mit der Teigkarte gestreckt, falls es passt. Der entscheidende Faktor ist aber die Zeit. So kann ein einfacher Brotbackrhythmus entstehen. Ich habe zuhause fast täglich eine Teigschüssel rumstehen, und wir essen mehrmals in der Woche frisch gebackenes Brot. Das Buch gibt es auch in der Sauerteig-Version.

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Gelesen habe ich eine Kurzbiographie von John Wycliffe sowie „Aggression“ von Jesper Juul. Das Aggressions-Buch hat mir eine ganz neue Sichtweise eröffnet. Juul versteht Aggression – das zu Unrecht tabuisierte Verhalten – als Hilferuf, dass etwas nicht in Ordnung ist und als Einladung, eine andere Perspektive einzunehmen, nämlich diejenige des „Aggressors“, der (oder die) in Wahrheit in erster Linie auf einen Missstand aufmerksam macht. Ausserdem zeigt er auf, dass sog. „erzieherisches Verhalten“, das oft aus einer vermeintlich übergeordneten Ebene kommt, genauso aggressiv sein kann wie ein schlagendes Kind. Neue Perspektiven, neues Verständnis. Auch John Wycliffe hat mich tief beeindruckt. Bisher dachte ich immer, er sei einfach ein Bibelübersetzer. Dass er der Vorläufer der Reformation war und sich als Erster getraute, einige Lehren der Kirche kritisch zu beleuchten und ihnen etwas Neues entgegenzusetzen, das war mir bisher nicht bekannt. Er wurde verfolgt und noch nach seinem Tod als Irrlehrer dargestellt, seine Schriften verbrannt, bis die Erfindung des Buchdruckes seine Theologie bis hin zu den einfachen Menschen verbreitete und niemand sie mehr aufhalten konnte.

Das schönste Erlebnis in diesen Ferien war jedoch Gottes Reden und Eingreifen am zweiten Tag. Als ich auf dem Balkon sass in der Hoffnung, der Nachbarin nicht zu begegnen, sah ich auf dem Balkon nebenan eine wollene Mütze mit einem Pelzbommel liegen, daneben ein kleines Stofftier ihres Hundes. Als ich die beiden samtweichen, flauschigen Dinge auf ihrem Tisch sah, ging mir das Herz auf. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass sie eine Frau war, die viel Liebe in sich hatte und auch viel Liebe benötigte. Mir schien, als redete Gott durch die Sanftheit dieser Materialien – vor allem durch den flauschigen Pelzbommel – über diese Frau. Und das in einem sehr liebevollen, gütigen Ton, der die Sanftheit dieser Frau und ihre Würde fühlbar werden liess. Kaum hatte ich dieses innere Reden verdaut, ging die Tür auf, und die Frau kam heraus. Ich begrüsste sie eher schüchtern und fragte nach, ob sie besser geschlafen hatte. Da kam sie auf mich zu und entschuldigte sich beinahe mit den Tränen kämpfend dafür, dass sie uns gleich bei der Ankunft ein schlechtes Gewissen gemacht hatten. Sie sagte, sie müsse seither immer wieder daran denken, und sie wolle nichts anderes, als dass wir uns wohl und daheim fühlen würden. Sie wisse, wie es sei mit Kindern, und sie hätte das Gefühl, dass wir wegen ihrer Reklamation auf Zehenspitzen herumlaufen würden (was stimmte). Es war eine herzliche und ehrliche Begegnung, die mit Schokolade und einer Umarmung endete. Durch den Pelzbommel hatte Gott mein Herz für sie geöffnet. Und mich dann nochmals total überrascht und beschenkt.

Was meine Familie betrifft, so lerne ich auch, nicht dem nachzutrauern, was wir nicht sind, sondern das zu umarmen, was wir sind. Ja: Wir sind so, wie wir sind! Eine simple Erkenntnis. Und sie ist auch nicht die Genehmigung, sich rücksichtslos zu verhalten. Wir arbeiten an unserer Lautstärke und an unseren Persönlichkeiten. Was heisst, dass wir uns täglich, Stück für Stück von Gott verändern lassen wollen. Aber das will ich nicht mehr gleichsetzen mit: sich schämen und sich wertlos fühlen. Sich einschüchtern lassen. Sich unwürdig fühlen und in der Defensive. Wir sind, wie wir sind: Unperfekt, auf dem Weg, total geliebt. Diese Erkenntnis hat Gott in diesen Ferien ein paar Millimeter tiefer verankert.

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6 Gedanken zu „Der Pelzbommel

  1. Liebe Sonja, ich bin immer wieder begeistert wie einfallsreich Gott uns persönlich ins Herz spricht. Es hat mich berührt, vom Pelzbommel zu lesen. Einem anderen wäre er vielleicht nicht aufgefallen.
    Übrigens hast Du immer super Buchtipps, ich habe mir für die Ferien das Buch von Thomas Haerry gekauft und war begeistert.
    Steffi

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Sonja,
    so ein wunderbarer Artikel. Ich merkte beim Lesen echt, wie mir das Herz mit Dir zusammen aufging angesichts dieser Gott-vollen Erfahrung mit der Muetze und Nachbarin.
    Und ich schliesse mich einem Vorgaenger an, Deine Buchtipps sind toll und ich schaue mir die meisten davon an (und besorge auch einige!).
    Dank‘ Dir fuer all die Muehe, die so ein Blog auch mit sich bringt, inmitten all des Familientrubels. Seid und bleibt gesegnet!
    Liebe Gruesse,
    Kathrin aus London

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Kathrin, vielen Dank für deine liebe Rückmeldung. Sie ermutigt und freut mich sehr! Und danke für die Segenswünsche. Auch dir alles Liebe und viel Segen – ich bin fast etwas neidisch, dass du in London wohnst (meine Lieblingsstadt ausserhalb der Schweiz, wie du vielleicht schon gelesen hast) 🙂 Herzlichst Sonja

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