Zarte Anfänge

Nein, den beginnenden Frühling meine ich mit den zarten Anfängen heute gewiss nicht. Wie jedes Jahr ist die Zeit des Tauwetters optisch die trostloseste überhaupt. Es ist dunkelbraun und dunkelgrau allerorten. Für meine Augen, die immer auf der Suche nach Schönheit sind, trotz des Wissens um den anbrechenden Frühling eine schwierige Zeit. Für mein Herz, das etwas weiter zu sehen vermag, voller Hoffnung. Überall kleine, hellgrüne Zeichen des unaufhaltsamen Wachstums. Ein verschwörerisches Zwinkern der Natur: „Ja ja, jetzt gefällt’s uns auch nicht grad, aber wir sind am Start! Nichts wird uns aufhalten können!“ Und wie zur Bekräftigung scheint immer wieder mal die Sonne durch – der Lichtblick!

Während eines solchen Lichtblicks kann ich mir von einer Sekunde auf die andere nicht mehr vorstellen, meine Winterschuhe zu tragen. Es geht einfach nicht. Die hellen Sneakers müssen her! Ebenso verworfen werden meine in kalten Zeiten geliebten Kaschmir-Strickjäckchen in gedeckten Farben. Weg damit und her mit den hellen Farben und leichten Stoffen. Ich bin einen Klick davor, mir ein Frühlingskleid zu bestellen, so euphorisch fühle ich mich, wenn der Frühling durchbricht! Ach ja, Kleider – ich liebe sie so sehr und trage sie doch so selten. Vielleicht ändert sich das ja in diesem Frühjahr?

Veränderung liegt in der Luft, auch in unserer Familie.

So hat eines unserer Kinder – ich würde sagen, das sensibelste von vier eher sensiblen – nach einer ausgesprochen schwierigen Weihnachtszeit begonnen, neue Verhaltensmuster zu entwickeln. Das Kind, das noch vor wenigen Wochen täglich mehrere Wutanfälle hatte und ebenfalls täglich in ein gefühltes Dutzend von Reibereien verwickelt war, zeigt jetzt ruhige und sehr reflektierte Momente, Tendenz steigend. Mich berührte gestern Abend die Frage, als wir gemeinsam in seinem Bett lagen und das „Abend-Büechli“ zusammen anschauten – diesmal ein Piraten-Sticker-Buch zum Aufkleben – die ernsthafte Frage: „Wie meinst du das?“ Ich weiss gar nicht mehr, was ich gesagt hatte. Aber offensichtlich konnten aus meiner Aussage verschiedene Botschaften identifiziert werden, und das hat mein Bub gespürt und wollte der Sache auf den Grund gehen.

Veränderungen bei ihm sind auch am Morgen vor dem Kindergarten sichtbar. Bisher eine meiner anstrengendsten Stunden. Die zwei Kleineren können völlig unbeeindruckt von Zeit und Raum in ihre Spielwelt abtauchen, oder, weit schlimmer und häufiger, sich in endlosen Zwistigkeiten verhaken. Bei einer solchen Gelegenheit spürte ich vor ein paar Tagen die Ungeduld hochkriechen. Dann nahm ich aber einen kleinen Impuls wahr, der lautete: „Gib dem Grösseren die Aufgabe, zu schauen, dass die Kleinere die Zähne putzt und rechtzeitig parat ist.“ Gehört, getan. Und siehe da, das Kind nahm die Verantwortung wahr, schaute sowohl zu sich selber als auch zur Schwester, und beide standen vor der Zeit friedlich im Hauseingang parat. Dies ist inzwischen schon mehrmals so abgelaufen. Ein wahrhaftiger Lichtblick!

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Für ein anderes Kind, das seit Jahren an einer bestimmten Front kämpft, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Gesprächspartner mit Ideen, wie es unterstützt werden kann. Ich spüre neuen Antrieb, der Sache nun auf den Grund zu gehen und alles dafür zu geben. Erste Gespräche sind bereits eingefädelt.

Bei mir selber spüre ich auch Veränderungen. Nach dem betriebsamen Januar und dem melancholischen Februar sammle ich mich innerlich, werde ruhig und fokussiert. Ein Herzensprojekt erhält schärfere Umrisse und Zuspruch aus dem Umfeld. Möglichkeiten werden sichtbar. Eine davon ist: Ich möchte gerne meine theologische Ausbildung, die ich unterbrochen habe, weil wir eine Familie werden wollten, wieder aufnehmen. Dies ist grad jetzt nicht möglich, aber vor meinem inneren Auge entsteht ein Bild, wie der Weg dahin gegangen werden kann.

Eine weitere Veränderung ist, dass ich wieder Lust habe, Freunde an unseren Tisch zu bitten. Auch wenn es sich um eine einfache Brotzeit handelt: Ich (wiederhole mich) habe Lust auf Gemeinschaft. Eine lange Zeit war ich viel zu müde, um viel Besuch zu haben. Die spontanen Kaffee-Einladungen mit Freundinnen natürlich ausgenommen. Ich meine so „richtigen“ Besuch, mit Essen und Familie und allem. Zarte Anfänge.

Gerade jetzt, wo ich am Schreiben bin, dringt ein Sonnenstrahl ins Grau und verändert die ganze Atmosphäre. Der Lichtblick. Immer wieder staune ich, was Licht in meiner Seele bewirken kann. Trostlosigkeit wird durch Hoffnung ersetzt, Freude bricht sich Bahn, Kräfte werden mobilisiert.

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Und immer wieder mache ich die Erfahrung, dass vor dem Lichtblick das Grau besonders undurchdringbar wirkt. So, als würde sich nie was ändern. Wie beim Tauwetter, wo die unansehnlichste Zeit des Jahres einer prächtigen vorausgeht, so kündigen auch Hoffnungslosigkeit und fehlende Sicht oftmals eine Veränderung an. Es fühlt sich an wie in einem Tunnel, wo ich mich durch Enge und Dunkelheit kämpfen muss, das Licht und die Weite aber nahe sind.

In solchen Tauwetter- und Tunnel-Zeiten bin ich besonders auf Menschen angewiesen, an deren Vertrauen ich mich lehnen kann. Wie in der folgenden Geschichte:

Da kamen vier Männer, die einen Gelähmten trugen. Weil sie wegen der vielen Menschen nicht bis zu Jesus kommen konnten, deckten sie über ihm das Dach ab. Durch diese Öffnung ließen sie den Gelähmten auf seiner Trage hinunter. Als Jesus ihren festen Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!« (Markus 2,3-5; Hoffnung für Alle)

Ich finde besonders spannend, dass Jesus aufgrund des Glaubens der vier Männer dem Gelähmten seine Sünden vergab. Mit anderen Worten: Glaube (oder Vertrauen) in sich selber reicht, um Hilfe zu erhalten. Es muss nicht mein Glaube sein. Ich darf mich vertrauensvoll dem Vertrauen meiner Freunde, meines Mannes, meiner Familie anhängen, die für mich glauben. Die Worte einer lieben Freundin habe ich oft im Ohr: „Ich glaube, eine Veränderung steht bevor. Gott will etwas tun!“ Sie sagt sie meist dann, wenn ich ihr von einer besonders schwierigen Situation erzählt habe. Ihre Sicht hilft mir auf. Sie trägt mich, wie die vier Männer den Gelähmten trugen. – Und dann stelle ich auch immer wieder fest, dass ich Vertrauen für Situationen habe, die andere betreffen und entmutigen. Ich finde es viel einfacher, Hoffnung für andere zu haben als für mich selber, und das ist wohl Absicht. Es war vermutlich nie Gottes Plan, dass wir uns allein durchwursteln. Auch wenn ich es immer wieder versuche. Aber es wird mir immer wieder bewusst, dass wir füreinander erschaffen wurden. Gemeinschaft war Gottes Idee, auch um einander aus dem Tunnel herauszuhelfen. Die zarten Anfänge zu entdecken und ihnen mit Vertrauen zum Wachstum zu verhelfen.

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13 Gedanken zu „Zarte Anfänge

  1. Hallo Sonja, besten Dank für den Einblick in die vielen zarten Anfänge in deinem Jetzt! Ja, manchmal brauchen wir alle den unvoreingenommenen Blick von Aussen in Form eines guten Freundes, dem wir die Erlaubnis gegeben haben sich einzumischen.
    Gruss
    Stefan

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    1. Hallo Stefan, ich finde auch, dass eine gewisse Tiefe und Ehrlichkeit eine Erlaubnis verlangt (ob ausgesprochen oder nicht). Diejenigen Beziehungen zähle ich zu meinen kostbarsten. Liebe Grüsse!

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  2. Liebe Sonja, ich kann dir sehr viel nachempfinden von dem, was du schreibst, danke fürs Teilhaben lassen. Es ermutigt, von anderen zu lesen, die ähnliches Denken, Empfinden und Erleben. (Ich habe 5 Kinder und hier gibts auch viel Sensibilität 🙂 .) Ich freu mich, dass ich deinen Blog gefunden habe. Liebe Segensgrüße, Jojo

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  3. Danke Sonja für diesen schönen Einblick in euer Familienleben! Und deine guten Worte. „Und immer wieder mache ich die Erfahrung, dass vor dem Lichtblick das Grau besonders undurchdringbar wirkt. So, als würde sich nie was ändern.“ Ich stecke mitten im dunklen Tauwetter und hoffe auf den Lichblick – deine Worte fallen mir direkt ins Herz und machen Mut. Danke Schwester! LG aus Stuttgart!!! 🙂

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  4. Das klingt gut! Und so bekannt 🙂
    Ich kenne auch solche Phasen (vor allem im grauen, tristen, kalten Winter) und für mich kommt neuer Mut und Hoffnung mit den ersten wärmeren Sonnenstrahlen.
    Weiterhin viele Lichtstrahlen wünscht
    Tina

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  5. Danke für diese wunderbaren Zeilen – Neuanfänge und positive Veränderungen im Kleinen sind etwas wunderbares. Danke auch für diese Mutter-/Elternperspektive auf die Veränderungen im Kind. Als Lehrer übersieht man solche kleinen Lichtstrahlen manchmal, das war mir eine gute Ermutigung 🙂

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