Geschenkte Zeit

Meine Augen wandern durchs Regal des Tankstellen-Shops. Kein Laden, in den ich aus freien Stücken hineinginge, und auch das dazugehörige Parkhaus sieht von aussen alles andere als modern und einladend aus. Eher so, wie wenn in den Siebziger Jahren ein Wettbewerb stattgefunden hätte, wer am schnellsten ein zweckmässiges Parkhaus erstellen kann. Damit das Park-Ticket bezahlt werden kann – nur Barzahlung ist möglich – wurde vermutlich noch rasch ein kleines Lädelchen dazu improvisiert. Es ist ausgestattet mit dem Allernötigsten: Schokoriegel, Getränke, Zigaretten und Sandwiches. Eine Kaffeemaschine steht in der Ecke, und auf der Theke finden sich ein paar Früchte. Beides brauche ich jetzt nicht, sondern nur das Allernötigste: ein Getränk für mich, weil ich die Trinkflasche zuhause gelassen hatte, und dann noch zwei Schokoriegel für die beiden Jungs, die ich gerade ins Training gebracht habe. Ich habe Zeit, um auszuwählen. Mein Blick bleibt an den Ovomaltine-Guetzli hängen. Meine Kinder lieben dieses Malz-Gebräu in allen Varianten. Vor allem in Form von Aufstrich und ebendiesen Guetzli. Ich schnappe mir zwei kleine Packungen sowie ein Wasser und bezahle. Im Geist stelle ich mir ihre Freude vor und freue mich grad selber. Der Herr vor mir möchte bargeldlos bezahlen, aber ausschliesslich kontaktlos. Er zieht seine Karte über das Apparätchen, aber statt des bestätigenden Piepses kommt nichts. Keine Reaktion, kein Pieps, nicht mal eine Fehlermeldung. Der Mann probiert und probiert. Die Kassiererin sucht lächelnd nach Erklärungen. Ich leide still mit und hoffe, dass der Mann genug Bargeld dabei hat. Hat er. Ich darf ebenfalls bezahlen und erhalte gleich die benötigten Münzen für das Park-Ticket. Dann trete ich aus dem Laden und blicke in die Sonne. Neben der Turnhalle, in der die Kinder trainieren und bei der ich warten muss, gibt es ein kleines begrüntes Spiel-Pärkchen für Kinder mit Bänken. Dahin setze ich mich mit Ann Voskamps Buch „One Thousand Gifts“. Ann Voskamp habe ich bisher nicht gekannt. Nur ihr Name ist mir schon mehrmals begegnet. Nun hat mir eine Freundin das Buch ausgeliehen, ohne dass ich danach gefragt hatte. Hier bin ich also und fange an zu lesen. Obwohl ich auf Englisch angefangen habe Theologie zu studieren und mich daher der Sprache einigermassen mächtig fühle, verstehe ich viele Worte nicht, muss viele Sätze mehrmals lesen. Es ist eine poetische Sprache, sanft und bildreich. Schon auf der ersten Seite kämpfe ich mit den Tränen, werde berührt. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich lehne mich zurück und bin dankbar.

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Für Pfingsten hatte ich mir gewünscht, Familienzeit zu haben. Unter Familienzeit verstehe ich eine gemeinsame Aktivität, zuhause oder unterwegs, in der wir bewusst zusammen sind. Die Aktivität und der Ort sind planbar, die Gemeinschaft ist es nicht. Wie es jedem von uns geht, hat Einfluss auf die Gemeinschaft. Am Pfingstmontag feierten wir Familienzeit. Es ist das erste Jahr, in dem Fahrrad-Ausflüge möglich sind. Alle können fahren! Das hatten wir genutzt und fuhren zum Flughafen und zurück, nicht ohne uns unterwegs gemeinsam zu stärken. Es war ein wunderschöner Abschluss der Feiertage. Und Feiertage hatten wir nun wahrlich viele. So sehr ich mich über freie Tage freue: Für mich persönlich bedeuten sie neben der Gemeinschaft, die ich geniesse, wenig Zeit für mich allein und wenig Ruhe. So war ich am Dienstag nicht allzu unglücklich, als ich das Frühstück machte und mir überlegte, was ich an diesem Morgen als erstes anpacken wollte.

Da klagte das erste Kind über Bauchschmerzen. Ich war versucht, es mit der üblichen ersten Antwort abzuspeisen („Ach nein, du Armer. Ich mache dir einen Tee, dann wird es dir gleich besser gehen. Hast du alles eingepackt, was du für heute brauchst?“). Da sagte das zweite Kind weinerlich: „Ich habe eigentlich auch Bauchschmerzen.“ Auf seinem Teller lag unangerührt das liebevoll bestrichene Frühstücksbrötchen. Es war mir vorher schon mal komisch vorgekommen, dass das Kind es nicht anrührte, aber ich hatte das innerlich und unbewusst unter „üblichem Trödeln“ abgebucht. Jetzt aber schwante mir langsam, dass ich mich wohl heute morgen nicht um irgendwelche Projekte, sondern um meine Kinder kümmern würde.

Es gab Zeiten, da wäre ich ob einer solchen Erkenntnis verzweifelt. Was ich noch alles erledigen, schaffen, abarbeiten muss – Jesus, siehst du es??! An diesem Morgen nahm ich das liebevolle Lächeln von Jesus war, der mir zuzwinkerte und sagte: Entspann dich, meine liebe Tochter. Chille es! Das wird toll! – Und, was soll ich sagen: Ich chillte es. Um zehn Uhr kam das Telefon der Kindergärtnerin mit der Mitteilung, dass sich auch das dritte Kind über einen „komischen Bauch“ beklagt hatte und sich auf dem Heimweg befindet. Da musste ich selber lachen. Drei Kinder und eine Mutter, die ihre gesamte Flexibilität ins Spiel bringen musste und sogar Freude daran fand. Es wurde deutlich: Meine Zeit war nicht mein Geschenk an meine Kinder, sondern sie war ein Geschenk von Jesus an mich. Zeit, die wir trotz Bauchschmerzen mit Gemeinschaft und Lachen füllten. Und nebenbei schaffte ich sogar noch einige Punkte ab. Andere als gedacht – vermutlich sinnvollere. Geschenkte Zeit! Genauso geschenkt wie die eineinhalb Stunden, die ich während des Trainings mit meinem Buch in der Sonne verbrachte. Dieser Taxidienst erschien mir ja zuerst wie eine riesige Last – ein ganzer Nachmittag sollte für sowas draufgehen? Was sollte ich nur mit all den anderen Kindern machen? Nun, für jedes Kind fand sich eine Lösung; eine so gute sogar, dass ich die Trainingszeit als Lese-Pause für mich geschenkt erhalten hatte. Buch und Bank im Grünen statt Stau und Stress. Inspiriert und berührt werden statt unaufhörlich Gas zu geben. So fühlt sich Leben an. Davon möchte ich mehr!

Denn grad, obwohl die Bilder eine andere Sprache sprechen, habe ich ziemlich sportlich geplant und bin dauernd dran, den Überblick über alles zu behalten, was ich versprochen und zugesagt habe und was sonst noch anliegt. Ich bin noch mehr als sonst herausgefordert, die Lücken, die sich mir schenken, zu nutzen, um innerlich und äusserlich aufzuatmen. Das gelingt mir mal mehr, mal weniger. – Vorgestern waren wir auf dem Erdbeerfeld. Du entdeckst die vielen tiefroten, glänzenden Früchte nur, wenn du die grünen Blätter mit der Hand anhebst. Von oben sind sie oft nicht sichtbar. Aber wenn du genau nachschaust, ergiesst sich die Fülle.

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4 Gedanken zu „Geschenkte Zeit

  1. Du Liebe, vielen Dank für das mit hinein nehmen in deinen Tag. Ich hoffe den Bäuchen der Kinder geht es inzwischen wieder besser. Du beschreibst den Park-Moment so schön. Davon wünsche ich dir noch ganz viele in diesem Sommer.

    Ein lieber Gruß zu Dir.
    Tine

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