Blickrichtung

Ich stosse unsere kleine Gartentüre auf und lasse meinen Blick kurz schweifen. Die roten Johannisbeeren sind erntereif, ebenso die schwarzen. Die violetten Josta-Beeren schmecken noch etwas säuerlich. Bald ist Erntezeit. Mein Blick fällt auf das vor kurzer Zeit aufgestellte grosse Trampolin. Wir durften es für diesen Sommer ausleihen, und ich bin nach kurzer Zeit schon ganz verliebt. Es steht in unserem Garten und ist auch ein Magnet für viele Kinder hier. Von meinem Küchenfenster aus kann ich es sehen, was gut ist, denn wir müssen unsere Kinder immer mal wieder daran erinnern, dass nicht alle gleichzeitig darauf herumhopsen können. In entspannten Momenten finde ich mich selber darauf wieder, zur Zeit oft mit Noah und Mahela. Wir haben ein Spiel, bei dem jeder reihum eine Sprungvariante vorzeigen kann, und die beiden anderen klatschen nachher, selbst wenn es ein einfacher Hopser war. Wir lachen viel dabei! – Ich hole mein neues Fahrrad aus dem Schopf. Nach zwanzig Jahren haben wir uns für ein neues Fahrrad entschlossen. Das alte war von Anfang an etwas zu klein. Mahela und ich fahren ins Glattzentrum, ein riesiges Einkaufszentrum in unserer Nähe. Früher, als die Kinder kleiner waren, ging ich gerne hin. Es war eine Aktivität, die einen Halbtag ausfüllte. Die Reise dahin war meist abenteuerlich – Fahrzeuge, Kinderwagen, Rucksäcke, alles war dabei. Jetzt hat sich das Einkaufen zu einer eher lästigen Pflicht entwickelt. Lieber werke ich zuhause in unserer Küche oder zupfe im Garten ein paar Unkräuter aus.

Seit meinem letzten Beitrag „Es reicht!“ ist mir aufgegangen, dass meine Blickrichtung entscheidend ist. Ich habe geschrieben: „Wo ich auch hinschaue: Überall entdecke ich irgend jemand, der etwas besser, schöner und professioneller macht als ich.“ Nun, was ich tun kann, ist, meine Blickrichtung zu ändern. Das ganz Offensichtliche war, soziale Medien soweit möglich zu meiden. Und nur schon dieser kleine Schritt hat mich wieder mehr geerdet, weil ich nicht mehr täglich in Dutzenden von Bildern mitkriege, was andere erleben und zustande bringen. Ich habe beschlossen, meinen Blick auf das zu richten, was im realen Leben zu mir gehört: Auf unser Haus und unseren Garten, auf unsere Kinder; darauf, was jetzt, hier und heute zu tun ist. Auf das Trampolin und mein neues Fahrrad. Ich möchte in erster Linie auf das schauen, was um mich herum passiert. Bei mir bleiben. Innerlich und äusserlich. Ich hatte mich nämlich selber etwas verloren, und mit mir die Stimme, die mich leitet und führt.

Verlieren kann ich mich aber auch ganz leicht in all dem, was um mich herum passiert, wie immer vor den Sommerferien: Indianerfeste hier, Gitarrenkonzert da; Zimtschnecken hier, Zimtschnecken da (sie sind immer noch unser Dauerfavorit, daran hat sich seit den Sportferien nichts geändert). Würste und Chips hier, WM-Spiel da, Schulausflug hier, Besuch mit neuem Thek in der Schule da. Jeden Tag ist mindestens etwas los, und in den Lücken dazwischen besänftige ich kleine rotbackige Wesen, die immerzu fragen, wann wir denn endlich hierhin oder dorthin gehen würden. Ein kleines Wesen, genauer gesagt. Die Jungs geben sich ziemlich abgeklärt.

Wenn ich dazukomme, lese ich, bis ich meist erschöpft einschlafe. Die Hitze der letzten Tage hatte es in sich; ich schleppe mich zur Zeit von Tag zu Tag, von Aktivität zu Anlass. Putzen mag ich schon gar nicht mehr, und, ganz ungewohnt für mich, es vermag mich nicht mal so zu stressen. Denn unsere Ferien stehen vor der Tür: Drei Wochen England, wie immer London und Saltwood, sowie Cornwall zum ersten Mal. Ich bereite schon jetzt einen Lese-Sack mit vielen Comics und Kinderzeitschriften vor, Franco kopiert Hörspiel-CDs auf unseren iPod…

In diesem Gesumme und Gebrumme versuche ich, nicht immerzu To-Do-Listen abzuhaken, weil ich immer wieder denke, dass ich erst „dann, wenn das und das gemacht ist“ zur Ruhe kommen werde. Ich versuche, immer wieder kleine Pausen-Tasten zu drücken, zum Beispiel indem ich mir ein Glas „Haus-Eistee“ gönne (nach der Idee unseres geliebten Cafés): Ein Viertel kaltes Früchtetee-Konzentrat mit drei Viertel kaltem Wasser mischen, Eiswürfel und Strohhalm dazu, fertig. Oder indem ich mir den leicht deprimierenden Schweiz-Schweden-Match mit meinen Kindern anschaue. Irgendwie denke ich, dass die Sache mit den Pausen mich ein Leben lang herausfordern wird, aber ich spüre auch: Das ist das Leben. Das Leben kommt nicht „danach“, „wenn“. Das Leben ist auch nicht nur die Pause. Sondern die Fülle! Es ist gerade jetzt da, herausfordernd und gütig, bunt und laut, müde und voll. Das Leben ist das Gesumme. Es sind die Vorbereitungen, die To-Do-Listen, und es sind die Pausen. Es ist die Vitalität und das Müde-sein. So ist mein Leben, und ich will es täglich feiern und umarmen!

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6 Gedanken zu „Blickrichtung

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen: Das Leben kommt nicht „danach“ oder „wenn“. Es ist, wie Du so schön schreibst, die Fülle, das ganze Gesumme😊! Ich möchte, dass dieser Blickwinkel immer mehr in meinem Alltag verankert ist. Ich wünsche Dir schöne Ferien und dass der Tapetenwechsel Euch gut tut!

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    1. Nach erfolglosem Recherchieren musste ich meine überaus naturkundige Mutter fragen, von der ich sie habe: Dreimasterblumen! Sie blühen den ganzen Sommer über. Liebe Grüsse!

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  2. Ach wie schön! Danke Sonja! (besonders auch für das Foto der vertrockneten Pflanzen:-)).
    Du hast so recht, die Blickrichtung ist so entscheidend im Leben (oder wie Johannes Hartl und jeder Fußballtrainer das immer wieder predigt: Fokus ist alles!) Da bin ich auch täglich am lernen! Und ihr geht nach Cornwall! Oh wow. Ich habe dort einen meiner schönsten Urlaube verbracht. Ein wunderbarer Zeltplatz in Mevagissey (oder so ählich hieß das glaub), Lands End, St. Yves, die engen Dorfstraßen, sanfte Hügel am Meer und die bezaubernden Fischerdörfer…wünsche euch einen wunderbaren Urlaub!!! Und viel Spaß beim Trampolinhüpfen!

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    1. Liebe Christina – sobald du in die Tasten haust, fliesst Segen, sogar bei Kommentaren 🙂 Das kam mir gestern in den Sinn. Danke dafür! Von Herzen eine gesegnete Sommerzeit! Sonja

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