Warum ich England liebe

Morgen ist der letzte Tag in Cornwall, wo wir unsere erste Ferienwoche verbringen. Eine Woche voller Sonnenschein, Cornish Ice Cream, Felsen und Meer liegt hinter uns und hat sich in unsere Herzen versenkt. Seit wir auf der Insel sind, fühle ich mich auf eine besondere Weise fröhlich und entspannt. Seit Jahren fahren wir im Sommer nach England. Wir haben das Glück, dass wir Freunde haben, die willens sind, uns ihr Haus zu überlassen. Und wir haben uns auch alle in diese Insel verliebt. Ein paar Gründe dafür sind

  1. Backkünste
    Als Schweizerin war ich mit dem trügerischen, naiven und dennoch angenehmen Gefühl aufgewachsen, dass hier bei uns alles, wirklich alles perfekt ist, und besser als anderswo. Natürlich auch die Süssigkeiten. Und man denke nur an die Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel, die wir als selbstverständlich einfordern. Als ich das erste Mal in England war und in die Schaufenster der Coffee Shops und Bäckereien blickte, war es jedoch um mich geschehen. Eine so grosse Auswahl an süssen Köstlichkeiten, eine solche Vielfalt und Farbenpracht hatte ich vielleicht schon einmal gesehen, aber niemals so: so stilvoll, so unaufgeregt, so köstlich. Es ist keine französische Pâtisserie, perfekt mit Spiegelglanz. Es sind Muffins, Cupcakes, Cookies sowie Abwandlungen und Eigenkreationen davon, und überall diese mehrlagigen Torten, schlicht „Cakes“ oder „Victoria Sponge Sandwich“ genannt. Wo bitte kriegt man in der Schweiz einen „Sticky Toffee Cake“, also eine klebrige Caramel-Torte? Hierzulande benennt man Torten lieber als „leicht, frisch und fruchtig“. Nein, in England darf eine Torte noch das sein, was sie ist: ein üppiges, süsses Gebäck. Und alles ist immer wunderschön und liebevoll angerichtet. Meine ganze Liebe zu Cupcakes erwuchs aus diesem englischen Backbuch: „Hummingbird Bakery Cookbook“ – es sieht total zerfleddert aus, aber ich backe noch jetzt fast wöchentlich daraus.IMG_9806

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    Schaufenster in London

  2. Gemütlichkeit
    Gib einem Engländer einen Stuhl und eine Tasse, und er zelebriert eine „Tea Time“, eine Teezeit. Aus der kleinsten Ecke können Engländer stilvolle Gemütlichkeit zaubern. Die besten Cafés sind oft die kleinsten, die man von aussen nicht beachten würde, weil sie so bescheiden daherkommen. Aber hey, mit den Kaffeekünsten können es die Engländer seit vielen Jahren mit allen anderen aufnehmen. (Mit Tee sowieso, aber ich bin nicht die Schwarztee-Trinkerin, not at all.)IMG_1276

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  3. Style – alles in schön
    Sogar in einem normalen Supermarkt schaut man sich ein Regal an, und, was soll ich sagen – es sieht einfach SCHÖN aus. Schöne Teeschachteln. Hübsche Müesli-Verpackungen. Alles wie zuhause, einfach in schön. Ich liebe es, dass viele Engländer ein Auge für Schönheit haben, und dass eine Dose Schokoladenpulver es wert ist, dass man ihr ein schönes Design verpasst. Ich meine, man schaut sich fünfmal pro Tag die Nesquik-Verpackung an. Wie wohltuend fürs Auge, wenn es hübsch statt knallgelb ist?IMG_1257

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  4. Gastfreundschaft
    Engländer kümmert es nicht, ob Tomatensauce auf ihre frisch bespannten Stühle kleckert, oder wo die Schuhe, mit denen man ins Haus kommt, hineingetreten sind. Sie heissen einen immer und überall herzlich willkommen. Ich persönlich würde ja niemals mit den Strassenschuhen bis ins Schlafzimmer laufen, und am Anfang hat mich das sehr befremdet. Bei mir zuhause… ist es mir wichtig, dass der Boden sauber ist, die Fenster habe ich aufgegeben, aber Ordnung muss sein… Gerade hier liegt der springende Punkt: Den Engländern sind, salopp gesagt, die Menschen wichtiger als der Haushalt. Es ist für sie unbedeutend, wieviele Krümel auf dem Boden liegen. Oder wann der Abwaschlappen zuletzt ausgewaschen wurde und wie er riecht. Wie blank die Küchenkombination blinkt. Ihnen bedeutet es etwas, mit den Menschen, denen sie begegnen, Tee zu trinken und zu fragen, wie es ihnen geht.

Es gäbe noch so vieles zu erwähnen. Allem voran die Schönheit der Natur, besonders Cornwall… Dabei ist England für mich nicht vollkommen. Müsste ich hier leben, gäbe es viele Dinge, mit denen ich meine liebe Mühe hätte. Aber ich geniesse das Privileg, meine Ferien hier verbringen zu dürfen, und so ist mein inneres Navigationsgerät auf Geniessen geschaltet. Das kommt mir insofern entgegen, als ich zusammen mit einer lieben Freundin darüber nachgedacht habe, wie der Alltag mit vier Kindern (sie hat ebenfalls vier) so zu bewältigen ist, dass man sich am Ende des Tages nicht nur müde fühlt. Wir ermutigen uns gegenseitig zu zwei Dingen: Immer wieder die Gegenwart Gottes zu suchen, und sei es nur für ein paar Minuten (Stossgebet oder Dank, oder einfach sein – egal) und immer wieder die Pausentaste zu drücken, sich hinzusetzen und einen Kaffee zu geniessen oder einfach ein- und auszuatmen. Um dem Gefühl vorzubeugen, dass man sich immer nur für die anderen abrackert (was natürlich eine Lüge ist, aber eine, die sich immer wieder mal einschleichen will). Ich finde, Ferien mit ihrem total anderen Tagesablauf sind perfekt dafür geeignet, dies einzuüben. Alles ist einfach schöner, wenn es mit dem Schöpfer allen Lebens und aller Schönheit teilen kann. Und er ist da und lächelt.

Passend dazu erzählten unsere englischen Freunde, mit denen wir in Cornwall waren, Folgendes: Wenn wir zu Himmelstür kommen, stellt Gott uns eine einzige Frage zu unserem Leben auf der Erde: „Did you enjoy it?“

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9 Gedanken zu „Warum ich England liebe

  1. Ja!!
    Ich genieße es.
    Und ich werd auch zufrieden mit meinem irdischen Aufenthalt sein, wenn ich es nie nach Cornwall geschafft habe.
    Versprochen.
    (Auch wenn ich da wirklich sehr gerne mal…)

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  2. oh JAAA! WIe schön!!! Habe schon auf Deinen Englandbericht. Danke für die tollen Bilder und Deine warme Beschreibung warum Du England liebst. (frisch gebackene Scones mit Orangenmarmelade und clotted cream hast Du noch vergessen zu erwähnen !) Und die Frage Gottes am Ende – da krieg ich einen Kloß im Hals und denke: Echt, ist er so gut und so liebenswürdig? (mindestens so liebenswürdig wie die Engländer muß er wohl sein :-)).
    Segen zu Euch und kommt gut wieder nach Hause!

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    1. Hach, liebe Christina! Wie konnte ich die SCONES vergessen! Die genossen wir in Cornwall fast täglich. Und fanden es spannend, wie wichtig es den Cornish war, dass die Clotted Cream zuoberst kommt (im Gegensatz zu Devon, wo die Marmelade zuoberst ist). Einfach wunderbar englisch. – Und ja, diese Frage von Gott hat bei mir genau das Gleiche bewirkt. Ach ja, ich habe gerade deinen neuen Blogeintrag gelesen und weiss GENAU, was du meinst mit der Sehnsucht nach Momenten der Ruhe. Mögest du reich gesegnet sein mit solchen, und ganz viele „enjoy“- und Aare-Momente erleben. Eine herzliche Umarmung!!

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  3. Lustigerweise hatten wir die Verpackungsfrage auch wieder im Urlaub. Ich war nämlich schwer enttäuscht von den Dänen (war exakt wie im Deutschen Supermarkt) wohingegen die Schweden und die Engländer….Ich bin ja auch sehr anglophil, auch wenn es erst für zwei Besuche gereicht hat. Jetzt müssen erstmal englische, altmodische Krimis reichen, ohne die ich seit Jahren schon nicht einschlafen kann. Für mich ist Martha Grimes besser als Baldrian. Liebe Grüße und eine tolle zweite Woche…

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    1. Ich habe mir gestern das Buch „Call the Midwives“ gekauft von wegen englisch und altmodisch 🙂 …und zwei Besuche sind doch immerhin etwas. Zeit genug, sich etwas zu verlieben… Herzliche Grüsse!

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