Lektion am Wasserfall

Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen für die vier freien Nachmittage, die ich in der letzten Schulferienwoche hatte. Nach viereinhalb Wochen Familienzeit hatte ich mich sehr auf diese Zeit gefreut. Eine Zeit ohne Fragen, ohne Streit, ohne Ausflüge und Ämtli – einfach Zeit für mich, für meine Projekte, Zeit zum Ausruhen. Ich hatte mir vorgestellt, dass ich viel schreiben und lesen würde. Dass ich mich bewusst entspannen würde. Und dass ich in Ruhe arbeiten würde, an ein paar Dinge wieder anknüpfen, die den Sommer über liegen geblieben waren. Zum Beispiel den Wust an Papieren in meinem Fächli auf dem Pult abarbeiten. Das vor mir liegende Halbjahr planen. Eine Sitzung vorbereiten.

Was ich gemacht habe? Nichts von alledem. Ich habe zwar ein bisschen gelesen, geschlafen und zwei, drei Dinge ohne grosse Begeisterung angepackt. Insgesamt aber empfand ich diese Nachmittage eher als frustrierend. Es dauerte jeweils ziemlich lange, bis ich überhaupt wusste, was ich tun oder lassen wollte. Ich fühlte mich planlos und doch nicht frei ob der vielen Punkte auf meiner Liste, antriebslos und doch getrieben. Getrieben von meinen Ansprüchen und Vorstellungen, was hätte sein sollen. Nur, um leicht erschlagen, müde und doch unzufrieden meine Pläne wieder sausen zu lassen.

Meine Müdigkeit und Enttäuschung bereiteten den Weg zu vielen weiteren Gedanken und inneren Bildern, die mir meine Unzulänglichkeit mit freudiger Ausgelassenheit vor Augen malten. Dinge, die gut sind und wichtig, wie zum Beispiel:

  • den Kindern regelmässig aus der Bibel vorlesen
  • neue Gebete für sie formulieren – überhaupt, mehr und länger mit ihnen beten…
  • dreimal die Woche Sport treiben
  • gesund kochen, die Kinder hatten ziemlich viel Süsses gegessen in den Ferien, da bräuchte es eine Veränderung…
  • gut kochen
  • wöchentlich fürs Café backen
  • mit den Kindern Englisch lernen
  • Zeit zu zweit mit jedem von ihnen verbringen, auf einer regelmässigen Basis
  • die eigene Spiritualität pflegen (steht genauso in den Büchern)
  • an mich selber denken
  • nicht vergessen: fünf Minuten ungeteilte Aufmerksamkeit pro Kind, täglich

und, und, und.

Das Blöde an den Dingen ist: Sie sind wirklich gut und wichtig. Ich meine, wer will das alles nicht? Das Problem in diesem Augenblick war aber: Ich war einfach nur müde. Meine Vorstellung, dass ich nach Familienferien fit und munter wieder an die Arbeit gehen würde, ausgeruht und voller Tatendrang, wurde von der Tatsache verspottet, dass ich nach unseren (sehr schönen) Familienferien einfach nur müde war. Müde und erholungsbedürftig! Ha! Wie um aller Welt sollte ich alles auf die Reihe kriegen? Die Kinder am Montag pünktlich und mit allem Nötigen ausgestattet zur Schule bringen? Eine Einschulung feiern, eine Schultüte basteln, den Grossen zum Arzt begleiten, die Kleine in den Kindergarten? Überhaupt, haben wir eigentlich alles, was sie mitnehmen müssen? Ist die Sporthose nicht schon zu klein, und die Badekappe fehlt gänzlich? Brauchen sie neuerdings eine Trinkflasche? Ein Gefühl der totalen Überforderung ergriff mich. Ein Gefühl der Ohnmacht, der Kraft- und Mutlosigkeit. Wie soll ich das alles nur schaffen?

Am letzten der vier Nachmittage machte ich einen Spaziergang durch den Wald. Ich lief hoch und genoss es, mich mit Kraft zu bewegen. Da fiel mein Blick auf eine kleine, schlichte Brücke. Eigentlich wollte ich weiter den Berg hinauf laufen (und wenigstens da mal etwas geleistet haben…), aber die Brücke liess mich nicht los. Ich änderte daher kurzfristig meinen Plan und ging zur ihr hinunter. Der kleine Bach sprudelte fröhlich über die Steine bergab. Vor mir ergoss sich ein klitzekleiner Wasserfall, höchstens 25cm hoch. Aber er sprudelte und sprudelte, sprudelte und sprudelte und hörte nicht auf zu sprudeln. Klares Wasser floss herunter mit viel weiss glitzernder Gischt. Obwohl gleich oberhalb des kleinen Wasserfalls fast kein Wasser und schon gar keine Bewegung sichtbar war. Und doch hörte es einfach nicht auf zu fliessen und zu sprudeln.

In mir drin wurde es ruhig, während ich dem Wasser zusah. Das Rauschen von Wasser habe ich schon immer geliebt; diesmal schien der Klang sanft über meine aufgewühlte Seele zu streicheln. Und da war plötzlich ein Satz. „Es hat immer genug.“ Die Worte nisteten sich gleichzeitig mit der Ruhe langsam in meiner Seele ein. Es hat immer genug. Ich versorge dich. Auch wenn es so wirkt, als wäre immer zuwenig Kraft da, zuwenig Zeit, zuwenig Motivation: Es hat immer genug.

Diese Einladung, zu vertrauen. Ich bin besser darin, Dinge zu erledigen, und ich bin es gewohnt, vieles zustande zu bringen. Ich liebe das Gefühl von Leistung, Kontrolle und Perfektion. Aber: Das kriege ich nicht hin. Da ist eine Grenze – meine eigene! Mein Körper und meine Seele benötigen Ruhe, weil die Ferien, auch wenn sie wunderschön waren, eben doch fast 100% Präsenz erforderten. Ich bin müde und schaffe es nicht allein. Wage ich es, Gottes Einladung anzunehmen? Sie wirkt so schlicht, währenddessen ich selber immer sehr kompliziert bin, das Gesamtbild betrachte und denke, das muss jetzt alles gleich fixfertig sein und passen. Gott funktioniert da offensichtlich anders. Er scheint sich ganz entspannt ein Teilstück des Bildes herauszusuchen. Anstatt mir zu sagen, wie jeder der Punkte abgehakt werden kann, schnappt er sich als erstes mein Herz und versichert mir, dass er an meiner Seite ist mit seiner ganzen Versorgung, seinem Kümmern und Helfen. Mein Herz darf zuallererst mal innerlich zur Ruhe kommen, bevor ich die Listen abarbeite.

Gott hat keine überzogenen Ansprüche. Im Gegensatz zu mir perlt das Tosen und Brausen von Sorgen und Anforderungen, das mich ängstigt und einschüchtert, total an ihm ab. Er weiss auch, dass mein ganzes Wissen und Verstehen um seine Versorgung gar nichts bewirkt, wenn ich es nicht mit meinem Herzen glauben und nehmen kann. Und aus diesem Grund wartet er ab, bis ich einen klitzekleinen Moment Zeit habe, um mir zu versichern, dass Er für mich sorgt. Durch das Bild eines sprudelnden kleinen Baches, dessen Rauschen ich immer noch hören kann. Solche Momente kann ich nicht selber machen. Ich kann sie nicht einfordern und nicht erzwingen. Sie müssen geschenkt werden. Ich weiss einzig, dass er zu mir spricht. Das Wie und das Wann muss ich ihm überlassen. Ich glaube, da ist Gott eigen. Aber: Es hat immer genug.

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10 Gedanken zu „Lektion am Wasserfall

  1. Vielen lieben Dank für Deinen Text. Ich hätte es nicht so gut formulieren können, aber es spricht mir aus der Seele. Erst heute, nach drei Wochen Urlaub/vier Wochen Schulferien, habe ich mich gefragt warum ich mich eigentlich so urlaubsreif fühle. Du hast so recht mit den fast100% Anwesenheit und den hohen Erwartungen an sich selbst. Schön und beruhigend das Gott auch da immer wieder Wege und Mittel findet zu uns zu sprechen. Danke, dass Du uns an Deinem Erleben teilhaben lässt!

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    1. Liebe Claudia – ja gell, oft merkt man gar nicht, wie sehr man sich investiert. Zum Glück, muss man sagen, hat man dafür einen Körper, der spricht. Von Herzen wünsche ich dir viel Erholung und neue Kraft! Herzlichst Sonja

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  2. wunderschön.
    ich kann auch stundenlang am Meer stehen und in die Wellen schauen, hier und da mal einen Kanal schaufeln (mit den Füßen, weil ich in den Händen die Sandalen/Schuhe hab, und die schönste Muschel oder Plastikmüll etc), die Wellen beobachten, Möwen fliegen sehen, mir Wolkenbilder ausdenken und einfach NICHTS tun. Ha, einfach!
    Aber wenn man endlich mal damit angefangen hat, ist es recht leicht, weiterzumachen.

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  3. „Es hat immer genug“- diese Worte möchte ich gerne ganz tief in mein Herz aufnehmen (leider bin ich nicht so begabt mit Pinsel und Stift, aber vielleicht bekomme ich es ja doch hin, diesen Satz hübsch zu Papier zu bringen und ihn mir irgendwo aufzuhängen). Das Bild vom (kleinen) Wasserfall zusammen mit diesem Zuspruch von Gott verströmen so viel Weisheit, Ruhe und Kraft- herzlichen Dank für diese Erinnerung, Sonja! Liebe Grüße, Barbara

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  4. Liebe Sonja, in diesen Ferien hatte ich eine ganze Woche kein Kind zu Hause und eine Liste bereit, was zu tun ist… Am Ende der Woche sass ich mit einem Kaffee am See (wir wohnen in der Nähe) und war frustriert über mich. Fast nichts war erledigt. Ich sah der Stimmung zu: Fischerboote und einen tollen Sonnenuntergang. Ich verspürte den plötzlichen Eindruck, dass Gott mir erklärte, dass ich mir wieder einmal mehr die Messlatte zu hoch ansetzte. Ich verspürte einen tiefen Frieden und konnte den Abend geniessen ohne mehr an meine Liste zu denken. Ich freute mich auf meine drei Kinder, die am anderen Tag nach Hause kamen und niemand störte es, dass vieles noch unerledigt war. Ich wünsche mir, dass ich das vor Augen habe, wenn meine To do-Liste wieder lang wird. Liebe Grüsse Steffi

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  5. Liebe Sonja,
    danke für den Text und deine Offenheit. Es tut so gut das zu lesen. Es klingt alles so vertraut: das Listen schreiben und Vorsätze machen und Abarbeiten. Und dann kommt die Müdigkeit dazwischen, weil man in den letzten Wochen schon gefordert war, auch wenn fett Urlaub über dieser Zeit stand.
    Der Moment am Wasserfall klingt wunderschön und die Worte sind beruhigend und irgendwie ansteckend. Danke fürs Teilen!
    Ein lieber Gruß
    Tine

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