Scheiss auf Balance!

Die Hitze des unendlich andauernden Sommers ist endlich vorbei, die Tage sind gefüllt mit wunderschönem weißlichen Sommerlicht, das den Herbst auszeichnet. Endlich, endlich beginnen die Blätter, sich zu färben und langsam von den Bäumen zu schweben. Ich möchte dann immer mittendrin stehen und die Blätter auffangen; kindliches Hochgefühl löst das in mir aus. Ich bin glücklich, denn ich fühlte mich in den letzten Sommertagen wie ein kleines Kind, das den Kopf zwischen die Knie steckt und trotzig darauf wartet, dass der Sommer endlich vorübergeht. Nun kann ich aufatmen; der Herbst verwandelt die ganze Stadt wieder in einen Normalzustand. Man kann wieder schöne Schuhe und Jeans tragen, die Pullover und Strickjacken und vor allem: Schals! Hach.

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An einem dieser Lieblingstage musste ich um 11.30 Uhr nach Hause eilen, um geschwind ein Mittagessen auf den Tisch zu chlöpfen für die Mannschaft, die in einer halben Stunde hungrig auf der Matte stehen würde. Ich hatte zwar auf die Uhr geschaut, doch keine Lust gehabt, mich von meiner Freundin zu trennen, mit der ich schon lange nicht mehr Zeit verbracht habt. Wichtiger als zu kochen war mir gewesen, von meiner Freundin zu hören, wie es ihr geht, und selber das mit ihr zu teilen, was auf meinem Herzen war; zu hören und zu berichten von den vielfältigen Bereichen des Lebens und der Seele.

Ich glaube, ich habe schon ein paarmal erwähnt, dass ich ein Mensch bin, der am allerbesten in der Stille und Ruhe auftanken kann. Eigentlich lustig, dass wir vier Kinder haben. So sind Stille und Ruhe gelegentliche Randerscheinungen und alles andere als die Regel. Seit dem Kindergartenstart unserer Jüngsten hat sich das verändert – die Vormittage sind „meine“ Zeit, ich kann sie im Rahmen meiner Verpflichtungen und meiner persönlichen Ziele meist so gestalten, wie ich möchte. Ich werde dann nichts gefragt; ich muss mir keine Gedanken machen, womit sich meine Tochter beschäftigen könnte, und ich höre mir in dieser Zeit auch keine Geschichten an. Ich kann meinen eigenen Gedanken nachhängen, ohne unterbrochen zu werden. Ich kann lesen, alleine aufs Klo gehen und mich mit einem Tee in den Gartensitzplatz setzen. Noch immer empfinde ich dies als eine besondere Zeit; keine, die „normal“ geworden ist. Das hat etwas ganz Schönes: Ich bin total dankbar dafür und geniesse die Zeit bewusst. Es hat aber auch eine vertrackte Seite: Weil ich die Stunden allein als so kostbar empfinde, fällt es mir immer wieder schwer, diese mit anderen zu teilen. Auf die Gefahr hin, dass nach dem Lesen dieses Blogeintrags niemand mehr etwas mit mir zu tun haben möchte: Ich habe ein widersprüchliches Herz. So, jetzt ist es heraus. Ein Teil von mir möchte Herz und Seele teilen, mit anderen in die Tiefe wachsen und in schwindelnde Höhen klettern, sehen und gesehen werden, mittragen und sich öffnen. Ein anderer Teil von mir sehnt sich nach Ruhe und Alleinsein, nach Gedankenverlorenheit und Geräuschlosigkeit.

In diesem Zwiespalt beschäftige ich mich oft mit der Frage: Wie kann ich ausgeglichen leben? Wie meine Zeit und meine Kraft einteilen, dass ich Beziehungen leben und in der Stille auftanken kann? Denn dass Beziehungen etwas vom Wertvollsten sind, das das Leben zu bieten hat, merke ich nicht nur, wenn ich verstanden und gehört werde. Oft werde ich in einem Gespräch von einem Wort oder Satz getroffen, der lange in mir nachklingt. Vor wenigen Tagen habe ich mit meiner Freundin telefoniert. Sie hat mir erzählt, dass Gott ihr als inneres Bild in einem Gottesdienst einen Bass-Rhythmus gezeigt hat. Ihr Zeitmanagement sieht nun so aus: Sie plant und organisiert Essen, ihre Arbeit und die Schulaktivitäten der Kinder, „…der Rest ist Bass-Rhythmus“. Mit anderen Worten, beim großen Rest vertraut sie einfach auf Gottes Hilfe. Das Bild hakt sich in meinem Herzen fest. Was, wenn ich den Abend „für mich gebraucht“ und es vorgezogen hätte, das Telefon zu verschieben auf eine Zeit, in der ich mich fitter fühle, und die dann doch nie kommt?!

Wenn ich die letzten zehn, zwanzig Jahre meines Lebens bedenke: Ohne meine Freundinnen, Freunde und treuen Wegbegleiter – die Zeit „kosten“! – wüsste ich ehrlich nicht, wo ich stehen würde, wie es meiner Familie ginge und wie das Leben überhaupt sein sollte. So oft wurde ich ermutigt, getröstet, schonungslos gespiegelt, umarmt und die nächsten Meter mitgeschleppt, wenn ich nicht mehr konnte. Wenn ich andere ermutigen oder bestärken kann, lebt etwas in mir auf. Ich kann den Sinn des Lebens in all diesen Momenten förmlich sehen! Darum wohl hallt Kristina Kuzmics „Screw Balance!“-Video (zu Deutsch: Scheiss auf Balance!) total in mir nach, auch wenn sie darin mehr von der Balance als Frau zwischen Arbeit und Familie spricht. Ruhe und Auftanken sind schön und wichtig zu ihrer Zeit, aber ich will damit aufhören, ängstlich (sprich: sorgenvoll) meine Grenzen zu wahren, meine Stunden zu zählen und überhaupt darauf zu bauen, dass die Ruhe und die Kraft in mir selber liegen und mal einfach so „machbar“ sind. Nein, ich will mich vom Bass-Rhythmus begleiten lassen, mich voll ins Leben werfen und verschenken! Im Vertrauen darauf, vom Einen versorgt zu werden, der viel besser weiß, was ich grad wirklich brauche. Denn ich werde selber am allermeisten beschenkt, das ist das Geheimnis! Darum heisst mein neues Motto: „Screw balance!“ Und ich hänge daran: „Trust God! Celebrate friendship! Live life!“

Denn, ehrlich: diese selbstgenähte Balance ist nichts anderes als eine falsche Sicherheit, ein Ideal, an dem ich mich festhalten möchte, dabei ist derjenige, der mich festhält, schon lange da. Hier. Genau jetzt.

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