Flugstunden

Vor wenigen Tagen haben wir eine Fahrradtour gemacht. Vorbei an Bächen, Wiesen und Weilern, über Kieswege, befahrene Strassen und Brücken führte unser Weg. Das Sonnenlicht stattete die Blätter mit einem goldenen Glanz aus, und die unzähligen Beeren leuchteten in einem Rot, das dunkler und satter nicht hätte sein können. Ich liebe Beerenrot, mag aber violett nicht besonders. Es ist oft nur eine winzige Nuance. „Meine“ Beeren gestern waren alle tiefrot, in verschiedenen Schattierungen, dazwischen schwarzglänzender Liguster. Ich konnte mich kaum an sattsehen. Nach ungefähr sechs Stunden, viel Vermicelles und Glacé kamen wir am Abend müde und glücklich zuhause an, auch die Kleinste, die mächtig stolz war. Sie hatte Angst gehabt auf den Kieswegen und musste immer wieder ermutigt und getröstet werden. Aber sie hatte es geschafft! Hier ein Eindruck aus unserer Vesperpause in einer guten, aber überteuerten Kaffeekette… (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass wir eigentlich in die Umweltarena wollten – diese aber an diesem Tag geschlossen hatte; deshalb die grosse Menge an Eiscrème. Unsere guten Kinder haben uns verziehen!)

IMG_0086

Wir haben Ferien. Dieses Mal von zuhause aus. Eigentlich wollten wir nach Sardinien oder nach Frankreich, aber wir haben nichts gesehen, das uns gefallen hätte. Es gab viele schöne Ferienhäuser, aber keines vermochte unser Herz zu öffnen. Also haben wir entschieden, zuhause zu bleiben, und füllen die Tage mit Ausflügen, Wanderungen und Velotouren. Hin und wieder bleiben wir auch zuhause, wir nennen diese Tage Ausruh- und Aufräumtage. An diesen sind die Kinder herausgefordert, sich selber Beschäftigungen zu suchen, denen sie nachgehen können. Den einen fällt das sehr leicht, andere tun sich schwerer. „Mir ist langweilig!“ – dies gilt es dann auszuhalten, denn ich weiss, dass Zeiten der Langeweile wichtig sind und Kreatitivät hervorbringen. Natürlich beeindruckt dies das Kind nicht sonderlich.

Bei allen erholsamen Aktivitäten und Ausruhtagen arbeite ich zur Zeit ziemlich viel. Und damit ist nicht einmal das gewohnte dreimal täglich um den Esstisch herum Saugen, das Putzen, Kochen und Einkaufen gemeint, obwohl das auch dabei ist, in der ganzen Fülle. Nein, im Moment kommen viele Anfragen für Glitzer-Cupcakes und Glitzer-Cake Pops, Cupcakes mit Blümchen und Spitze und Firmenlogos. Mein kleines Geschäft nimmt gerade viel Raum ein, obwohl Ferien sind. Da auch Franco Ferien hat, flutschen die Aufträge seidig an der Familienzeit vorbei. Ich kann an Vormittagen arbeiten, während der Rasen gemäht wird, oder am Abend, wenn Franco die Kinder ins Bett bringt.

Ich mag Herausforderungen. Wenn meine To-Do-Liste voll ist, startet mein innerer Motor, und ich rödle durch die Tage, fokussiert und voller Tatendrang. Ich hänge mir einen hübsch gestalteten Backplan in die Küche und arbeite ihn zügig ab. Sogar Pausen sind eingeplant, schliesslich soll die Zeit mit Gott nicht zu kurz kommen. Auch mein geschäftiges Ich weiss, dass ich aus der Beziehung lebe und losgelöst davon nur noch freudlos ackern würde.

Die Arbeit geht mir leicht von der Hand und macht mir meistens Freude. (Zwischendurch hätte ich die Carrot Cake Pops samt weisser Schokolade an die Wand klatschen können.) Und trotzdem ist er da, der Haken. Das schlechte Gewissen, dass mich immer befällt, wenn ich viel arbeite. Ein innere Stimme, mir sagt, dass ich „eigentlich“ für meine Familie da sein sollte. Die Selbst-Anklage, eine alte Bekannte.

Früher, als unsere Kinder sehr klein und voll im Saft waren, war die Arbeit auch ein Fluchtort für mich. Zuweilen fand ich die unproduktiv erscheinenden Zeiten mit Kleinkindern, die manchmal einfach nur anstrengend und fordernd waren, schwierig auszuhalten. Einfacher war es, den Backofen anzuschalten und etwas zu backen, das sicht- und greifbar ist, weder Muh! noch Mäh! macht, weder zickt noch zackt. Das Produzieren von Dingen, die man anschauen und berühren kann, verlieh mir einen Wert, den ich innerhalb meines kleinen Alltagskosmos nicht mehr finden konnte. Als Kleinkindmutter fühlte ich mich oft genug als Versagerin. Jeder Wutausbruch, weil drei anstatt zwei Kartoffeln auf dem Tellerchen lagen oder weil der Trinkbecher die falsche Farbe hatte, führte mir vor Augen, wie wenig ich das Mutterdings im Griff hatte. Und so war es eine feine Sache, die Backerei. Denn bei Temperaturen, Konsistenzen und Geschmacksrichtungen bin ich es, die die Kontrolle behält.

Unsere Kinder haben sich verändert. Tatsächlich finde ich das Alter, in dem unsere Kinder jetzt sind, zwischen fünf und zehneinhalb, einfach nur zauberhaft. Okay, vorwiegend. Mit zwei der Kinder kann ich längst auf Augenhöhe diskutieren. Sie alle werden zu Persönlichkeiten, unverwechselbar und einzigartig. Wir Eltern geben nicht mehr alles vor, sondern wir entscheiden immer mehr Dinge gemeinsam.

Ich backe gerade viel. Eigentlich weiss ich, dass es keine Flucht vor dem Alltag ist, sondern einfach eine meiner beiden Arbeitsorte (der andere ist die Kirchgemeinde), die mir Freude macht und einen Teil ans Familienbudget beisteuert. Trotzdem will das schlechte Gewissen den Raum, den es lange Zeit hatte, nicht hergeben. Immer wieder versucht es, eine Öse zu finden, um sich in meiner Seele einzuhaken. Vielleicht will ich mich ja doch nur selber verwirklichen? FLÜCHTEN? Das alte Gefühl weigert sich, dem Neuen zu weichen. Und das Neue ist noch etwas undefiniert, unfertig. Ein verändertes Grundgefühl, noch ein wenig diffus. Der Selbstanklage ist das egal; schon immer war es ihr ein Leichtes, bei mir zu landen.

Peter Scazzero zitiert in seinem Buch „Mitten am Tag bist du mir nah“ Parker Palmer mit einer nicht neuen, aber gestochen scharf ausgesprochenen Erkenntnis:

Jeder, der atmet, „führt“ jeden Tag viele Male. Wir führen durch Gesten, von Lächeln bis Stirunrunzeln; durch Worte, von Segen bis Fluch; durch Entscheidungen, die zwischen Vertrauen und Furcht liegen … Wenn ich mich weigere, mich als Führungspersönlichkeit zu sehen, dann geschieht dies weder aus Bescheidenheit noch aus klarem Realitätssinn … Ich bin verantwortlich für meinen Einfluss auf diese Welt, ob ich es akzeptiere oder nicht.
Was braucht es also, um als Führungspersönlichkeit zu gelten? Ein Mensch zu sein und präsent zu sein. Solange ich lebe, egal, was ich tue, führe ich – wohl oder übel. Und, wenn ich das sagen darf, Sie ebenso.

Ich will meinen Gefühlen gegenüber wachsam bleiben. Nicht ängstlich auf der Lauer, dauernd am Analysieren und Grübeln, aber wachsam. Gefühle der Unfreiheit, obwohl meist verschwommen und im Verborgenen, können Schaden anrichten. Was ich fühle, gebe ich weiter. Ich führe.

Bei Jesaja finde ich eine Stelle, an der Gott sein Volk an seine Rettung erinnert. Gegen die Stimme, die mir einreden will, dass alles noch wie vorher ist und sich nichts geändert hat, spricht die Stimme Gottes mit Erneuerung und Kraft:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Jesaja 43,18-19

Ja, an diesen Worten will ich mich festhalten. In ihnen ist Kraft und Liebe, Sicherheit und Geborgenheit. Gott ist derjenige, der mich gerecht spricht. Ich selber kann es nicht: Nicht, indem ich eine Supermutter bin und immer alles richtig mache. Auch wenn ich liebevoll zu meinen Kindern bin, verständnisvoll und geduldig bin. Das ist alles toll, aber es spricht mich nicht gerecht. Genausowenig bin ich verworfen, weil ich Fehler mache oder zweifelhafte Motive habe für die Dinge, die ich tue. Allein die Gnade Gottes ist es, die mich gerecht spricht. An ihr will ich mich festhalten und mich nicht mehr vom Alten bedrängen lassen. Von diesen Worten will ich mich tragen lassen. Es fühlt sich so abenteuerlich an wie fliegen zu lernen. Und genau das will ich.

Was übst du?

Von Herzen wünsche ich dir das schönste Wochenende!

18-10 Lemon Plum 03

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s