Landen lernen

Zwei unserer Kinder sind an diesem Wochenende in einer Freizeit, die anderen beiden gucken sich eine Serie im Fernsehen an, und ich mache mich bereit, um an ein Dankesfest zu gehen. Ein wunderbares Dankesfest, bestimmt, mit ebenso wunderbaren Menschen. Trotzdem sehnt sich alles in mir danach, mich in die Decke einzukuscheln, bei meinen Kindern zu sein und die Welt da draussen Welt sein zu lassen. Auch deswegen, weil die Abwesenheit eines Teils der Familie sich vor allem mit Ruhe bemerkbar macht. Dringend benötigter Ruhe. Da sich die Kinder sich jedoch für eine Serie „Willkommen bei den Louds“ entschieden haben, erhebe ich mich seufzend. Diese Serie finde ich zwar witzig, aber sie ist mir zu laut. Ein Film der Sorte „Ice Age 3“ hätte mich vermutlich in den Bann gezogen, so aber ziehe ich von dannen. Nach gegenüber, in unser Café, zu einer Einladung zum Nachtessen für alle freiwillig Mitarbeitenden und Mitbackenden (in meinem Fall).

Etwas mehr als eine Stunde später bin ich wieder zuhause. Angefüllt mit kurzen, aber herzlichen Gesprächen, Zeichen, dass ich willkommen bin, einem Dankesgeschenk (ein Honig und eine sehr persönliche Karte – ich bin berührt: Wieviel die Betriebsleiter da für alle geschrieben haben müssen, das müssen Stunden gewesen sein. DANKE EUCH!). Meine müden Kinder gehen bereitwillig ins Bett, ich setze mich aufs Sofa und wundere mich, was wohl mit mir los ist.

So unendlich viel Schönes habe ich in den letzten Wochen erlebt. Angefangen mit dem Blogger-Wochenende, das in mir immer noch lebendig ist – was für tolle Frauen da zusammengekommen sind, finde ich noch immer unfassbar. Mein Herz hat sich noch immer nicht ganz davon erholt, und ich hoffe, dass dies auch so bleibt. Das Staunen über in die Tiefe gehende Begegnungen darf gerne noch etwas anhalten. Weiter ging es nur vier Tage später mit dem Ehe-Wochenende. Wir fahren jedes Jahr, meiner Mutter sei Dank, drei Tage weg. Immer wieder gerne nach London, das zu zweit nochmals ganz anders erlebbar ist als mit vier Kindern; dieses Jahr waren wir jedoch in Süddeutschland in der Nähe von Freiburg. Wir wurden mit einem Teller Trockenfleisch, Oliven und Käse und vielen brennenden Kerzen von der Gastgeberin willkommen geheissen, und ein Glas Wein später waren wir schon total angekommen in unserer kleinen Ferien-Luftblase. Am nächsten Morgen liefen wir (im Sinn von „gehen“) zu Fuss nach Freiburg. 13 Kilometer, frische Luft und zwei Stunden genügten, um einander Anteil an Träumen und Sorgen zu geben und so unsere Herzen für das Wochenende zu verknüpfen. Nicht selbstverständlich – wir erlebten auch schon Zeiten, in denen wir uns zu erschlagen für tiefschürfende Gespräche fühlten.

Und dann, als wäre das nicht schon mehr als genug, kam da noch eine gute Rückmeldung für ein Herzensprojekt, das ich schon länger in mir trage.

Auf dem Weg nach Freiburg

An Schönem und Gutem, an Segen, der auf mich herabregnet, mangelt es mir wahrlich nicht. Warum fühle ich mich dann so müde? Warum bin ich so schnell genervt, erschöpft, überfordert? Warum schreie ich gerade so oft meine Kinder an, selbstverständlich wider besseres Wissen und Gewissen? Wieso fühlt es sich in mir leer an, obwohl mein Herz übervoll ist und ich gar nicht weiss, wohin ich was sortieren soll?

Eigentlich, so der Anspruch an mich selber, müsste ich mich jetzt doch glücklich und erfüllt fühlen? Mindestens ein kleines bisschen sollte doch von dem vielen Segen, der auf mich einprasselt, gegen aussen sichtbar sein.

Weihnachten steht vor der Tür, fällt mit der Tür ins Haus, kaum Sommer, schon Winter, Päng! Heilige Adventszeit, mit ein paar Ideen, wie wir das Wunder in unserem Herzen lebendig erhalten. Und genau das ist mein sehnlichster Wunsch. Ich möchte die Adventszeit mit meinen Kindern geniessen. Ich möchte sie für mich selber geniessen.

Vor ein paar Tagen habe ich voller Vorfreude einen Adventskalender für mein Gottemeitli gestaltet. Jeden Tag erhält sie etwas Süsses, manchmal zum Teilen mit ihren Geschwistern, plus eine tägliche Ermutigung, einen Zuspruch, oder eine Frage, die sie mit Jesus besprechen kann, wie zum Beispiel: „Wem könnte ich heute ein Kompliment machen?“ Ich weiss nicht, ob ich mich selber mehr über den Kalender freue als sie, möglich wärs. Er hat in mir einen Wunsch ausgelöst nach diesen kostbaren Momenten, in denen ich – mit einer Kerze, einer Tasse Tee oder einer Buchseite – aufatmen und mein Herz mit Jesus teilen kann. Auch wenn es nur fünf Minuten am Tag sind. Ich glaube, dass all das Schöne, der Segen und die Geschenke, die ich in den letzten zwei Wochen erhalten habe, Zeit brauchen, um sich in mir festzumachen. Der Alltag begrüsst mich ja nicht mit „Hallo liebe Sonja, mach’s dir doch ein paar Tage gemütlich mit deinem Tagebuch, mit Spaziergängen und Ruhezeiten, bis du alles so richtig verdaut hast!“ Nein, mein Alltag ist zwar voller Liebe und Leben, auch voller Arbeit und Anstrengendem, und letztlich muss ich einfach darauf vertrauen, dass meine Seele den Weg findet und zur Ruhe kommt. „Bei dir kommt mein Herz zur Ruhe“ – dieser Liedtitel singt in mir, die Einladung Jesu steht. Es ist an mir, sie anzunehmen, nicht mit hundert Vorsätzen und Idealvorstellungen, sondern mit Einfachheit und der Wertschätzung der kleinen Momente. Diese kleinen Momente der Ruhe, der Gegenwart Gottes, des Seins und des Aufatmens wünsche ich nicht nur mir, sondern auch dir.

Bäckerei in Colmar
Café in Strasbourg
Unsere gute Stube beim Ehewochenende

2 Gedanken zu „Landen lernen

  1. Ich kenne deine beschriebenen Gefühle sehr gut! Ich denke auch oft darüber nach, dass es uns so gut geht und wir eigentlich so dankbar sein müssten für alles. Aber dann kommt der Alltag und der tägliche Wahnsinn nimmt seinen Lauf. Nicht selten finde ich unsere gesellschaftlichen Hürden sehr erdrückend.

    Zur Zeit versuche ich auch, mehr auf die innere Stimme zu hören. Besonders in stressigen Situation reagiere ich über, wobei ich genau weiß, dass es unnötig ist. Ruhige Moment fehlen oft im Familienalltag. Aber die Einsicht ist der beste Weg zur Besserung.

    Viele Grüße
    Sina

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