Meine zwei Weihnachts-Momente

Vielleicht schnappst du dir eine Tasse Tee oder einen Kaffee oder ein Glas Glühwein, denn heute wird’s ein bisschen länger dauern.

Gestern fand das alljährliche Adventssingen der Schule statt, wo alle unsere Kinder hingehen. Das Verschiebedatum aufgrund schlechten Wetters wäre eine Woche später gewesen. Ich nehme an, am Freitag hatte man noch nichts vom Regen gewusst, der eine halbe Stunde davor einsetzte und mit dem Kindergesang um die Wette nach Aufmerksamkeit buhlte. Die Kinder sassen oder standen in einem grossen Kreis um ein Feuer herum und waren hochkonzentriert. Jede Klassenstufe hatte ihre eigene kleine Darbietung zu den verschiedenen Liedern. Die gespannte Aufmerksamkeit war ihnen anzusehen, und sie schienen kaum wahrzunehmen, dass ihre Kleidung immer mehr von Wasser durchtränkt wurde. Es war dunkel, und ich hatte meinen Daunenmantel aus dem Keller geholt. Weil ich Schirme nicht besonders mag, beschloss ich, dass die Kapuze ausreichen würde.

Was tripp tripp trippelet
Und trapp trapp trappelet
Chönt ächt das es Esel sy
I-a ja ja, i-a, i-a ja ja, i-a…

Links von mir standen ein Mann und eine Frau. „Wo ist sie?“ fragte der Mann in Schweizerdeutsch mit einem deutlichen Akzent, und die Frau erklärte in der gleichen Sprache, wo das Kind stand, und dass es die bunte Jacke tragen würde, die der Mann, vermutlich der Vater, ihm gekauft hatte. Darauf der Mann: „Trägt sie die Hello Kitty-Mütze“? – „Nein, die mit der Elsa drauf!“ war die Antwort. Ich musste lächeln. Mein Mann hätte mich gefragt, ob unsere Tochter die Bommel- oder Elchmütze aufhat. So verschieden sind die Kinder. Gleichzeitig war ich ein bisschen froh, dass weder Kitty noch Elsa unser Kinderzimmer und den Kleiderschrank erobert haben. Dafür tummeln sich darin gefährliche Legofiguren mit Waffen.

Leise rieselt der Schnee
still und starr ruht der See…

Tschu tschu tschu, die Schellen klingen

Tscha tscha tscha, die Peitsche knallt…

Irgendwann wechselten die Lieder von der Ebene Nikolaus, Trojka, Glöckchen und Kekse in Richtung Hoffnung, Gnade und Licht. Durch die heruntergezogene Kapuze meines Mantels und durch den Regen war ich abgesondert von der Menschenmenge um mich herum. Meist treffe ich am Adventssingen befreundete Mütter oder Elternpaare an. Heute nicht. Vor mir die nasse Kinderschar, um mich herum eine grosse Menge von Menschen, Zuflucht suchend ihren Schirm festklammernd. Es wurde „O du fröhliche“ gesungen und mitgesummt, obwohl der Anteil an andersgläubigen Menschen an dieser Schule mit Sicherheit sehr hoch ist. Die schweigenden Gesichter um mich herum sprachen von Sehnsucht und Erwartung und von dringend benötigtem Licht, das in die Finsternis kommt. Weihnachten, das Fest der Liebe, wie es so oft genannt wird, wurde an diesem Abend zum Fest der Hoffnung. Hoffnung auf Veränderung, auf Besserung, auf Heilung.

O du fröhliche, O du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ward geboren:
Freue, freue dich, O Christenheit!

O du fröhliche, O du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Christ ist erschienen, uns zu versühnen:
Freue, freue dich, O Christenheit!

Auch ich trage diese Hoffnung in mir, diese Hoffnung auf Veränderung, Besserung, Heilung. Auf Anhieb fallen mir verschiedene Situationen und Lebensthemen ein, die diese Hoffnung benötigen: Ein sehr geliebtes Kind, dessen Sensibilität und das damit einhergehende Verhalten mich immer wieder an Grenzen bringen. Grenzen, von denen ich nicht wusste, dass sie existieren, und auf deren Erfahrung ich lieber verzichtet hätte. Unklarheit in Bezug auf berufliche Prioriäten und Projekte, die das nächste Jahr betreffen, aber auch ein Dauerthema in meinem Leben sind. Was wird sein – was nicht? Meine bisherige Antwort war oft: Prioritäten setzen, aber doch immer wieder kleine Kompromisse zu machen. Nur, um mich dann sorgsam wieder aufzuklauben, wenn ich erschöpft am Boden liege. Jedes Jahr schwöre ich mir, dass das ab sofort ganz anders wird. Die Frage, ob ich jemals annähernd fähig sein werde, meinen Wert nicht im Zusammenhang mit meiner Leistung zu beurteilen. Bin ich bis anhin nicht. Oder Geschwisterstreit, nervenzehrender, täglicher.

Vor ein paar Tagen habe ich meinen eigenen letztjährigen Post zum Thema Adventszeit wieder gelesen. Da stand, dass das Licht in die Dunkelheit kam. Nicht in die helle, fröhliche, aufgeräumte Stube. Die hätte ich ja gerne. Aber er kommt mitten in die rabenschwarze Nacht unserer zerbrochenen Träume und erkrankten Herzen.

Dieses Jahr begingen wir die Adventszeit langsam. Der liebevoll befüllte Adventskalender wurde gerade noch aufgehängt, bevor die Kinder wach wurden. Der schöne Sellmer-Papieradventskalender schaffte es gar nicht mehr bis zu uns (dabei hatte ich die Himmelstreppe ausgewählt, aber was will man gegen Lieferschwierigkeiten machen?). Ansonsten habe ich mir vorgenommen, nur diejenigen Aktivitäten auf der gedanklichen Liste zu lassen, die mir wirklich Freude machen: Grittibänzen backen, Weihnachtskarten schreiben, Kerzen anzünden, das Haus mit den Kindern ein wenig zu dekorieren. Zurzeit sind die Kinder pünktlich am Morgentisch, so sehr freuen sich alle auf den Adventskalender und die tägliche Geschichte. Und dann versuche ich, auf die Wünsche der Kinder zu achten. Drei von ihnen möchten unbedingt Plätzchen backen. Sie dürfen sich eine Sorte aussuchen, und ich helfe ihnen dabei. (Hoffentlich, ohne innerlich oder gar laut zu quieken!)

Zuerst die Kugel…
…dann die Grittibänzen

Ansonsten habe ich mich gerade wieder etwas eingehüllt in unsere Familienblase. Ich bekunde Mühe im Umgang mit der digitalen Welt. Zurzeit kann man sich blogauf, instagramab durch besinnliche Momente, Dekorationen und Kerzen klicken. Ganz zu schweigen von all den digitalen Adventskalendern! (Ich lese nur den von Tine.) Ich finde es sehr schön, Einblick in andere Familienrituale (und Wohnungen resp. Häuser!!) zu erhalten. Es ist bereichernd und so etwas wie ein Ausflug in eine andere, etwas fremde und doch vertraute Welt. Es hat aber auch immer einen kleinen Aspekt von Stress, denn ein sattsam bekanntes Gesicht, das Vergleichen, möchte dauernd mitmischen und mir das Adventssüppchen etwas versalzen. Zum Beispiel las ich bei einer Bloggerkollegin, dass sie ihre To-Do-Liste ziemlich klein hält und sich ganz wenige Ziele für die Adventszeit setzt. Nur etwas: handgeschriebene Weihnachtskarten, das muss für sie sein. Und was denke ich in diesem Moment? O nein, meine sind NUR mit dem Computer geschrieben. Das selber Gestalten zählte in diesem Moment nicht. Sondern nur, dass ich für den Kartentext die einfache Variante gewählt habe. Diejenige, bei der es mir Spass macht, längere Texte als „Frohe Weihnachten“ zu schreiben. O weh, soll ich das noch ändern? Ich hatte gleich zwei, drei Menschen vor Augen, von denen ich weiss oder vermute, dass sie einen handgeschriebenen Text bevorzugen würden. Ja, das Rädel dreht sich fröhlich, wenn man ihm nicht den Garaus macht. In diesem Fall brauchte es eine durchgeschlafene Nacht, bis ich dabei blieb: Meine Karten werden dieses Jahr elektronisch geschrieben. Punkt. Genau, auch dieses Vergleichen und Leistungsdenken gehört in die Kategorie der Dinge, wo ich mir Veränderung, Besserung und Heilung wünsche.

In der aktuellen JOYCE las ich die Geschichte über Laura Story. Die talentierte Sängerin hat einen attraktiven, erfolgreichen Mann geheiratet, und ihre Vorstellungen davon, wie ihr Leben weiter verlaufen sollte, waren schon fixfertig. Da geschah das Unfassbare: Bei ihrem Mann wurde ein Gehirntumor diagnostiziert, und bis heute hat er sich nicht mehr davon erholt. Er lebt jetzt ohne funktionierendes Kurzzeitgedächtnis. Es gibt Tage, an denen Laura ihm ein paarmal erklären muss, dass sie beide verheiratet sind. Das Paar hat drei Kinder. Die Situation hat sich weder verändert noch verbessert, der Mann wurde nicht geheilt. Nichts ist passiert, könnte man sagen. Gott hat nichts getan. Die Situation ist hoffnungslos.

Ich kenne die Geschichte von Laura Story nicht im Detail, aber ihre Lieder erzählen von ihrem Weg der Heilung. Sie ist innerlich frei davon geworden, wie die Umstände jetzt genau aussehen. In ihrem Lied „Blessings“ stellt sie die Vorstellung, die wir gemeinhin von Segen haben, auf den Kopf. Sie, die erfahren hat, dass Dinge manchmal so schmerzhaft bleiben, wie sie sind, beschreibt Segen als Gottes Gegenwart allein: „Was, wenn tausende schlaflose Nächte das sind, was es braucht, um zu wissen, dass Du bei uns bist?“

Wir beten für Segen, wir beten für Frieden
Geborgenheit für unsere Familie, Schutz wenn wir schlafen
Wir beten für Heilung, für Wohlergehen
Wir beten darum, dass du mit Deiner mächtigen Hand
unser Leiden erleichterst

Die ganze Zeit schon hörst Du jede ausgesprochene Not
Doch Deine Liebe ist viel zu groß, uns geringere Dinge zu geben

Denn was, wenn Deine Segnungen durch Regentropfen kommen
Was, wenn Deine Heilung durch Tränen kommt?
Was, wenn tausende schlaflose Nächte das sind
was es braucht, um zu wissen, dass Du bei uns bist?
Was, wenn Prüfungen in diesem Leben
Deine verborgenen Segnungen sind?

Laura Story: Blessings
https://www.youtube.com/watch?v=0xRNrnh__SE

Mich hat dieses Lied daran erinnert, worum es wirklich geht. Um die Gegenwart und die Liebe Gottes in unseren Umständen, in unserem Schmerz, im Versagen und Verzagen. Seine Nähe allein macht den Unterschied, und unsere Seele darf Veränderung, Besserung und Heilung erfahren, weil der König der Könige, der alle Schmerzen selber erlitten hat, bei uns ist. Nebst hunderten von schönen, besinnlichen Momenten in dieser Adventszeit wünsche ich mir, dass ich Gott in die Dunkelheit meiner Nacht einladen kann. Dass es mir genügt, dass Er da ist und mich festhält.

6 Gedanken zu „Meine zwei Weihnachts-Momente

  1. Liebe Sonja, Deinem Rat mit der Kaffeetasse bin ich gefolgt und habe mir ein bisschen Zeit gegönnt, um Deine Zeilen zu lesen. Deinen Gedanken und Gefühlen kann ich sehr gut folgen- vieles klingt vertraut! Dass wir uns nach Heil sehnen und danach, bei Gott anzukommen- das ist doch eigentlich die tiefste Bedeutung von „Advent“, oder? Ich glaube, Du bist da genau auf der richtigen Spur und hast mich mitgenommen in diese „Adventsstimmung“. Danke Dir dafür und ganz liebe Grüße, Barbara (P.S.: Es sieht seeeehhhr gemütlich aus in Eurer Stube- da möchte man gerne vorbeikommen und ein Grittibänz probieren, obwohl ich noch nie von diesem Gebäck gehört habe ;-)).

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    1. Liebe Barbara, ja genau, dieses Sehnen macht es genau aus. Meist sind es ja die perfekten Vorstellungen, die die (Gedanken-)Szene beherrschen. Ich wünsche mir, dass ich auf dieser Spur bleiben kann. Danke für die Stuben-Rückmeldung! 🙂 Vielleicht kommst du wirklich mal nach Zürich? Herzliche Grüsse!

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  2. Liebe Sonja! Während die Kartoffeln hinter mir auf dem Herd kochen hab ich deine Weihnachstpost gelesen. DANKE dafür! Du beschreibst das alles so wunderbar und mit so gemütlich klingenden schweizer Worten und mir geht es wie Barbara: Da möchte mal am liebste Kind in eurer Stube sein. Und ich glaube das sensible Kind ist bei euch richtig gut augehoben! Euer Singen im Dunkel und im Regen hat mir gut gefallen. Ehrlich, dieses Bild ist eins meiner liebste Weihnachtsadventsbilder in diesem Jahr. Es sagt so viel mehr als alles toll gestylten Weihnachst-Werbebilder die man sonst so bewundern kann. Wir stehen frierend im Dunkel und versuchen unsere Kinder im Blick zu behalten und während es sich naß und ungemütlich anfühlt singen wir „Oh du fröhliche!“ und machen uns gegenseitig Mut. DAS ist Weihnachtszeit. Ich danke Dir und schick Dir liebste Weihnachtsgrüße (leider auch nur virtuell, die Zeiten für handgeschriebene Postkarten werden irgendwann kommen :-)).

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    1. Liebe Christina – das ist so schön, während des Kartoffelkochens gelesen zu werden. Danke für deine liebe Rückmeldung, auch für das Bild, das ich mich fast nicht getraut hätte zu posten, da die Qualität so schlecht ist. Aber mir geht es auch zu Herzen. In unsere Stube bist du – seid ihr – jedenfalls ganz herzlich eingeladen, jederzeit! Wer weiss…? 🙂 Alles Liebe dir! Sonja

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  3. Liebe Sonja, ich genieße es sehr in „unseren“ Frauen-Blogs so viel erfrischende Ehrlichkeit und Offenheit zu lesen…so auch hier…denn das kann ein so heilsames Gegengift gegen das Vergleichen sein…zu erleben, dass wir alle Menschen sind, bei denen nicht immer alles rund läuft. Wir dürfen unperfekt und auf dem Weg sein. Und dennoch kommt rüber, dass ihr es richtig schön und gemütlich habt. So, jetzt widme ich mich den Weihnachtskarten…und lustig: als ich gerade mein Kind ins Bett gebracht habe, habe ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich sie einzeln mit der Hand oder eine für alle am Computer schreiben soll… 😉

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    1. Liebe Anna – „unsere“ Frauen-Blogs, so treffend und schön, wie du das sagst 🙂 Und mich ermutigen ehrliche Berichte meistens auch mehr als solche, die in mir das Gefühl wecken, ich sollte doch dieses, oder jenes… Aus diesem Grund mag ich „unsere“ Blogs auch so sehr. Viel Freude beim Kartenschreiben und herzliche Grüsse! Sonja

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