Sehnsuchts-Ort

Endlich darf ich wieder hier sein. Mein Blog hat über den Jahreswechsel Staub angesetzt. Es ist Zeit, um hier wieder mal kräftig zu wischen und durchzulüften! Zuerst mal alle Fenster auf, damit ein frischer Luftzug hereinströmen kann. Wie gut das tut! Genau so gut, wie langsam, fast unbemerkt, Überbleibsel aller Festtage zusammenzuräumen, ihnen ein neues Zuhause zu geben und die freigewordenen Flächen mit einem feuchten Lappen abzuwischen. Eine Aufgabe, die sich über mehrere Tage erstreckt und die mir Freude macht. Sie lässt mich dankbar und etwas müde zurückblicken auf die Festtags- und Ferienzeit, die hinter uns liegt. Wir feierten ausser Weihnachten und Silvester auch den Geburtstag meines Mannes.

Spitzbuben
Truffes-Pralinen

Wie immer in den Ferien, geniesse ich es, Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Wir standen nie vor neun Uhr auf, und die Kinder blieben manchmal bis nach dem Mittagessen im Schlafanzug. Es war nett, weder an Haus- noch Musikaufgaben erinnern zu müssen. Wir feierten viele Feste, hatten aber ansonsten keine Termine. Und natürlich herrschte bei uns nicht nur Frieden. Die Zeit an der frischen Luft war des trüben Wetters wegen eher reduziert, was Raum gab, sich viel zu streiten und Geschwisterrivalitäten zu verfestigen. Tränen wurden vergossen, böse Worte wurden ausgeteilt, an den Haaren wurde gezerrt, es wurde umarmt und geküsst und Frieden geschlossen, und etwas später fand sich ein neuer Grund zum Unglücklichsein. Wir haben neue Spiele entdeckt (das ganz grosse Skip-Bo-Fieber macht grad etwas Pause und überlässt Trivial Pursuit den Platz), waren baden und Schlittschuh laufen und liebste Freunde besuchen. Wir haben uns durch die Tage in unserem Rudel gewühlt, feiernd, backend, schenkend, schlichtend, immer etwas überwältigt. Und seit vorgestern – bämm! – ist urplötzlich Ruhe ins Haus eingekehrt. Der Alltag mit Schule, Znüniböxli, Haus- und Musikaufgaben, Sport und Schulfreunden hat uns wieder. Uff – und schnief.

Gebrannte Mandeln

Von Freitag auf Samstag durfte ich – danke, Mam und danke, Franco! – für einen ganzen Tag ins Haus der Stille auf dem Wildberg. Dieses Haus liegt nicht allzu weit weg von uns, und ich traf dort am Freitag zum Nachtessen ein. Schon als ich auf den Parkplatz fuhr, machte sich eine Ruhe in mir breit, die ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es schien, als würde sich meine Seele an das letzte Jahr erinnern, als ich auch schon hier sein durfte. Wo nur beginnen? fragte ich mich, als ich nach einem schlichten, feinen Nachtessen auf meinem Zimmer war. Ich hatte ein Buch dabei, einen Wasserkocher mit Tee (das habe ich von Tine gelernt!), mein Tagebuch, die Bibel, den Laptop und viele Stifte. Mein Körper entschied, dass es jetzt Zeit für eine Ruhepause sei, und ich schlief nach zwei gelesenen Sätzen um etwa 19.30 Uhr ein.

Am nächsten Morgen nahm ich mir Zeit, um mein Tagebuch von 2018 durchzulesen und so das vergangene Jahr würdevoll zu verabschieden. Ich hätte es nicht gehen lassen wollen, ohne mir seine Schätze, auch die schmerzhaften, nochmals bewusst zu machen. Und ich möchte euch gern an ein paar Dingen teilhaben lassen, die mir bewusst geworden sind.

Was waren traumhafte Entscheidungen im vergangenen Jahr? Was hat mich genährt, mich erfüllt und gefreut?

  • Unser Haus putzen zu lassen – ungefähr einmal monatlich saugt und schrubbt Sandra unsere Böden und putzt die Bäder. Pure Dankbarkeit! Für mich bedeutet das auch, mir selber einzugestehen, dass ich Hilfe benötige. Ich schaffe es gern allein. Hilfe anzunehmen bedeutet aber auch Freiheit – frei zu sein davon, alles selber bewältigen zu müssen.
  • Mit meiner Schwester einen Handlettering-Workshop zu besuchen. Ich finde es wunderbar, Zeit mit meiner Schwester zu verbringen, und der sehr liebevoll gestaltete Workshop hat viel Freude und Kreativität ausgelöst, bis heute.
  • In unserer Gemeinde ein Team aufzustellen, das das Hörende Gebet trainiert. Im ersten halben Jahr haben wir uns nur als Team getroffen und in unsere Beziehungen untereinander investiert. Gleichzeitig haben wir angefangen, ein kleines Leitungsteam unserer Gemeinde wöchentlich im Hörenden Gebet zu begleiten und anzuleiten. In diesen Team- und Trainingszeiten haben wir Gottes Gegenwart so spürbar erlebt, dass ich fast jedes einzelne Mal buchstäblich nach Hause geflogen bin. Wie Christina über ihren Alpha-Kurs schreibt: „Jesus, wenn du nicht auftauchst, dann wird das hier nichts!“ So war es auch unser Gebet, und Gott war so treu, er hat gesprochen und geheilt und getröstet und frei gemacht.
  • Am Bloggertreffen teilzunehmen, viele Inputs zu erhalten und wunderbaren Menschen zu begegnen. Das Wagnis, sich hinzustellen und zu sagen: Das bin ich, und das schreibe ich. Zu erfahren, dass es allen anderen genau so geht. Begegnungen von Herz zu Herz.
  • Das Ehe-Wochenende im November. Ich bin so dankbar, dass wir das mit der Hilfe meiner unermüdlichen Mutter und guter Freunde jedes Jahr machen dürfen. Raus aus dem Alltag, nach London oder nach Waldkirch, Zeit zum Reden und Sein, zum Ausschlafen und einander geniessen und neu entdecken.
  • Der Weihnachtsmarkt mit Cupcakes und Macarons und den köstlichen Broten meines Papas, die diejenigen der Bäckerei leichtfüssig den Rang ablaufen. Ich war unsicher, ob ich mir das aufhalsen und diesen Stress in der Vorweihnachtszeit eingehen wollte. Dann entschied ich mich, mich bei der Wahl der Sorten stark einzuschränken und zwei unserer Jungs an den Markt mitzunehmen. Beides war so entschleunigend, dass ich mich während des ganzen Markts inklusive Auf- und Abbau tiefenentspannt fühlte.
  • Weiter zu schreiben. Ich habe das Eckchen hier während unserer Ferien sehr vermisst. Wenn ich schreibe, bin ich innerlich voll und ganz bei mir selber. Es ist mein persönlicher Sehnsuchts-Ort geworden, und ich bin dankbar dafür. Auch für euch, die ihr hier mitlest! (Und schon wieder eine Tasse Tee braucht, weil es hier wieder viel länger wird als geplant, und das, obwohl ich selber lieber kürzere Texte mag.)

Welche Bücher haben mich inspiriert?

  • The Emotionally Healthy Leader, Peter Scazzero: Ich habe erst ein Drittel davon gelesen, weil mich so bewegt, was ich lese. Die Grundaussage von Peter Scazzero lautet: Schau deine Schattenseiten an – jeder hat sie – denn sie beeinflussen dich in deiner Leiterschaft mehr, als dir bewusst ist. Leite aus deiner Identität (versöhnt) und aus der Intimität mit Jesus heraus. Das Buch führt mich zu mir selber, auch weil Peter Scazzero unerschrocken ehrlich ist.
  • Die Kunst, sich selbst zu führen, Thomas Härry. Ein Buch über Selbstverantwortung, Selbstklärung, Selbstfürsoge und Selbststeuerung. Daraus habe ich gerade für das neue Team innerhalb der Gemeinde ganz viel lernen können.
  • Handlettering Alphabete von Tanja Cappell: Inspiration pur, klarer Aufbau und Verständlichkeit inklusive.
  • Still Writing, Dani Shapiro. So ehrlich, so praktisch, so anregend und so humorvoll geschrieben!
  • Schule der Propheten, Kris Vallotton: Ein Buch über das Bilden von prophetischen Teams, geschrieben von einem gestandenen Mann, der nicht als freischwebender Prophet umherzieht, sondern an einem Ort und in einer Gemeinde zuhause und in festen, langjährigen Beziehungen unterwegs ist.

Im letzten Jahr gab es viele Dinge, in denen ich gewachsen bin – die mich nicht mehr aufregen, mit denen ich besser umgehen kann, die mich nicht mehr aus der Bahn werfen. Zum Beispiel habe ich eine neue Sichtweise für die Stimmungen eines (prä-?)pubertären Kindes erhalten und nehme sie nicht mehr persönlich. Und es gibt anderes, mit dem ich nach wie vor zu kämpfen habe. Eine ziemlich erschreckende Erkenntnis aus dem letzten Jahr ist, dass ich mich regelmässig müde gefühlt, gestresst und unter Druck gefühlt habe. Nun, ich träume nicht von einem Leben, das auf Watte gepackt ist und vor sich hin flutscht. Wahrlich nicht. Aber als ich Woche für Woche, manchmal Tag zu Tag auf Worte wie „Stress, zuviel, Druck und Müdigkeit“ gestossen war, fand ich das schon sehr denkwürdig. Zu Vorsätzen habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Da ich ein Mensch bin, der sehr (sehr!) gerne plant, schmiedet und festlegt, bin ich geradezu dazu prädestiniert, mir Pläne für das nächste Jahr zu machen. Hier kommt aber meine zweite ernüchternde Erkenntnis ins Spiel: Dass die Dinge, die ich mir vorgenommen hatte, einen steinigen Weg in meinen Alltag haben, vor allem in die zweite Jahreshälfte! Es gibt da so einen Mechanismus, der vor den Sommerferien beginnt – wie ein Schalter, der kippt: Von einem Moment auf den anderen fühle ich mich wie eine Reagierende, Nachrennende. Die Position der Entscheidungsträgerin gefällt mir weit besser, aber das scheint wie weggeblasen zu sein. Dieser Zustand dauert normalerweise bis zu diesem Stilletag im Januar an…

Ausgerüstet mit diesen und anderen neuen Erkenntnissen, mit Dankbarkeit für das Vergangene und Ehrfurcht vor dem Kommenden, mache ich mich auf in ein neues Jahr. Ich habe vor allem einen Herzenswunsch an das neue Jahr: Ich möchte die Antreiber in mir, von denen ich mich hetzen, gängeln und unterjochen lasse, loswerden. Es geht nicht um ein Leben ohne Arbeit und Stress, aber der Druck, den ich meine, ist von einer ganz bestimmter, fiesen Art. Nicht von ihm möchte ich mein Leben bestimmen lassen, meine Beziehungen, meine Familie und mein Herz, sondern von dem Frieden des einen, der uns nicht nur für dieses Jahr 2019 verheisst: Suche Frieden, und jage ihm nach. Zu soviel, das spüre ich, bin ich entschlossen.

Von Herzen wünsche ich euch diesen Frieden, der gesucht werden muss und dem wir nachjagen sollen – weil er wohl nicht so einfach auf dem Präsentiertellerchen liegt, und ein reich gesegnetes neues Jahr 2019!

4 Gedanken zu „Sehnsuchts-Ort

  1. Liebe Sonja,
    oh man, mir kam beim Lesen mindestens ein Aha-Moment…
    Ich würde mich freuen, in der Zukunft lesen zu dürfen, wie die Friedensjagd sich entwickelt! Genau mein Thema, vielen Dank für die Rückkehr an deinen Sehnsuchts-Ort!
    Viele Grüße,
    Julia

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  2. Liebe Sonja! Vielen Dank für diesen Rückblick und Einblick in dein Leben! (an dem Haus der Stille in Wildberg bin ich auch schon ein paar Mal vorbeigelaufen, weil meine Freunde in dem Ort wohnen:-)). Danke auch für die Buchtipps – und hast du diese kunstvollen Pralinen tatsächlich selbst gemacht?! Wahnsinn. Und wenn ich von diesem „innerlich voll und ganz bei mir selbst sein“ beim Schreiben lese, dann weiß ich plötzlich wieder, warum ich so gerne schreibe. (und wie schnell dabei immer die Zeit verfliegt). Nur der Anfang fällt mir meist so schwer; wie bei so vielem im Leben. Wie schön, dass wir uns da immer wieder gegenseitig motiveren und inspirieren können. Ich schick Dir herzlichste Grüße und Segen fürs neue Jahr – möge der Friede Gottes uns immer wieder finden und die Tage gelassener und freudiger machen!

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    1. Liebe Christina, vielen lieben Dank für deine Worte! Die Pralinen hat Mahela gemacht 🙂 Und mir geht es gleich wie dir: Den Anfang finde ich oft schwierig. Am besten geht es, wenn mein Herz von einem Thema so erfüllt ist, dass es richtiggehend übersprudelt…
      Wie – du kennst das Haus der Stille und warst schon ein paar Mal dort?? Es ist etwa 20 Minuten von uns entfernt! Also, wenn du das nächste Mal da bist UND gerade Zeit hast, bist du/seid ihr ganz herzlich bei uns eingeladen!! – Danke für deine guten Wünsche, der Friede Gottes ist das beste, was wir haben können. Sei herzlichst umarmt!

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