Daheim angekommen

Die Türe fällt ins Schloss. Auch das vierte Kind rennt Richtung Schule, und ich überlege mir, was ich in den sonnigen zwei Stunden, in denen alle Kinder fort sind, mache. Soll ich für meinen Blog schreiben? An einem anderen Artikel? In meinem Buch weiterlesen? Den Boden putzen? Ich enscheide mich, es mir mit einem Espresso auf dem Sofa gemütlich zu machen und den Nachmittag sanft angehen zu lassen. Ich denke über die letzten Tage nach. Vor kurzer Zeit war ich in ein Gespräch verwickelt über das Thema „unbeantwortete Gebete“. Dabei stiess ein Mann, den ich ungefähr gleich alt schätzen würde wie mich, aus: „Was mache ich mit meinen Verheissungen, die ich seit mehr als zehn Jahren mit mir herumtrage? Ich sehe immer noch rein gar nichts davon in meinem Leben! Wann kommt es denn endlich??“ Es war so viel Verwundung und Hoffnungslosigkeit zu spüren, dass es mir ans Herz ging.

Die Begegnung verfolgt mich. Nicht die Worte, sondern die Verzweiflung dieses Mannes. Es war eine Art von tiefster Verzweiflung, die das Urvertrauen nicht mehr kennt, eine abgrundtiefe Einsamkeit und Verlassenheit, gepaart mit der grossen Angst, dass sich sein Zustand in absehbarer Zeit nicht ändern wird. Am liebsten hätte ich ihn an mindestens drei Menschen verwiesen und ihm Antworten auf all seine Fragen gegeben. Aber das hätte nicht gereicht; es war spürbar, dass er einen längeren Weg mit Gott und womöglich treuen Weggefährten vor sich haben würde. Nicht dass es Gott unmöglich wäre, sofort einzugreifen. Für Josef hat sich dazumal in einem einzigen Moment das ganze Schicksal gewendet, als er vom Pharao gerufen wurde, um dessen Traum zu interpretieren. Die ganzen Jahre, als er verschleppt und versklavt wurde und die er später als Unschuldiger im Gefängnis verbracht hatte, waren in dem Moment der Hilfe Gottes Geschichte, und ein neues Leben fing für Josef an. Ein Leben im Glanz, mit einer hohen Position und Autorität, von Gott in zwei Bildern vorausgesagt und nun gegeben. Das hätte er sich, als er im Gefängnis war, nicht in seinen kühnsten Träumen ausdenken können.

In wenigen Minuten werden unsere Kinder nach Hause kommen. Ich habe mir wieder einmal vorgenommen, ihnen einen kleinen Zvieri vorzubereiten, anstatt „Schau im Küchenkasten nach!“ zu rufen, sobald das erste nach Essen verlangt. Wir haben vier gesunde Kinder – wobei ich nicht finde, dass Gesundheit der höchste Wert im Leben eines Menschen darstellt. Ich habe einen behinderten Onkel und eine verstorbene Schwester mit Herzfehler, und ich glaube nicht, dass sie weniger geliebt sind und waren. Ausserdem erlebe ich, wie auch innere Veranlagungen, die man nicht sieht, wie zum Beispiel hohe Sensibilität, weitreichende Konsequenzen für den Alltag haben können. Heute wird’s für die Kinder wohl eine heisse Schokolade mit Marshmallows geben, es ist klirrend kalt. Feine Milchbrötchen sind am Aufgehen, die sind für den täglichen Znüni in der Schule gedacht. Wir sind eine Familie. Wir haben einander und wir haben dieses grosse, warme Haus. Wir sind hier daheim. Mit allem, was dazugehört. Mit dem Schönen und dem Schwierigen – aber hier ist immer irgendein Arm, der dich halten kann. Es gibt immer jemandem mit einem guten Wort, und sei der Tag auch noch so anstrengend. Hier ist Geborgenheit und ein Zuhause.

Schweres ist mir nicht fremd. Man sieht es mir wohl nicht mehr an, aber ich habe wahrscheinlich so ziemlich jede Krise durchlebt, die man sich als Teenager aussuchen kann. Rebellion gegen die Eltern. Nächtelanges heimliches Wegbleiben von zuhause. (Meine. Armen. Eltern. Ich würde DURCHDREHEN.) Leichte Drogen. Harte Drogen. Sucht. Entzug. Depressionen. Selbsthass und Essstörungen, die fast ein ganzes Jahrzehnt dauerten. Und alles in meinen sogenannt besten Jahren, in meiner Jugend, was eine zerklüftete schulische und berufliche Karriere zur Folge hatte. Was auch wieder viele Tränen und Umwege nach sich zog.

Als sich die äusseren Faktoren zum Guten wendeten, wurden die inneren wach. Die Frage nach meiner Identität, nach meiner Berufung, der innere Schrei nach Zugehörigkeit waren über lange Jahre vorherrschend. Ich fühlte mich in mir selber unsicher, nicht zuhause, angstvoll. Meinen Wert definierte ich ausschliesslich über Leistung oder nette Worte. Ich liebte Jesus und war mit Gott unterwegs, aber der Boden unter meinen Füssen war lange bröckelig. Unklare Bemerkungen von anderen Menschen interpretierte ich als gegen mich gerichtet, und ich war schnell beleidigt und zu verunsichern. Auch von Menschen, die in meinem Leben wenig oder nichts zu sagen hatten. In all den Stürmen meines Lebens war Jesus das einzige, woran ich mich buchstäblich festklammerte. Irgendwo in mir war die Hoffnung nicht totzukriegen, dass am Ende doch noch alles gut werden würde in meinem Leben. Da, wo er war und mich haben wollte, wollte ich sein.

Und so führte mich mein Weg über verschiedene Arbeitsstellen, Schulen und Ausbildungen, christliche Gemeinden und Werke und geistliches Training schliesslich in (m)eine Familie und an den Ort, wo wir jetzt leben. Hier in Zürich wohnen und arbeiten wir, da leben, weben und sind wir, sind verbunden, vernetzt, geliebt. Wir stehen auf einem festen Boden. Wir können unsere Gaben einbringen, sie sind hier, an diesem Ort, willkommen und gefragt. Ich darf Familie haben, darf schreiben, backen, Beziehungen leben, Kurse geben, Teil einer Gemeinschaft sein. Und in all dem weiss ich mich im Plan Gottes. Dieser feste Boden ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern durch jahrelange Wege durch die Wüste, dem Volk Israel gleich, durch Tränen und Prozesse, Gebete und Flehen, durch Hinterfragen und Suchen, durch dunkle Täler und kleine und grosse Lichtstrahlen; dadurch, gehört und gefunden zu werden.

All diese Dinge fielen mir nach dem Gespräch über unbeantwortete Gebet wieder ein. Ich suchte diese Gefühle, die der Mann ausdrückte, in meiner inneren Bibliothek, und ich fand sie ziemlich weit hinten in einem Bücherregal, abgestaubt und greifbar, aber eingewoben, in meiner Geschichte ruhend.

Zwei Dinge bleiben: ein innerer Herzensschrei zu Gott für diesen Mann, und eine grosse Dankbarkeit für das Hier und Jetzt, in dem ich leben darf, für den Boden unter den Füssen, für das Verbundensein, für unser Zuhause, dafür, dass ich daheim, in meinem Leben, angekommen bin. Auch wenn sich Umstände wieder ändern sollten – das werden sie mit Sicherheit – und Fülle wieder ein anderes Gesicht erhalten wird: Der eine, treue Jesus, der mein Boden und meine Hoffnung ist, bleibt.

11. Geburtstag! Schon!
Bowling
In der Holzwerkstatt im Gemeinschaftszentrum Hirzenbach
…fertig ist der Hund!
Grossstadt-Dschungel
Hefebrötchen-Fieber

8 Gedanken zu „Daheim angekommen

  1. Danke für diesen ehrlichen Einblick in deine Vergangenheit (nun weiß ich noch besser warum ich dich so mag :-)). Und JA: der treue Jesus!!! Boden und Hoffnung für unsere zerbrochenen Geschichten… Ich drück Dich und Schick Dir liebste Grüße aus Stuttgart!

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  2. Liebe Sonja, auch wenn ich nicht viel Neues zu den Kommentaren hinzufügen kann: Auch ich fühle mich sehr mit Dir und Deinen Worten verbunden. Mich beschäftigt gerade sehr stark das Thema Identität und wie Gott mich auf dem langen Weg zu mir selbst begleitet und geführt hat. Die Geschichte ist eine ganz andere als Deine, und doch hört es sich so an, als ob es auch Parallelen gibt. Toll, dass Du so ehrlich darüber schreibst- das ermutigt mich, an meinen eigenen Worten und Gedanken dran zu bleiben. Ganz liebe Grüße, Barbara

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