Ein Wort

Vielleicht ist niemandem ausser mir aufgefallen, dass sich meine Blogpause viel länger hinzieht als ursprünglich geplant. Ich habe den Gedanken ans Bloggen selber immer etwas verdrängt vor mir hergeschoben. Viele Ideen und Gedanken, aber nichts, was innerlich „einschlug“, und das brauche ich, um zu schreiben. Schneller, als mir lieb war, landete ich in einer Art Mini-Schreibblockade. Nicht nur der Blog war betroffen, sondern gleich das ganze Päckchen, das irgendwie mit Schreiben oder Entwerfen zu tun hat. Eigentlich stecke ich grad selber irgendwie fest, und da sich das beim Schreiben unerbittlich zeigt, habe ich es einfach grosszügig bleiben lassen.

Dabei hat uns der Ernst des Lebens zuckersüss erwischt. Wir haben nun vier Schulkinder, nicht nur deren drei, und kein Kindergartenkind mehr! Das Tränchen habe ich allein verdrückt, vor lauter Aufregung blieb dem stufenwechselnden Kind keine Zeit, über Vergangenes nachzudenken. Der erste Schultag musste schliesslich bewältigt werden. Schultüte – tick; Schulthek – tick; Turn- und Schwimmtaschen – tick; Znüniböxli – tick. Und auf ging es, für mich zum letzten und für das Kind zum ersten Mal, in die Mehrzweckhalle des Schulhauses, wo der Einstieg ins neue Schuljahr gebührend gefeiert wird, mit dem Symbol der Eisenbahn, in die die frischgebackenen Schülerinnen und Schüler einsteigen dürfen. Nur am Rande haben sie diesen Einstieg wohl wahrgenommen, die ungefähr 60 neuen Erstklässler, die mit aufgerissenen Augen und klopfendem Herzen ihren Lehrpersonen in das Klassenzimmer folgten. Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Gefühl, ein alter Hase zu sein, und einem überfliessenden Herzen, das die Tochter am liebsten tränenreich an sich gedrückt hätte. Ich konnte mich zurückhalten.

Neues Schuljahr, neue Stundenpläne, neue Anforderungen und neue Themen. Welches Freifach darf ich belegen? Wo findet mein Musikunterricht statt? Wie ist wohl die neue Lehrperson? Mit welchen Kindern komme ich in die Klasse? Wer ersetzt den Schwimmlehrer in dessen Urlaub, und wann kommt er wieder? Habe ich meine Turntäppeli für die Musikstunde? Fragen, die uns seit nunmehr drei Wochen beschäftigen, und auf die wir allmählich Antworten gefunden haben. Neues Schuljahr, neue Wochenplanung. Bis sich alle eingewöhnt haben in den neuen Strukturen und Gemeinschaften, braucht es einige Zeit, und mein Part ist es, Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln und mir nicht anmerken zu lassen, dass mir selber vieles noch nicht ganz klar ist. Als Mutter bin ich der ruhende Pol, ungeachtet dessen, wie ruhend ich mich fühle, oder nicht.

…und dann hat der Herbst begonnen. Hach! Wie habe ich mich auf den September gefreut! Ich liebe den Sommer, aber ehrlich gesagt, nach den Sommerferien brauche ich die Hitzetage jeweils nicht mehr. Alles in mir sehnt sich nach der zurückhaltenden, weiss schimmernden Herbstsonne und den Tagen, an denen man im Schatten leicht fröstelt und sich gerne an der Sonne wärmt, statt vor der Hitze der Sonne zu flüchten.

Mit den herbstlichen Temperaturen stehen auch vier Kleiderschränke an, die neu sortiert und bestückt werden wollen. Dass Kinder wachsen, merke ich niemals so sehr wie beim Herbstanfang. Die Jeans des letzten Jahres sind zu kurz geworden, die Ärmel der Pullover enden hinter den Handgelenken. Von den Schuhen wollen wir hier gar nicht erst anfangen! Wir sind schon bei Grösse 41 angelangt; ich werde langsam, aber sicher überholt! Eine liebe Freundin, die einen Korb voller Fussball- und anderer Schuhe zum Austragen mitbringen wollte, nahm alles wieder mit nach Hause.

Umbrüche und Veränderungen – grad ein bisschen viel. In Zeiten wie diesen hätte ich gerne einen Nine-to-five-Job. Ich habe mir ernsthaft überlegt, wie schön es wäre, in meinen Uralt-Beruf als kaufmännische Angestellte zurückzugehen und dort für einen Geschäftsführer Kaffee zu kochen und die Post zu sortieren. Briefe zu schreiben, Dokumente abzuheften. Ordnung zu machen. Ordnung, ha! Mal was ganz anderes! Aber ich sehne mich nach Stabilität und Struktur und danach, einfach Befehle auszuführen. Das erscheint mir gerade stimmiger, als selber das Zepter für das Familien-Schul-Freizeit-Karussell zu schwingen. Dieses Grundgefühl überträgt sich auf fast alle Bereiche meines Lebens. Plötzlich prüfe ich wieder Prioriäten, ohne wirklich Zeit dafür zu haben; das ganze Schiff mit all seinen Abteilungen gerät ins Wanken und Schwanken, Grundsätzliches wird hinterfragt. Ich mag das nicht so.

Und da schleicht sich ein kleines, altes Wort in mein Herz, das sich festhakt: Gnade. Sandra schreibt darüber in ihrem Blogpost, und kurz darauf lese ich bei Henri Nouwen in meinem geliebten Andachtsbuch, das ich erst kürzlich entdeckt habe:

There is probably no prayer in the history of Christianity that has been prayed so frequently and intimately as the prayer “Lord, have mercy.” . . . This cry for mercy is possible only when we are willing to confess that somehow, somewhere, we ourselves have something to do with our losses. Crying for mercy is a recognition that blaming God, the world, or others for our losses does not do full justice to the truth of who we are. At the moment we are willing to take responsibility, even for the pain we didn’t cause directly, blaming is converted into an acknowledgment of our own role in human brokenness.

The prayer for God’s mercy comes from a heart that knows that this human brokenness is not a fatal condition of which we have become the sad victims, but the bitter fruit of the human choice to say no to love.
Henri J.M. Nouwen, „With Burning Hearts“, zitiert in „You Are The Beloved“

Vermutlich wurde kein anderes Gebet in der Geschichte der Christenheit so häufig und innig gebetet als das Gebet: „Herr, hab Erbarmen.“ … Dieser Schrei nach Gnade ist nur möglich, wenn wir gewillt sind einzugestehen, dass wir irgendwie, irgendwo selber etwas mit unseren Niederlagen zu tun haben. Der Schrei nach Gnade ist ein Anerkennen dessen, dass das Beschuldigen von Gott, der Welt oder anderen für unsere Niederlagen (oder Verlusten) nicht der ganzen Wahrheit darüber gerecht wird, wer wir sind. In dem Moment, in dem wir gewillt sind, Verantwortung zu übernehmen selbst für den Schmerz, den wir nicht direkt verursacht haben, wird das Beschuldigen anderer in ein Anerkennen unserer eigenen Rolle in der menschlichen Zerbrochenheit umgewandelt.

Das Gebet nach Gottes Gnade kommt aus einem Herzen, das weiss, dass die menschliche Zerbrochenheit kein verheerender Zustand ist, der uns zu bedauernswerten Opfern gemacht hat, sondern die bittere Frucht der menschlichen Entscheidung, Nein zur Liebe zu sagen.

Ups.

Ich finde es einfacher, gnädig zu sein, als Gnade anzunehmen. Es fällt mir leichter, grosszügig mit anderen zu sein, als einzugestehen, dass ich ab und zu überfordert bin von den Unabdingbarkeiten des Lebens, und wohl noch mehr von meinen eigenen Ansprüchen. Ich gehöre damit wohl zur weit verbreiteten Spezies der Menschen, die schon seit Urzeiten denken, dass sie weder Gott noch seine Gnade nötig haben.

Es ist nicht nur dieser Text Nouwens, der den Gedanken trägt, dass das menschliche Bemühen nach Perfektion und Vollkommenheit schon in sich zum Scheitern verurteilt ist. Einen Tag vorher schreibt er im gleichen Buch (übersetzt und zusammengefasst): „Am liebsten würden wir in uns hineinschauen und alles auskehren, damit wir Menschen mit reinen Herzen, makellosen Motiven und bedingungsloser Liebe werden. Aber dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt und führt zu noch grösserer Verzweiflung. Wir können uns nicht selber retten – nur Jesus kann das! Darum ist es so wichtig, dass wir unseren Blick von den Verwicklungen unseres Herzens auf das reine, gebrochene Herz von Jesus wenden. Ihn anzuschauen hilft uns, unsere Unvollkommenheit anzunehmen und uns von seiner Gnade und Liebe versorgen zu lassen.“

Ich zweifle daran, dass ich das „umsetzen kann“ (und damit wieder am gleichen Punkt lande, nämlich bei der eigenen Leistung). Aber in mir keimt Hoffnung auf und der Wunsch, Gnade zuzulassen. Es muss schön sein, sich fallenlassen zu können. Ich habe wenig Übung darin, aber ich wurde durch diese Texte ermutigt, es neu zu versuchen.

Und jetzt noch: Bilderflut (und doch nur ein winziger Teil alles Erlebten):

So möchte ich auch 70 werden: Geburtstag meiner Mutter!
Unser Café (wo die Feier stattfand)
Mutter und (eine) Tochter
Scafell Pike, höchster Berg Englands
Schafe, Schafe, Schafe… (Lake District, England)
Wanderwege in England…
Ortschaft „Battle“
Best Day Ever: Ein ganzer Tag auf dieser klitzekleinen, felsigen Halbinsel am Fischen
In Love: Wie kann man dieses (Eng-)Land nicht lieben!?

2 Gedanken zu „Ein Wort

  1. Vielen Dank für deinen Beitrag. Ich finde mich in vielem wieder, ein paar Jahre zurück, aber im Kern das Gleiche. Unser ältestes von vier Kindern ist gerade Vorschulkind geworden und ich habe wenig Lust auf die ganzen Termine, die mit den restlichen fünf abzustimmen sind, auf die Entscheidung, auf welche Schule sie gehen wird mit den dazugehörenden Konsequenzen. Manchmal will ich gern das Steuer aus der Hand geben, einfach mal im Leben mitfahren statt zu steuern. Und doch merke ich, wenn ich endlich innehalte, dass Gott es ist, der wirklich lenkt und mich führt. Dass ich mich bei ihm anlehnen und nach dem Weg fragen darf. Dass ich ihn höre, wenn ich den Alltagslärm herunterfahren. Weiß, was uns allen gut tut. Und dass ich bei ihm auch mal Weinen darf über das Loslassenmüssen und die Erkenntnis, dass die Zeit fortschreitet. Und dass er die Wünsche meines Herzens kennt, und ich nicht verzweifelt versuchen muss, sie selbst durch mein Tun zu erfüllen. Ich bin so dankbar, Jesus in unserem Leben zu haben und dass er mich davor bewährt, ganz zu verzweifeln. Ich wünsche euch alles Gute und viel Weisheit für die anstehende Zeit! Janine

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    1. Danke, liebe Janine! Ich weiss genau, was du meinst mit „Steuer aus der Hand geben, einfach mal mitfahren…“. Ich bin dankbar für jeden Moment, in dem ich merke, dass Gott das für mich tut! Er ist so entspannt! Herzlichen Dank für deine Wünsche und liebe Grüsse!

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