The Gap

„Die Herrlichkeit Gottes ist so sichtbar!“ denke ich angesichts des wunderschönen Spätsommertags. Goldener als golden könnte die Welt nicht leuchten, nicht gesättigter und gesegneter wirken als an diesem Nachmittag, als wir mit unserer Sechsjährigen in der Mitte unseren Sonntagsspaziergang ablaufen.

Ich streiche am Abend über die seidenweichen Haare unserer schlafenden Kinder. Fast alle von ihnen waren vor dem Einschlafen wütend gewesen: Wütend auf die bösen Eltern, wütend auf den Bruder, wütend auf sich selber, wütend auf die ganze Welt. Unfrieden war im Haus, und ich hatte mich darauf gefreut, mich nach einem langen Tag auf dem Sofa zu verkriechen. Trotzdem ging ich nochmals hoch, hinauf zu den zornigen Kinderseelen, und wie durch ein Wunder fand ich zu jedem Herzen einen kleinen Schlüssel, der das Herz ein Stückchen weit zu öffnen vermochte. Beim einen wars eine Frage, beim anderen das geliebte Chräbele, bei einem dritten eine Umarmung, beim vierten – das habe ich schon vergessen, aber als ich wieder auf meinem Sofa sass, nicht mich verkriechend, sondern glücklich, dass in jedem Herzen wieder der Friede eingekehrt war, empfand ich pures Glück und Liebe. Herrlichkeit Gottes. So muss er sich das gedacht haben mit Familie.

„Echt jetzt?!“ denke ich, als ich vor dem Essen hastig und verstohlen – obwohl mich niemand sehen kann – Essen in mich hineinstopfe, weil ich a) hungrig bin und b) nicht warten kann und mich c) sowieso gerade leer fühle. Den Kindern verbiete ich das immer: „Üb dich mal in Selbstbeherrschung, junger Mann!“… genau! Hm! Daran denke ich, als mit vollem Magen beim Mittagessen sitze und versuche, mir nicht viel anmerken zu lassen.

Dieser Zerriss – der zwischen der Herrlichkeit Gottes, die manchmal in unseren Alltag hinein schimmert, und dem Dunkel, das ich manchmal fühle. Am einen Abend finde ich den Schlüssel zu den Kinderherzen; an einem anderen weint sich ein Kind in den Schlaf. Herrlichkeit Gottes und Alltagstrott, Leben und Schatten, Freudentänze und herzzerreissende Trauer. Oft von allem etwas am gleichen Tag.

Manchmal finde ich diesen Zerriss schwierig auszuhalten. Und manchmal merke ich: Es ist gar kein Zerriss. Beides gehört zusammen: das Licht und die Finsternis, die Freude und die Trauer, die Wut und die Vergebung. Alles hat seinen Raum und seine Zeit. Solche Momente geben mir viel Hoffnung und Frieden.

An zwei Orten finde ich zur Zeit diesen Frieden, der die Erde und den Himmel verbindet – wo sich der Kreis friedvoll schliessen darf. Der eine Platz ist meine Mittagspause. Nach dem Mittagessen setze ich mich mit einem Espresso auf unser Sofa und lese ein Kapitel in meiner neuen Flamme von Henri Nouwen: „You are the Beloved: Daily Meditations for Spiritual Living“. Nouwen schreibt vom Leben und vom Sterben, von der Liebe und von der Zugehörigkeit, von der Gnade und der Herrlichkeit Gottes. Ich glaube, es war an besagtem Mittag, als ich las:

I know that the fact that I am always searching for God, always struggling to discover the fullness of Love, always yearning fot he complete truth, tells me that I have already beeen given a taste of God, of Love, and of Truth. I can only look for something that I have, to some degree, already found. How can I search for beauty and truth unless that beauty and truth are already known to me in the depth of my heart?

„Ich weiss, dass die Tatsache, dass ich immerzu Gott suche, immerzu danach ringe, die Fülle der Liebe zu entdecken, und mich immerzu nach der vollkommenen Wahrheit verzehre, bedeutet, dass mir bereits ein Vorgeschmack Gottes, der Liebe und der Wahrheit gegeben wurde. Ich kann nur nach etwas suchen, dass ich bis zu einem gewissen Grad bereits gefunden habe. Wie kann ich nach Schönheit und Wahrheit suchen, wenn mir diese Schönheit und Wahrheit in der Tiefe meines Herzen nicht bereits bekannt wären?“

Der gute Henri! Ich bin so dankbar zu hören, dass diese Sehnsucht nach der Herrlichkeit Gottes NORMAL ist. Dass sie zu uns gehört – UND dass wir bereits Anteil an ihr haben. Wenn ich mit meinem Kaffee auf dem Sofa sitze und so etwas lese, fühle ich mich auf eine tiefe Art vollständig. Dann empfinde ich: Dieser Zerriss darf sein. Er gehört zum Menschsein dazu. Zum Leben mit Gott. Das Hiersein auf der einen Seite und die Sehnsucht auf der anderen Seite.

Der zweite Ort, an dem Himmel und Erde zusammenkommen, ist etwas lauter. Seit über einem Jahr haben wir in unserer Familie einen Wochenabschluss. Jeden Sonntag Abend beschliessen wir gemeinsam in der guten Stube. Manchmal singen wir Lieder, manchmal erzählen wir uns, was wir diese Woche erlebt haben, manchmal lese ich eine Geschichte vor, manchmal beten wir füreinander, manchmal vergeben wir einander, manchmal segnen wir einander. Meistens gibt es mindestens ein Kind, das gerade entdeckt hat, wie schön das Hüpfen auf dem Sofa ist; oftmals ist eines beleidigt oder wütend und muss mit verschiedenen Mitteln in die Stube gelockt werden. Manchmal wird gerülpst oder gestritten, gelacht oder herumgetobt, und oft hätte ich das Unterfangen am liebsten wieder aufgegeben. Aber irgendwie haben wir durchgehalten, und immer, wenn wir dem Lärm und der Unruhe zum Trotz den Wochenabschluss gemacht haben, kommt diese Gewissheit, dass in unserer Familie nicht alles vollkommen ist – aber auch nicht alles hoffnungslos, sondern himmlisch und geerdet – Gott mittendrin, in allem, um alles herum.

***

Und hier noch etwas GANZ SCHÖNES: Die liebe Veronika kommt nach Zürich!!! Hach, wie ich mich freue – ganz herzliche Einladung!!!

3 Gedanken zu „The Gap

  1. Ich liebe deine herzerfrischende Aufrichtigkeit. Wie oft denke ich: Ich darf kleine Menschen prägen? Bin ich dafür überhaupt schon erwachsen genug? Manchmal habe ich gar nix im Griff, verhalte mich selbst, wie ein Kind, dass von seinen Emotionen überwältigt wird. Doch ich darf: Fehler machen und lernen. Den Sonntagsabschluss merke ich mir. Wie schön! Und wie schön, dass du ihn nicht überromantisierst 😉

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  2. Wie wunderschön und wahr, was Du da schreibst! Ich kenne diese Achterbahnfahrten soooo gut aus meinem Familienalltag- die fröhlichen, unbeschwerten, vertrauten und friedlichen Momente auf der einen Seite und dann auch wieder Zank, Unzufriedenheit und manchmal meine eigenen unguten Reaktionen, die mich dann später einholen… Danke, dass Du Einblick schenkst in Euren Alltag und mich dran erinnerst: Gott ist da. Er zieht sich nicht von uns zurück, weil wir Fehler machen. Er hält das aus und gibt uns sogar Sehnsucht nach ihm selbst- WOW. Danke!

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  3. herzzerreissend ist wahrlich kein schöner Zustand, aber hast du dir mal das Wort angesehen? 2 Z! 2 R! und in der Schweiz dann auch noch 2 S! Da kann herzerwärmend nicht mithalten …

    (Das schreib ich nur, weil ich weiß, dass du auch Buchstaben siehst, ohne das Wort zu sehen, siehe 4i)

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