Fülle

Die Herbstferien sind zu Ende, heute morgen sind vier unterschiedlich motivierte Kinder zur Tür hinausgeschlüpft, eines davon noch bei Dunkelheit. Das Bewusstsein, dass wieder einmal eine Ferienzeit zu Ende ist und der Schulalltag beginnt, ohne dass eine erneute Pause in naher Sicht ist, beschlich die Kinder schon gestern Abend, was sich in einer klitzekleinen Melancholie bemerkbar machte. Die Melancholie spürte ich auch – obwohl ich mich, zugegebenermassen, auch ganz arg auf den Schulalltag gefreut habe – weil hinter mir eine Zeit liegt, die kaum mehr gefüllt und erfüllt hätte sein können. Vor mir der normale Alltag. Den ich zwar liebe, aber dem ich mich wieder etwas annähern muss.

Schon eine Zeit her, aber immer noch mein Herz wärmend, die Ladies‘ Night in unserem Café mit Veronika. Am Abend waren fast fünfzig Frauen da, und ich glaube, jede von ihnen nahm mindestens eine fette Ermutigung mit, einen Satz, eine Frage oder einen Anstoss. Veronika ist nicht nur eine grosse Stimme, wenn es um Ermutigung geht. Es ist auch wunderschön, mit ihr Zeit zu verbringen. Obwohl ich mich natürlich im Vorfeld gefragt habe: „Was, wenn sie meine Kinder unmöglich findet? Was, wenn ihr unser Haus überhaupt nicht gefällt? – Und was, wenn sie herausfindet, dass ich total uncool bin?“ Die Ängste hatten gar keine Zeit, Raum einzunehmen: Veronika kam an, und wir redeten und lachten, ruhten uns aus und redeten wieder. Ich fühlte mich einfach zuhause.

Kaum war die Ladies‘ Night vorbei, packten wir unsere Koffer und fuhren in die Gemeindefreizeit im Allgäu. Obwohl das Wetter nicht wirklich mitmachte – es zeigte sich strategisch klug am letzten Tag von seiner allerschönsten Seite – war die Gemeinschaft einfach wunderbar. So viele Menschen, so unterschiedliche Menschen: Es war schlicht unmöglich, mit jedem einzelnen ins Gespräch zu kommen, obwohl Franco und ich uns redlich bemühten, bei jeder Mahlzeit mit anderen Leuten am Tisch zu sitzen. Am Abend Spielrunden bis spät in die Nacht.

Sogar die kann man essen… wenn man weiss, dass der grüne Glibber ganz einfach abgezogen werden kann. Ein Hoch auf unseren Pilzkundler Roger!
Ferienwetter

Bei so viel wunderbarer Gemeinschaft brauche ich immer wieder mal eine Zeit des Rückzugs. Die Fülle von Begegnungen und Beziehungen kann ich nur richtig auskosten, wenn ich zwischendurch ein bisschen „herunterfahren“ kann. Auch das war gegeben. Wir bewohnten sehr herzige kleine Häuslein, und hatten das Glück, eine helle und grosse Stube zu haben. Ideal, um in Ruhe in meinem Buch zu lesen, bevor es mich wieder zurück in die Gemeinschaft zog. Den Abreisetag nutzten wir, um mit meinen Eltern die herzigste kleine Pâtisserie zu besuchen, die ich je gesehen habe, in einem lauschigen Städtchen namens Wangen in Allgäu.

Pâtisserie de Pierre, Wangen im Allgäu

Die zweite Ferienwoche – wieder zuhause – war buchstäblich angefüllt von Äpfeln – wir haben 18kg Äpfel und Birnen aus dem Allgäu mitgebracht, der Dörrapparat lief Tag und Nacht. Unsere „Haus-Trauben“ mussten geerntet werden und ergaben etwa 20 Gläser Traubengelée, etwa fünf davon ganz ohne Zucker, weil die Trauben so zuckersüss sind.

So viel Gutes, so viel Schönes, eine neue Freundschaft, vertiefte Beziehungen, Früchte in Hülle und Fülle. Und daneben eine einschneidende Diagnose einer lieben Bekannten. Das Gefühl, bei einem Erlebnis aussen vor gelassen worden zu sein. Enttäuschte Erwartungen, und eine Situation, die mehr Weisheit und Geduld erfordert, als ich sie im Moment aufzubringen vermag. Ein wichtiger Bescheid, der auf sich warten lässt.

Wieder lese ich gerade heute in meinem Buch – und nerve euch hoffentlich nicht mit den vielen Zitaten:

The beauty and preciousness of life is intimately linked with its fragility and mortality. We can experience that every day – when we take a flower in our hands, when we see a butterfly dance in the air, when we carelss a little baby. Fragility und giftedness are both there, and our joy is connected with both. (Henri Nouwen: With Burning Hearts; zitiert in „You are the Beloved“)

Die Schönheit und die Kostbarkeit des Lebens ist untrennbar mit seiner Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit verbunden. Das können wir täglich erleben – wenn wir eine Blume in die Hand nehmen, oder wenn wir einen Schmetterling in der Luft tanzen sehen, oder wenn wir ein kleines Baby liebkosen. Sowohl Zerbrechlichkeit als auch Begabung ist sichtbar, und unsere Freude ist mit beidem verbunden.

Ich kann mich täglich sorgen, Anlass gibt es zuhauf, und ich kann mich auch täglich freuen. Während sich meine Seele gerade etwas von der ganzen Fülle „erholen“ muss, bin ich dankbar für die angebrechende Zeit, die mindestens seit dem 3. Jahrhundert eine schöne kirchliche Tradition ist: Erntedank.

Erntedank. Eine Zeit der puren Dankbarkeit für die Fülle des Lebens, mit der wir immer wieder beschenkt werden. Völlig unverdient und einfach so. Eine Zeit, um die Ernte auszukosten und zu geniessen, die wir selber – oder andere für uns – gegossen und gepflegt haben. Neue Tiefe, neue Weite in Freundschaften. Neue Erfahrungen, neues Land. Und nein, ich muss nicht schon in den Weihnachtsvorbereitungsstress verfallen, nur weil gerade ein „Leerraum“ ist, ein Übergang. Lieber geniesse ich die letzten Sonnenstrahlen, das nochmals ein wenig warme und sonnige Wetter, die Schuhe, in die ich barfuss reinschlüpfen kann, ohne zu frieren, und die Tatsache, dass eine weiche leichte Strickjacke (natürlich mit Schal) ausreicht, um mich bis zum nächsten Supermarkt zu wärmen.

So, nun will ich einfach eine Zeit lang dankbar sein für die Ernte und auch das Erntedankfest, das uns erlaubt, uns absichts- und ziel- und ergebnislos über die Ernte und die Fülle zu freuen.

Verblühte Fetthennen, aufblühende Astern und immerblühende Prachtkerzen…

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