Shifting the Atmosphere

Was ich im Moment mache, liebe ich. Ich sitze allein am Esstisch, da und dort noch ein Brotbrösmeli und hier ein kleiner Ring aus ehemals heisser Schokoladenmilch. Immer noch genug Platz, um mich mit Agenda und Schreibstiften, Teetasse, Handy und Laptop auszubreiten und in unseren gerade von Sonnenlicht durchfluteten Garten schauen zu dürfen. Möglicherweise regnet es in fünf Minuten wieder, aber gerade jetzt haben wir das allerschönste Herbstwetter, so, wie ich es liebe.

Beim Fotografieren ist es schon wieder bedeckt.

Der November: „Diese vier Wochen sind das Geschenk der Ruhe vor dem Weihnachtstrubel“, schreibt Veronika in ihrem Buch „Frühling, Sommer, Herbst, Familie“. Ich LIEBE den November. Die Weihnachts-Vorfreude beflügelt mich, und das Grau empfinde ich jetzt, am Anfang, als kuschelig. Vor ein paar Tagen habe ich einen Herbstspaziergang gemacht und gefühlt etwa hundert Fotos von Blätterteppichen, über die ich geschreitet bin. Auch der Regen stört mich nicht; so kann man sich ohne schlechtes Gewissen („Bei Sonnenschein muss man doch raus!“) im Haus aufhalten, Liegengebliebenes erledigen und einfach – wohnen. Äusserlich und innerlich kehrt Ruhe ein.

Trotzdem, ich gebe es zu, hat sich schon eine klitzekleine Weihnachtsdekoration eingeschlichen. Vor kurzer Zeit habe ich gelesen, dass Weihnachtsdekoration glücklich macht. Und tatsächlich, wann immer ich die kleinen Bilderrahmen anschaue, macht sich ein inneres Lächeln breit.

Das innere Lächeln können wir zur Zeit gebrauchen. Nach den Herbstferien ist mir aufgefallen, dass sich der Tonfall in unserer Familie verschärft hat. Ärger, wenn der Salzstreuer auf der falschen Seite des Tisches steht. Keine Gnade, wenn jemand vergessen hat, die WC-Spülung zu betätigen. Streit, wenn ein anderes Kind den Honig zuerst bekommt. Alle haben gerade häufig das Gefühl, zu kurz zu kommen und ungerecht behandelt zu werden. Keine Gnade, weder mit den anderen noch mit sich selber.

Und ich mittendrin, manchmal fähig, Ärger zu ertragen und aufzufangen, manchmal unfähig, meinen eigenen Ärger zu bremsen.

Am letzten Wochen-Abschluss haben wir als Familie beschlossen, dass wir die Atmosphäre in unserem Haus ändern wollen. Dass wir die Confi oder das geschnittene Stück Brot zuerst den anderen anbieten wollen, dass wir füreinander die Zahnpasta aus dem Spülbecken wischen, und dass wir das WC-Papier auffüllen, auch wenn wir es nicht haben ausgehen lassen. Unsere Kleinste hatte einmal, als wir einander segneten, ein inneres Bild einer roten Hantel, und sie schloss daraus, dass Jesus sie in der Liebe trainieren wolle. Dieses Bild kam uns wieder in den Sinn, und wir beschlossen einmütig, dass wir uns in der Liebe trainieren wollten.

Solche Beschlüsse haben ja immer ein paar Nebenaspekte. Zum einen braucht es – zumindest in unserer Familie – immer einen Eklat, einen Knall, genug Schmerz, bis alle verstehen, dass es eine Änderung braucht. Ich habe das bewusst beobachtet und mehrmals versucht, davor Einfluss zu nehmen. Vergeblich. Vielleicht ist es bei uns Menschen so, dass uns vor Augen geführt werden muss, dass wir Erlösung brauchen. – Zum anderen sind es meistens Richtungsänderungen, die eine gewisse Zeit lang etwas verändern, bis es vergessen geht oder aus einem anderen Grund wieder aufhören. Wenig ist für die Ewigkeit bestimmt. Früher hat mich das immer genervt, weil ich dachte, dass ich „ja nichts auf die Reihe“ kriege, langfristig. Heute denke ich, dass es unterschiedliche Zeiten gibt, in denen Unterschiedliches nötig ist.

Heute braucht es eine Umarmung, morgen eine Ermahnung, übermorgen beides gleichzeitig. Gestern brauchte es klare und wahre Worte, heute die Liebe, die alles zudeckt. Heute nehmen wir einen Anlauf, um die Atmosphäre zu verändern – morgen sind wir dankbar für die Liebe in unserer Familie.

Nicky und Sila Lee schreiben in ihrem „Parenting Book“ sinngemäss: „Während der gesamten Elternzeit sind wir vorwärtsgestrauchelt, wir wissen nicht mehr, wie – und wir haben auch jetzt nicht das Gefühl, zu wissen, wie es funktioniert.“ Ich finde das so tröstlich, denn es geht mir genauso. An manchen Tagen finde ich dieses Eltern-Dings wunderschön und easy, an anderen merke ich, wie sehr ich auf die Gnade angewiesen bin, weil ich keinen Plan habe, wie ich meine Kinder am besten unterstützen kann. Wir hangeln uns als Eltern dem Familienleben entlang und beschliessen, es immer wieder neu zu versuchen. Gerade jetzt mit dem Liebes-Training und der roten Hantel.

Ich wünsche euch den allerschönsten November!

6 Gedanken zu „Shifting the Atmosphere

  1. Liebe Sonja, wie schön, dass ihr euch so konkrete Ziele setzt, miteinander gnädig umzugehen, das inspiriert mich. Diese Situationen 😄, genau die gleichen Konfliktanlässe hier! Liebe verregnete, wolldeckenwarme November-Grüße, Johanna

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  2. „Heute braucht es eine Umarmung, morgen eine Ermahnung, übermorgen beides gleichzeitig. Gestern brauchte es klare und wahre Worte, heute die Liebe, die alles zudeckt. Heute nehmen wir einen Anlauf, um die Atmosphäre zu verändern – morgen sind wir dankbar für die Liebe in unserer Familie.“ Wie wahr! Alles hat seine Zeit, auch in der Familie. Viel Segen und Freude beim Familien-Leben, auch und gerade in der Adventszeit 🙂

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