Getragen

Traumhaftes Ski-Wetter. Wie gemacht, um über die Piste zu heizen. Mittwoch – der Tag, an dem Franco und ich zusammen skifahren können. Der sportliche Ehemann geht schon frühmorgens los auf die Piste. Die schon etwas abgekämpfte Ehefrau folgt später, nachdem die Kinder gefrühstückt haben und in die Skischule „versorgt“ worden sind. Irgendwie fehlt heute die Energie, die sich sonst beim Anblick von Sonne und Schnee im Körper wie von selber ausbreitet. Richtige Begeisterung vermag sich nicht breitzumachen. Der Tag will aber gerockt werden, schliesslich wurde das Ticket im Voraus gebucht.

Skifahren. Mal langsamer, mal schneller, Freude kommt langsam auf, gleichzeitig mit der Kälte, die sich auf dem Sessellift bemerkbar macht. Ich trage sehr viele Schichten. Nach vielen Pistenabfahrten ein Blick auf die Uhr: Ach, eigentlich dürfen wir jetzt nach Hause, kochen für die Kinder, die von der Skischule kommen, um daheim zu essen. Wir freuen uns, weil wir beide schon müde sind. Der Ehemann berechtigterweise. Welche Piste nehmen wir? Die schwarze. Die Sicht ist schlecht, fehlt schliesslich ganz. Es ist sehr steil und eisig. Ich rutsche mehr auf dem Eis, als dass ich fahre. Da stürze ich. Es rumpelt, und es hört nicht mehr auf. Ein Ski fliegt in hohem Bogen weg. Ein Bein verdreht sich. O weh, hoffentlich endet das nicht böse. Unaufhaltsames, schnelles Rutschen. Wie lang doch diese Piste ist! Endlich: Stillstand. Stillstand nicht nur auf der Piste, sondern auch in meinem Körper. Ich kann mein Bein nicht bewegen. Und da ist die riesengrosse Angst, noch mehr nach unten zu rutschen in meiner Steillage, und das Bein zu bewegen. Etwas in mir weiss, dass das sehr, sehr wehtun würde.

Jemand kommt. Ein Skistock wird nahe an meinem Bauch in den Schnee gesteckt. Er stützt mich, so dass ich nicht weiterrutsche. Besorgte Gesichter. Jemand, der mein gesundes Bein nach oben hebt, damit Blut in den Oberkörper fliesst und ich nicht ohnmächtig werde. Eine Frau, die mit ruhiger Stimme fragt, wie es mir geht, und mich ermutigt, tief ein- und auszuatmen. Immer wieder, bei jedem Zähneklappern und Zittern, das sich einstellen will.

Es wird klar: Das Bein kann nicht mehr bewegt werden. Ein Schlitten wird gerufen. Beim Gedanken an einen Schlitten schnürt sich meine Kehle zu. Schlitten bedeutet Bewegung. Bewegung dieses Beins. Irgendwann höre ich das Wort „Rega“ (Rettungsflugwacht). Immer wieder diese nette, beruhigende Stimme, die mir sagt, dass ich tief ein- und ausatmen soll. Irgendwann, wie von ferne, das Geräusch eines Helikopters. Verschiedene Stimmen, die diskutieren. Augen, die mich anschauen. Dann versinke ich ins Nichts. Ich fühle mich wie in Watte eingepackt samt Bein, kein Schmerz ist mehr da, nur etwas wirre Gedanken. Wie im Traum sehe ich die Decke des Helikopters, höre Geräusche, aber das hat alles nur entfernt mit mir zu tun.

Dann erwache ich zum ersten Mal. Ein Anästhesie-Arzt stellt sich vor. Ich werde demnächst am Oberschenkelhalsknochen operiert. Mit einer Bahre werde ich in einen Raum gefahren und muss etwas einatmen. Ein, aus. Ein, aus. Wieder dieses Nichts, diesmal ein Gar-Nichts.

Stunden später erwache ich. Man sagt mir, die Operation wäre gut verlaufen. Mein Bein steckt in einem dicken Verband, meine Hüfte ist unbeweglich. Ich bin in einem Spitalzimmer und zum ersten Mal seit langem wieder ganz da, bei mir selber. Dankbarkeit überströmt mich, und Tränen fliessen.

*

Ja, es hat mich gründlich erwischt. Es ist ein Oberschenkelhalsbruch, und er bedeutet ganz praktisch: Sechs Wochen lang darf ich mein rechtes Bein nur minimal belasten, und ich gehe an Stöcken. Dies wiederum bedeutet, dass ich nicht einmal meine Kaffeetasse von der Küche zu meinem Lieblingsplatz auf dem Sofa transportieren kann. Geschweige denn einen Staubsauger benutzen, den Tisch decken, aufräumen, Auto fahren. Von einem Moment auf den anderen ist mein Radius ziemlich eingeschränkt: Von unserem Haus kann ich problemlos zur Kirche hinüber, die auf dem gleichen Platz ist sowie ins Café gegenüber. Wenn’s hoch kommt, zum kleinen Supermarkt und zur Apotheke, die sich in der Nähe befinden. Eigentlich ist das ja genug!

Den Sturz und die gleich darauf folgende Operation habe ich unterschiedlich wahrgenommen: Einerseits habe ich mich noch nie so hilflos und abhängig gefühlt wie in dieser Stunde auf dem Steilhang auf der Piste, als ich in den Operationssaal gefahren wurde, und in den ersten Stunden im Spitalbett, als ich mich kaum rühren konnte.

Gleichzeitig habe ich aber totale Versorgung und grosse Gnade erlebt.

Auf der Piste waren eine Ärztin und ein Orthopäde zugegen, die mich gestützt und gesichert haben und veranlasst, dass die richtigen Stellen zur Nothilfe angerufen wurden. Sie blieben fast eine Stunde lang bei mir, bis der Helikopter angeflogen kam. Der Orthopäde sogar so lange, bis ich weggeflogen wurde (es verging fast eine halbe Stunde, bis die Rettungskräfte mich im Helikopter hatten, weil es so steil war und ich nicht bewegt werden durfte, erzählte mir Franco). Sie waren an meiner Seite, stellten sicher, dass ich nicht ohnmächtig wurde, und liessen mich wissen, dass ich nicht allein, sondern gut aufgehoben war.

Im Krankenhaus war jeder Arzt, jede Ärztin, jede Schwester und jede Hauswirtschaftsangestellte herzlich, fröhlich und kompetent. Sie fanden verständliche Worte, um mir zu erklären, was mir mir ist und was mit mir geschieht.

Meine Familie und meine Freundinnen und Freunde nahmen grossen Anteil an meinem Ergehen und dem meiner Familie, fragten immer wieder nach meinem Befinden und boten grosszügig Hilfe an. Jetzt, wo wir zuhause sind, werden wir bekocht, umsorgt, unterstützt. Der Kühlschrank ist voll, und überall blühen mir Blumen entgegen. – Ich kann gar nicht ausdrücken, wie viel mir das bedeutet, so getragen zu werden. Ich bin mehr als nur dankbar, an einem Ort mit so vielen treuen Freunden zu leben.

Der gute Hirte war die ganze Zeit an meiner Seite. Sogar während meiner narkotisch bedingten Umnebelung wusste ich: Jesus ist da, an meiner Seite, er hält meine Hand. Ich sah ihn. Er ist wirklich der gute Hirte, und er sorgt für mich.

Ja, mir ist etwas Schlimmes passiert. Der Heilungsprozess ist langwierig. Ich möchte das viel lieber nicht ein zweites Mal erleben. Aber etwas anderes habe ich auch erlebt: Gnade, Freundschaft, Versorgung und Unterstützung. In den Schmerzen und in der Angst war ich niemals allein, sondern in der Hand des allmächtigen Gottes, des guten Hirten, getragen.

Blick aus dem Spitalzimmer
Blick vom Bett aus…
meine ständigen Begleiter – ich hätte sie in Navy bevorzugt…
Tischdekoration, heimlich von der Tochter gesammelt und nach Zürich geschmuggelt…
Zu guter Letzt: Amen!!

5 Gedanken zu „Getragen

  1. Liebe Sonja,

    gerade sitze ich am Frühstückstisch, lese deine Zeilen und denke die ganze Zeit: Das ist doch hoffentlich nicht gerade erst kürzlich passiert!!
    Ist es aber doch…
    Das tut mir ja sehr, sehr leid für Dich!
    Gleichzeitig hört es sich wunderschön an, wie Du das Getragen-Sein inmitten von Schmerzen und Hilflosigkeit beschreibst. Toll, dass Du so eine tiefe Dankbarkeit empfindest,dass Du von guter Gemeinschaft und lieben Menschen umgeben bist. Und dass Du Jesus so intensiv an Deiner Seite spürst!
    Ich wünsche Dir, dass Du weiterhin wunderbar getragen wirst, dass Du Geduld hast, wenn es doch mal zu langsam zu gehen scheint und dass alles richtig gut verheilt!

    Liebe Grüße, Barbara

    Gefällt 2 Personen

  2. Oh weh… Einerseits tut es mir leid, dass du dich so verletzt hast, andererseits schön, dass du dich in dieser Situation so umsorgt und gehalten fühltest. Ich wünsche dir ganz gute Genesung, die nötige Geduld und immer wieder kleine und grosse Aufsteller, wenn du mal den Rappel hast…
    Sula

    Gefällt 1 Person

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