Zur Ruhe kommen

Die Sonne scheint kristallweiss in unsere Stube und wärmt sie. Das ist wunderbar, denn mir ist seit dem Kälteeinbruch ziemlich kalt. Nun sitze ich auf dem Sofa, dick eingemummelt in einen Schal, mit einer Tasse heissen Ingwertee neben mir. Es ist ruhig im Haus, nur das Klappern meiner Tastatur ist hörbar.

Meine Agenda ist diese Woche seit langer Zeit zum ersten Mal fast leer – nur zwei Abendessen stehen an, auswärts!, darauf freue ich mich. Ansonsten habe ich gerade keine Termine. Ich fühle mich entspannt.

Es gibt da eine Fähigkeit, die ich lange unterschätzt beziehungsweise gar nicht als Fähigkeit wahrgenommen habe: Zur Ruhe zu kommen.

Wie man nach dem Motto „Augen zu und durch!“ eine Zeitlang alles geben kann und sehr effizient, schnell und produktiv ist, das weiss ich. Das bringe ich zustande, wann immer es gefordert ist. Gefordert ist war es in letzter Zeit häufig. Ich war sehr oft am Backen, vermutlich, weil alle Festivitäten, die coronabedingt ausgefallen waren, jetzt nachgeholt werden – was ja wunderschön ist! Ausserdem bin ich total frei zu entscheiden, ob ich einen Auftrag annehme oder nicht. Ich habe viele angenommen und es geliebt, fast pausenlos zu backen.

Alles geben muss ich zur Zeit auch zuhause. Unser ältestes Kind geht seit den Sommerferien ans Gymnasium, und der Unterschied zur sechsten Klasse könnte nicht grösser sein. Von einem überschaubaren Block Hausaufgaben zu Aufträgen in jedem einzelnen Fach, von 300m Schulweg zu ein paar Kilometern, vom gemütlichen Aufstehen um 7.30h zur Morgenwache um 6 Uhr früh, von zwei Lehrpersonen zu Fachlehrern, von einem kleinen Primarschulhaus zu einem Gebäudekomplex, der sechs Jahrgänge zu je ungefähr sechs Parallelklassen umfasst… Nicht, dass man das nicht gewusst hätte. Aber es ist wie mit dem Kinderkriegen, dem Heiraten oder anderen Abenteuern: Man liest viel darüber und weiss einiges, aber was es wirklich bedeutet, das spürt man erst, wenn man mittendrin ist.

Mittendrin zu sein heisst in diesem Fall, mitzudenken, mitzulernen, mitzuorganisieren, mitzuplanen und mitzuleiden, wenn die Prüfungsergebnisse nicht so ausfallen, wie man es gewohnt war von früher. Mein gestriger Sonntag bestand aus Französisch-Vokabeln und Geschichte.

Und zwischendurch – genau, da wäre dann eben die Fähigkeit gefragt, zur Ruhe zu kommen, aufzutanken, sich füllen zu lassen und sich gut zu tun. Nur merke ich, dass ich darin überhaupt nicht geübt bin.

Es fällt mir schwer, nach einem anstrengenden Tag etwas zu tun, das mir WIRKLICH gut tun würde, wie zum Beispiel etwas „Gutes“ zu lesen, das heisst weder Nachrichten noch Statusmeldungen.

Durchhalten geht, aber wenn im Nachhinein die Müdigkeit kommt – und das ist manchmal erst zwei, drei Tage später – ist guter Rat teuer.

Es fällt mir schwer, das Handy wegzulegen, an dessen Gebrauch ich mich total gewöhnt habe und von dessen rot aufpoppenden Mitteilungen ich in letzter Zeit meine Seele genährt habe. Nicht hilfreich in dem Zusammenhang ist, dass ich morgens – in „meiner“ Zeit mit Gott – nicht mehr allein bin, sondern meistens gezwungen, Unmut über nicht auffindbare Socken und Gesichtsmasken und Wörterbücher anzuhören oder diesem entgegenzuwirken, indem ich mit durchs Haus renne und mich an der Suche beteilige.

Tja, zur Ruhe kommen. Mich füllen lassen von Dingen, die mir gut tun. Die Seele baumeln lassen. Sein.

Zur Ruhe kommen von all den Dingen, die mich gestresst, beunruhigt, besorgt haben. Das sind nicht nur Hochzeitstorten, sondern auch die Sorge um die Befindlichkeit der Herzen meiner Lieblingsmenschen. Das Mitleiden und Mitgehen. Der rasende Wechsel von Chaos und Leere.

Ich bin am Üben.

Was ich gemerkt habe, was mir gut tut und mich zur Ruhe kommen lässt:

  • Das Handy einen halben Tag lang auszuschalten. Oder wenigstens eine Stunde.
  • Mit einem Menschen zu sprechen, der versteht, dass Müdigkeit nicht nur durch mehr Schlaf auszugleichen ist.
  • Bücher (wie „Nimm sein Bild in dein Herz“ von Henri Nouwen), die keinen Anspruch auslösen.
  • Predigten, die ins Herz treffen, weil sie zur rechten Zeit gehört werden (wie „Gotteserfahrung durch Warten und Stillesein“ von Lilo Keller, Youtube).
  • Aufräumen und sortieren.
  • Sprachnachrichten von wunderbaren Menschen abhören oder selber welche aufnehmen.

Eigentlich geht es ja ums „Nach-Hause-kommen“, ums immer wieder umkehren zu diesem geduldigen, barmherzigen Vaterherz, das schon auf uns wartet. Das klingt wunderbar, aber in der Gegenwart des Vaters ergibt es sich oft, dass Dinge hochkommen, die ich gar nicht unbedingt wissen will. Mit anderen Worten: Die Nähe Gottes bewirkt immer auch eine Nähe zu mir selber. Und wenn ich mir eine Zeitlang fern von mir war, flüchte ich mich oft lieber in Likes und Kommentare, als zur Ruhe kommen zu wollen. Weil nämlich diese Ruhe erstmal aufwühlen könnte und ich das nicht immer riskieren mag.

Heute mag ich es riskieren. Wenn ich mit dem Blogbeitrag fertig bin, werde ich mein Tagebuch zur Hand nehmen. Es gibt kein anderes Mittel, das mich schneller und ehrlicher zum Ziel führt: zu meinem eigenen Herzen.

Ich wünsche euch einen wunderbaren Wochenstart!

8 Gedanken zu „Zur Ruhe kommen

  1. „Das Handy einen halben Tag lang auszuschalten. Oder wenigstens eine Stunde.“ — mir hilft da schon, dass es immer lautlos geschaltet ist. Die ständige Geräuschkulisse macht mich verrückt und zersplittert meine Aufmerksamkeit. (was heißt schon ständig … aber es lenkt halt immer ab.) Oft liegt es auch in der Küche, während ich im Wohnzimmer bin.

    „weder Nachrichten noch Statusmeldungen.“ Ach, so gehts mir auch oft. Manchmal denk ich, ich hab das analoge Lesen ganz verlernt. Und Schreiben erst recht. Neulich habe ich nach einer Seite Handschrift einen Krampf in der Schulter!!! gehabt. Das hat sicher eine Viertelstunde mit dem Igelball am breiten Türrahmen gebraucht, bis da wieder alles locker war. Und meine Schrift sah aus wie ein Bündel Brombeerranken.

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    1. Liebe Julia, ja, stummschalten hilft auch, und auch der Flugmodus. Ich merke aber immer wieder, wie ich selber das Problem bin und immer wieder Ablenkung/Anregung suche… danke für deine Worte, es ist irgendwie hilfreich zu wissen, dass man nicht alleine ist. Der Vergleich mit den Brombeerranken ist sehr poetisch. Herzliche Grüsse!

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      1. ach, ich glaub, wir sind mit keinem Problem alleine, das ist nur die Taktik von Mister S, um uns glauben zu lassen, dass uns keiner helfen kann oder dass wir absolut unwürdig sind zu allem (Dingen wie Freundschaft, Miteinander und so).
        Solange wir das glauben und alleine im verschlossenen Kämmerlein an unseren Problemen kauen, gehen wir schließlich nicht raus und haben trotzdem Freundschaften, Miteinander „und so“.
        Das Trotzdem ist der Sieg.
        Und festzustellen, dass wir nicht alleine sind mit den Problemen ist das Mokkaböhnchen auf dem Siegtörtchen.

        😀 hoffentlich habe ich dir damit ein paar praxistaugliche poetische Beispiele geliefert, Frau Kuchenbäckerin

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  2. Danke Sonja,

    Du gibtst mir Antworten auf meine Fragen.
    Teste mich mal durch was am besten zu mir passt. Flugmodus ist was feines und den Status anderer Leute mal lassen… Zeit für mich und meinen himmlischen Vater.

    Danke.

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  3. In deinen Texten finde ich mich immer wieder… Nicht nur darin, dass es auch bei uns einen Wechsel in die Oberstufe gab. Ja, zur Ruhe kommen, das ist eine Herausforderung im Alltag, der so viel abverlangt und bei all dem, was so laut „hier, hier“ schreit. Und du hast Recht, es ist auch ein Risiko zur Ruhe zu kommen. Und doch lohnt es sich schlussendlich. Ich wünsche eine gute neue Woche!
    Sula

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