Segenslinien

Es scheint die Sonne! Nach vielen Regentagen, die der Natur sehr guttun, geniesse ich diese helle Wärme ausgiebig. Es ist Schreib-Morgen: das Manuskript wird, nachdem es lektoriert wurde, nochmals und zum letzten Mal überarbeitet, und endlich finde ich auch Zeit, um hier einen Eintrag zu schreiben.

Eure Kommentare für die Verlosung haben mich sehr gefreut! Es war sehr spannend zu sehen, wer da alles mitliest – ich danke euch!! Und um euch nicht auf die Folter zu spannen, hier gleich die Namen der Gewinnerinnen:

Das Buch „Nach Hause kommen“ mit dem JOYCE-Jahres-Abo hat gewonnen: Damaris (Imschuder2)

Das Jahres-Abo für „andersLEBEN“ hat gewonnen: Dina Linke

Ganz herzliche Gratulation! Meldet euch doch bei mir mit eurer Anschrift und euren Kontaktdaten.

* * *

Ich weiss nicht, wie es euch gerade geht, aber hier in der Schweiz herrscht das grosse Warten. Das Warten auf Bundesrats-Entscheide, wie es ab nächster Woche weitergeht mit den Pandemie-Massnahmen. Das Warten darauf, dass endlich alle geimpft werden können, die das wollen. Das Warten darauf, dass dieser Alptraum doch endlich ein Ende finden möge und wir alle wieder so leben können, wie wir es gewohnt waren. Das dies nicht so schnell passieren wird, ist wohl auch den skeptischsten aller Skeptischen klar geworden. Das Warten darauf, dass das Warten ein Ende hat.

Zur Zeit gibt es auch viele Themen, die unsere Familie umtreiben. Neue Einflussbereiche, die sich sichtbar auswirken. Diagnosen und Therapien, die beschäftigen, aber auch Klarheit bringen. Wachstumsschübe Richtung Pubertät. Sehr unterschiedlich motivierte Kinder. Wir sind am Beten, am Bangen und uns am Freuen – meistens alles mehrmals am gleichen Tag.

Auch wenn in unserer Familie gerade einiges unklar ist – und auch wenn bei mir der heute Nachmittag anstehende Bundesrats-Entscheid über das nächste „wie weiter“ gerade so einiges ins Rollen oder zum Stillstand bringt: Heute will ich mich davon nicht begrenzen lassen. Heute will ich dem Guten und dem Segen Raum geben. Das kann ich auch, weil meine Existenz und Lebensgrundlage im Gegensatz zu vielen anderen nicht gefährdet sind. Und das ist bereits der erste grosse Segen, für den ich heute dankbar sein kann.

Vor längerer Zeit habe ich in einer Gruppe einmal darüber nachgedacht, welche Art von Segen ich „geerbt“ habe – einfach gratis mitbekommen, weil ich meiner Familie aufgewachsen bin. Wofür ich dankbar bin – mitten in allen Umständen, Massnahmen und Umwälzungen. Und ich will heute bewusst ausklammern, was schwierig und mühsam ist (ja, das gibt es in unserer Familie durchaus ebenso). Nun aber los zum Segen, den ich hier und jetzt sehe, und der mich dankbar macht:

Gastfreundschaft und Grosszügigkeit

Meine Eltern hatten immer schon viele Menschen zu Besuch. Ich glaube, es gab wenige Wochenenden, an denen wir niemand anderen sahen. Ob für kurz oder für länger, immer gab es einen voll gedeckten Tisch, und es hatte immer viel zuviel viel mehr als genug zum Essen. Meine Eltern beschränkten ihre Gastfreundschaft nicht auf ihre Freunde, sondern luden regelmässig auch „besondere“ Menschen ein, wie der etwas skurrile, aber herausragend begabte Organist unserer Kirchgemeinde. Sie hatten regelmässige Telefongespräche mit Menschen, die einsam waren, auch jetzt noch. Jeder fand Platz am grossen Tisch, den mein Vater selber schreinerte (inklusive Stühle). Auch für mich ist die grösste Freude, wenn unser Garten voller Menschen ist, die mir etwas bedeuten. Wenn viele Menschen am voll gedeckten Tisch sitzen. Ich liebe es!

Herzlichkeit

Corona ist schlimm für unsere Familie, denn wenn wir uns sehen, umarmen wir uns so richtig! Wir sind laut, wir lachen viel, wir mögen einander und zeigen uns das auch mit Worten und Taten. Immer! Wir sind sozusagen eine „handfeste“ Familie.

Musik

Wir haben nicht das absolute Musikgehör, und doch spielt hier jeder mindestens ein Instrument, oder kann singen (meine Schwester), dass es anderen den Atem raubt. Alle lieben wir die Musik. Es gibt ein inoffizielles festes Ensemble, das sich trifft, wenn wichtige Familienfeste anstehen. Und es gibt sogar solche Talente, die ohne hinzuschreiben ganze Lieder transponieren und gleich spielen können. Sie wechseln ohne mit der Wimper oder Ukulele oder Gitarre zu zucken den Takt und die Tonart, und es klingt immer wunderbar.

Dinge selber machen

Ob Renovation, Brot, Möbel oder ein riesiger Garten: Meine Eltern fanden immer Zeit, die wirklich wichtigen Dinge des Lebens selbst zu machen. So wuchs ich auf mit eigenem Gartenbeet, mit Backschürze und mit Nachmittagen, an denen wir Unmengen von Holz hacken und mit einem winzigen kleinen Kran im riesigen Estrich verstauen mussten. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter sind sehr kreativ, was in ihren vielen Projekten zum Ausdruck kommt: bei meinem Vater vor allem beim Schnitzen und Schreinern, jetzt beim Brotbacken; bei meiner Mutter beim Malen und Stricken.

Exzellenz

Wie alle genannten Dinge ist auch Exzellenz nicht bei allen gleichermassen sichtbar, aber es gibt eine klare Tendenz dazu, Dinge nicht nur selbst zu machen, sondern sie auch in Perfektion herzustellen. Es ist nicht nur mein Vater, der Brotrezepte auf das halbe Gramm genau aufschreibt (und dann auch so bäckt) und Hunderte Male ausprobiert, bis das Brot perfekt schmeckt uns aussieht, es sind auch noch zwei Brüder mit der gleichen Begabung und Leidenschaft. Der eine hat sich gerade einen Brot-Backofen in den Garten liefern lassen. Meinem Vater reicht ein eigens zum Brotbacken gebautes „Back-Häuschen“ im Garten.

Als bequemer Mensch habe ich nur bei wenigem den Anspruch, dass es „perfekt“ ist, habe aber zu meinem eigenen Erstaunen festgestellt, dass es auch das Backen ist, die diese vorher ungekannte Seite in mir zum Vorschein bringt. Nicht beim Brot, da habe ich die „Hauptsache-Brot-ist-da“-Attitüde. Aber beim Feingebäck 🙂

Menschen auf dem Herzen haben

Wir sind eine Lehrerfamilie: Mein Vater war Lehrer, meine Mutter hat die Ausbildung zur Katechetin gemacht und gab jahrelang Deutschstunden für ausländische Kinder. Dann gibt es noch Lehrer und Lehrerinnen, Lehrlingsausbilder, ein Dozent. Ich bin Erwachsenenbildnerin. Wir haben das Bedürfnis, Dinge weiterzugeben, zu helfen und zu unterstützen. Wir sind eingebunden in Beziehungen und es ist unser Herz, andere Menschen wachsen und aufblühen zu sehen, wie auch immer das praktisch aussieht.

Dankbarkeit

Ich bin mit bereits abgelaufenen Joghurts aufgewachsen, da diese nur den halben Preis gekostet haben. Neue, noch ungetragene Kleider waren eher selten. Schicke Schuhe fast undenkbar; solide mussten sie sein (dafür war mein Grossvater persönlich besorgt). Wir konnten uns als grosse Familie mit einem Einkommen keinen grossen Luxus leisten. Ich kann mich nicht erinnern, ob mich das gross gestört hat; geprägt hat es mich auf jeden Fall. Ich sehe und geniesse jeden kleinen „Luxus“, den ich habe: eine schöne Tasse mit dampfendem Tee, ein Goldrändchen hier, ein frisches Brot da.

* * *

In unseren Kinder sehe ich einiges von diesem Segen, und zusätzlich kommt noch die Segenslinie meines Mannes dazu. Von ihm sehe ich viel in unseren Kindern, und das meiste freut mich. Was für ein grosses Geschenk, dass wir Segens-Empfängerinnen sein und den empfangenen Segen auch weitergeben dürfen. Und einander segnen dürfen! In unserer Kirchgemeinde gibt es Familien mit mehreren Generationen, und auch da staune ich oft, wie grosszügig Gott ihnen spezifische Gaben geschenkt hat.

Das Unvollkommene darf heute warten. Heute ist es Zeit, um dankbar das zu sehen, was uns geschenkt wurde. Die Segenslinien in unserer Familie, in uns selber, in anderen Menschen. Ich wünsche dir und mir, dass wir heute und morgen diesen Segen sehen und uns an ihm freuen können!

Eglisau: wo ich aufgewachsen bin

…in diesem Haus, frisch renoviert (v.a. von meinem Grossvater und meinem Onkel)

Unser Haus von den Rebbergen aus (das mit den zwei grossen und dem Mini-Balkon)

…aus kleinem Balkon wird ein grosser…

Garten-Kreativwerkstatt (der grüne Daumen wurde leider nicht weitervererbt bei mir)

Verlosung, handverlesen
Ich hoffe, meine Tochter bringt mir bald das Häkeln von Girlanden bei.

5 Gedanken zu „Segenslinien

  1. Liebe Sonja! Was für ein wunderbares Erbe!!!! Es macht Freude darüber zu lesen und ich komme ins Nachdenken über mein Erbe und bin ganz dankbar… mitten im Lockdown :-). UNd dein Heimatort ist ja wunderschön! Und dieses schöne Haus!!!! Hach. Danke für diesen wertvollen Einblick in dein/euer Leben. Schick dir liebste Grüße und eine dicke Umarmung!!!!

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    1. Danke, liebe Christina, für diese Rückmeldung! Ich fühle mich selber ganz reich und dankbar, wenn ich das lese. Danke für deine winkende Wolke – sie hat mir gerade heute viel bedeutet. Eine dicke Umarmung zurück!! Herzlichst Sonja

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  2. Liebe sonja
    Wow ich habe echt das buch mit joyce-abo gewonnen 😀 so eine freude.

    Das abo schenke ich gerne meiner freundin, da ich dieses tolle heft schon aboniert habe. Auf das buch bin ich sehr gespannt. Ich liebe gute bücher.

    Von herzen danke und segensgrüsse zu dir, damaris

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  3. Und danke für diesen wunderbaren blogeintrag. Was für ein segen, dass wir uns aus gnade mit unseren segenslinien beschäftigen dürfen und aus gottes gnade und segen leben dürfen – in all unserem gelingen und scheitern.

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