Von Menschen, die nie aufräumen müssen

Ich liebe es, aufzuräumen. Nicht, wenn ich gestresst bin, aber wenn ich Zeit habe. Dann ist nichts vor mir sicher! Ich weible durchs Haus, und alles, was mir in die Finger und in den Blick kommt, muss eine Gewissensprüfung über sich ergehen lassen: Macht es mich glücklich? Kann es weg? Ist es hier richtig? Als ich gerade wieder einmal in einem solchen Schwung war, meinte mein Mann: „Schön. Aber ich muss nie aufräumen. Bei mir ist alles da, wo es hinsoll.“ Ich dachte, ich hätte mich verschluckt und verhört, aber dann überlegte ich: Er ist so genau und durchdacht und braucht darum für vieles länger als ich… Wie oft habe ich mich über ihn geärgert, weil er, anstatt ins Auto zu rennen, wo die gesamte Familie auf ihn wartete, noch die leeren Flaschen entsorgt hat… Tja, sehr oft! Und tatsächlich: Ich sehe ihn nie aufräumen. Er nimmt sich die Zeit, Dinge wieder an ihren Ort zu legen. Beneidenswert.

Ich gehöre eher zum Typ Mensch, der zwar sehr ordentlich ist und strukturiert denkt, aber im Gemütszustand der Eile – und der ereilt mich oft – alles in die nächste Ecke schmeisst mit dem Gedanken: „Das mach ich dann nachher – jetzt eilt es!“ Unsere Kinder haben da leider meine Gene. Und so finde ich mich des öfteren am Aufräumen. Ja, ich liebe es. Aber nicht aufräumen zu müssen, ist doch noch verlockender. Sich die Zeit zu nehmen, Dinge wieder an ihren Ort zu verstauen – irgendwie attraktiv, der Gedanke.

Und so übe ich mich jetzt darin, Dinge wieder dahin zu verstauen, wo sie ihr Plätzchen haben. Mir die Zeit dazu zu nehmen und nicht zu denken, das mach ich nachher. Irgendwie ein Akt der Liebe mir selber gegenüber. Und ich stelle fest, dass die Ruhe, mit der ich Dinge nun vermehrt tue, mich selber ruhiger macht.

Ruhe – zur Zeit haben Franco und ich mehr Ruhe, als wir uns gewohnt sind. Unsere vier Kinder sind alle zusammen für eine ganze Woche weg. Das erste Mal seit geschlagenen dreizehn Jahren! Am Abend ihrer Abreise sind wir wie zwei Teenies, sie sich von einem Erwachsenen-Fest davonschleichen und sich in ungekannter Freiheit wähnen, zum Flughafen Zürich und wieder retour gelaufen, ungefähr 15km. Die schiere Gier hat uns so weit laufen lassen, denn da gab’s Sushi, Käse, Oliven und Fleisch. Wir haben eine Flasche Wein geöffnet und ein Festessen vor dem Fernseher kredenzt. Zum Sitzen waren wir nach dem 2.5-stündigen Marsch zu müde.

Wir geniessen es. Diese Woche ist es so ruhig, ordentlich und sauber wie sonst nie. Wir essen, worauf wir gerade Lust haben. Sich zu fragen, worauf man Lust hat, ist schon ein grosser Luxus. Ich lese einen Roman. Er gefällt mir zwar nicht besonders, aber er gibt mir das Gefühl von Ferien. Und wir arbeiten auch. Vieles ist wie sonst – einfach anders. Ruhig.

*

In unserem Kübelgärtchen auf der Terrasse machte ich vor ein paar Tagen eine Entdeckung. Der Thymian, schon mit einer Hand entsorgt, hat wider Erwarten den harten Winter überlebt und treibt neu aus. Mir kommt Psalm 1 in den Sinn:

2 …wer Freude hat am Gesetz des HERRN und darüber nachdenkt – Tag und Nacht. 3 Er ist wie ein Baum, der nah am Wasser gepflanzt ist, der Frucht trägt Jahr für Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Eigentlich wollte ich ihn fotografieren, als das Grün noch kaum zu sehen war – aber er wuchs zu schnell.

Nun, ich denke nicht „Tag und Nacht“ über die Gesetze des Herrn nach. Aber ich habe gelernt, ihm in vielem zu vertrauen. Gott ist mir wichtig, und mein Herz gehört ihm. Ich glaube, das zählt auch.

*

Wie vieles wollte ich in dieser Woche erledigen! Eine riesige Liste hatte ich – bis ich gemerkt habe: Ich habe null Bock auf „to do“. Das, was ich tun muss, tue ich – die restliche Zeit nehme ich es, wie es kommt. Und morgen Freitag machen wir zu zweit etwas – was auch immer.

Ob ich Ruhe und Zeit habe – wie in dieser Woche, ein unwahrscheinlich grosses Geschenk! – oder mich beeile und Dinge rasch in eine Ecke schmeisse, ob ich mich fragen kann, was ich gerade essen möchte oder ein Schnell-Menü auf den Tisch bringe. Ob ich es schaffe zu beten, oder nicht; ob ich strukturiert bin und mein Mail-Posteingang übersichtlich ist oder nicht, ob ich im Frieden bin oder nicht – Gott ist da, und mein Herz gehört ihm. Mehr braucht es nicht. Frucht kommt zu ihrer Zeit. Selbst nach einem harten Winter, der den Kälterekord innehat. Ich kann sie nicht selber hervorbringen und wachsen lassen, ich kann nur giessen. Und selbst das schaffe ich nur mangelhaft. Ich muss es nicht „tun“. Nur mein Herz immer wieder dem gnädigen Gott zuwenden. Immer wieder. Immer wieder mal. Den Rest erledigt er.

Ein Gedanke zu „Von Menschen, die nie aufräumen müssen

  1. Ich hab auch eine gute Ordnung in meiner Wohnung, alle Dinge haben ihren Platz.
    Leider bin ich oft abgelenkt und unkonzentriert, sodass ich vieles auch mal irgendwo ablege, um es später… weil mich gerade …, und noch dazu bin ich oftmals vergesslich oder einfach sehr gründlich abgelenkt.
    Aber dann frag ich Jesus. Der weiß ja alles. Der hilft mir dann, Sachen wiederzufinden und gibt mir gute Tipps.
    Ohne den hätte ich mich bestimmt schon selbst verloren.

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