Lernen

Ein weiteres Schuljahr geht zu Ende. Im Gegensatz zu anderen Jahren halten sich die vielen Anlässe in engen Grenzen. Das bewirkt, dass ich mich entspannter fühle als sonst und beginne, mich auf die bevorstehenden Ferien zu freuen. Immer mit der Möglichkeit rechnend, dass es mit Schweden auch dieses Jahr urplötzlich nichts werden könnte. Aber fix ist, dass wir eine wunderbare Familie in Norddeutschland besuchen – yay!

Und mit dieser ungewissen Vorfreude sprinten wir durch die verbleibenden Tage vor den Sommerferien.

Ich lerne, dass ich meine Präsenz am Handy zwar kontrollieren kann – dass es aber durchaus unterschiedliche Zeiten gibt. Zeiten, in denen der Blick aufs Display häufiger ist, und Zeiten, in denen ich das Ding in Ruhe für ein paar Stunden weglegen kann. Es ist ein Thema, das wirkliche Aufmerksamkeit erfordert. Wenn ich mich nicht achte, stecke ich – zack! – wieder in alten Mustern. Aber: Ich merke es immer schneller und kann Gegensteuer geben.

Ich stelle auch wieder fest, dass unser hiesiges Schulsystem einen unschätzbaren, liebevollen Vorteil hat: zwei Jokertage pro Schulkind und Schuljahr. Ohne Begründung darf ein Kind einen Tag in der Schule fehlen, um auszuschlafen und etwas zu unternehmen, so mittendrin, mir nichts dir nichts. Dieses Jahr stellt sich uns kein Virus in den Weg, und ich packe die Gelegenheit beim Schopf. Für jedes Kind habe ich etwas anderes geplant.

Und so tauchte ich mit unserem Ältesten in ein Abenteuer, das „Animes und Mangas“ heisst. Eine Welt, in die einzutauchen ich als todesmutig empfand, denn sie sagt mir so überhaupt gar nichts! Aber anstatt von ferne über seine Interessen zu grollen, beschloss ich den Schritt vorwärts zu machen und herauszufinden, was ihm so sehr daran gefällt. Achtung Spoiler: habe ich nicht. Und trotzdem wars toll, an der Seite eines inzwischen so grossen und ach so coolen Sohnes unterwegs zu sein! Wir bestellten Sushi, die vor unseren Augen frisch hergestellt wurden. Ich lernte ganz viel über Zürich und über Teenager:

  • Es gibt Manga-Läden, die nicht nur mit Comics voll sind, sondern auch mit Spielfiguren und ganz vielen Dingen, deren Zweck ich nicht einordnen kann.
  • Es gibt Comic-Läden.
  • Bubble-Tea gibt’s in zwanzig hoch zwölf verschiedenen Kombinationen.
  • Bubble-Tea ist mir viel zu süss.
  • Das Röhrchen wird rasch weich.
  • Zürich hat viel zu bieten, sogar tollen Kaffee, auch wenn man dafür anstehen muss.
  • Teenager laufen nicht so gern, sie fahren lieber Tram.
  • Sie reden auch nicht so viel.
  • Aber man spürt, wenn sie sich freuen.

Den Tag beschlossen wir mit einem Besuch im WOW-Museum – das war wirklich WOW!

Mit dem zweiten Kind ging’s in den Kletterpark, und auch da übte ich mich darin, zu überwinden und Hindernisse mutig anzugehen. Zum Glück hatte ich ein tolles Vorbild! Furchtlos und abenteuerlustig. Zu Mittag assen wir in einem vegetarischen Restaurant in Winterthur, in dem das Kind seine heisse Liebe für Samosas entdeckte. Er ist der Mutigste von allen, was Essen betrifft. Probiert alles aus und liebt Spinat, Pilze und Gorgonzola über alles.

Mit Nummer drei ging’s ins Technorama, das technische Museum der Schweiz, in dem man einen ganzen Tag verbringen könnte. Wir entdeckten, dass das Museum einen neuen Aussenbereich hat, in dem man nass und vom Wind weggefegt werden kann. Und dass wir am Schluss etwas ganz Einfaches fast am tollsten fanden: die kleinen Magnet-Stäublein, die sich im Takt der Musik rhythmisch bewegen. Sie zaubern uns noch heute, Wochen später, ein Lächeln ins Gesicht.

Mit dem Mädel besuchte ich einen Tierpark, den ich selber noch nicht kannte. Er beherbergt Wildtiere, die man sieht, wenn man Glück hat, sowie Rehe und Ziegen, die einem aus der Hand fressen. Wir lernten, dass auch ein Zoo-Restaurant ausserordentlich schön sein kann (nicht nur zweckmässig) und dass wir eines gefunden hatten, das die besten Pommes frites und Fischknusperli serviert.

Am allermeisten lernte ich, dass es sich lohnt, Haushalt und To-Do-Liste mal für einen Tag hintanzustellen und sich auf ein einziges Kind einzulassen, auf seine Interessen und Vorlieben, vor allem aber auf die Gemeinschaft und den Austausch. Es war so entspannt, zum Mittagessen zu fragen: Worauf hast du Lust? Was möchtest du essen? Magst du ein Eis? Einfach miteinander Zeit zu verbringen, so entspannt… DANKE, Schweizer Schulsystem! Diese vier Tage waren echt der Knaller!

Auch gelernt habe ich, dass ich gerade zuviel arbeite. Ich dachte, hey, jetzt ist das Buch fertig, ich habe ja nichts zu tun… dann kann ich diesen Auftrag doch annehmen und diesen auch gleich… Es war ganz toll, so viel backen zu dürfen, aber immer wieder war ich auch total gestresst. Dabei… wollte ich mir doch Zeit nehmen, um darauf zu hören, welche Pläne Gott hat. Und merkte, dass ich ziemlich schlecht hinhören kann, wenn ich mich so oft ausschliesslich um Tortenfüllungen, Höhe, Stabilität, Transport und Dekoration sorge. Cupcakes backe ich dir mit verbundenen Augen, aber Torten haben noch immer einen Nervositäts-Faktor. Hält die Füllung? Gelingt der Transport? Entspricht sie den Vorstellungen?

Darum, so habe ich beschlossen, brauche ich einen neuen „inneren Fahrplan“; einen definierten Zeitraum, den ich fürs Backen investiere. Ich plante ein Rendez-Vous mit Gott. Was soll ich sagen: Es war schnell klar, wieviel Zeit ich fürs Backen investieren soll. Nur war ich total überrascht, wie Gott das platziert hat. Ihm geht es darum, wie es MIR geht mit meiner Zeiteinteilung und meinen Prioritäten. Nichts von: Na endlich merkst du es… ich warte schon lange auf dich… jetzt hör mal… Ich habe auf eine heraufgezogene Augenbraue gewartet und so viel Liebe erhalten, dass es mich weggepustet hat. Er sprach mit mir über Berufung, was er in mich hineingelegt hat und darüber, was ihm heilig und wertvoll ist. Und dabei wurde auch klar, dass Kreativität, Backen etc. ein Teil von mir sind und sein dürfen. Die Gemeinschaft mit Gott hat jedoch in mir etwas geklärt und geradegerückt.

Das grösste und wichtigste Lernfeld für mich ist daher: Gottes Liebe ist immer noch grösser und noch umfassender, als ich mir das vorstelle. Er will, dass ich aufblühe. In dem, was ich bin und was ich tue. Ich darf mich damit zufriedengeben, mich durch die Tage zu hangeln – er hat mehr für mich. Die Fülle im Vielen, die Fülle im Wenigen, die Fülle in der Ruhe und die Fülle in der Gemeinschaft. Die Fülle im Tun und diejenige im Sein. Das Gefühl, angekommen zu sein, wenn ich am staubsaugen bin oder am kochen. Beim Schreiben. Und auch beim Backen.

Ich bin ausgerüstet mit grossem Frieden, einem inneren Fahrplan bedingungsloser Annahme. Und ja, ich werde wieder straucheln. Fragwürdige Prioritäten setzen, gestresst sein, etwas orientierungslos – und dann mich wieder einfinden in dieser Gegenwart, die mich zur Ruhe bringt. Immer wieder. Ich hab’s nie abgehakt, aber ich darf immer wieder dahin zurück. Es gibt keine heraufgezogenen Augenbrauen und ungeduldiges Trommeln mit den Fingern. Die Art, wie Gott Umkehr bewirkt, ist Güte und Liebe.

Ich verabschiede mich in die Sommerferien – wir lesen uns wieder! Hab eine reich gesegnete Zeit!

6 Gedanken zu „Lernen

  1. „Die Fülle im Vielen, die Fülle im Wenigen“ – ich mag diese Struktur im Satz.

    ich dachte eben, dass Gott auch einen Jokertag mit seinem Kind wollte. Für ihn ist eine Sekunde wie ein Äon und umgekehrt, je nach Bedarf, so ein Jokertag kann also gefühlt länger sein als 24 Stunden.
    Im Übrigen ist der Jokertag tatsächlich eine großartige Erfindung. Deutsche Schulen … ach was, das würde sich hier niemand trauen. Einfach so, das geht doch nicht. Es muss doch alles seine Richtigkeit haben.
    Wie gesegnet du mit deinem kleinen Binnenstaat bist!

    Frohe Ferien!

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  2. Liebe Sonja

    Du bist so transparent und authentisch. Es begeistert mich über deine Leidenschaft zu lesen. Ich wünsche Dir einen erholsamen Sommer mit deiner wunderbaren Familie. Wir sehen uns mal wieder bei Gelegenheit.

    Unsere Umbaupläne sind bald fertig und vertrauen, diesen Herbst, ev. November unsere neue Wohnzimmer-Küche im OG und im EG ein Live-Room zu haben. Vorfreude herrscht🤗

    Seid alle reich gesegnet!

    Liebi Grüess Elisabeth

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  3. Liebe Sonja! Ich wünsche Dir auch von Herzen schöne SOmmerferien! Danke mal wieder für diesen ehrlichen Einblick in dein Leben. Ach, so ein Jokertag ist ja wirklich wunderbar!!! Wie schön, dass du ihn auf so tolle Weise mit den Kindern genutzt hast!
    Und wie gut kenne ich dieses RIngen um die Berufung, Platz zu haben für das Wichtigste und immer wieder auch den Dingen ihr Grenzen setzen. Mir wurde jetzt erst wieder klar, dass viele Aufgaben wie Samen sind die aufwachsen und mit der Zeit mehr Platz fordern. Und da braucht es wohl immer wieder das „gerade rücken“, wie du es schreibst… Ich schick dir herzliche Grüße und hoffe, dass ihr in diesem Jahr das wunderbare Schweden genießen könnt!!!!

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