Es ist Zeit!

Dankbar und und von schöner Landschaft, Ruhe, Gesprächen und feinem Essen gesättigt sind wir am Sonntag Abend aus dem jährlichen Ehe-Wochenende heimgekehrt. Dank meinen Eltern und lieben Freunden aus der Kirchgemeinde haben unsere Kinder beinahe bedauert, uns so schnell wiederzusehen. Franco und ich verbrachten drei ganze Tage in einer liebevoll eingerichteten kleinen Wohnung im Schwarzwald. Natürlich nicht nur da, sondern auch in Freiburg, Strasbourg und den Hügeln rundum. Alles war aus hellem Holz, mit Schwarz und Weiss und schönen Materialien eingerichtet. Ein Ort, an dem wir gleich zuhause waren. Es war faszinierend zu erleben, wie anders unsere Gespräche wurden, nachdem wir erstmal ausgeschlafen hatten und dann für uns alleine waren. Und zu merken, wie sehr das im Alltag fehlt… wo es so viel zu organisieren, zu besprechen, dran zu denken gibt.

Aussicht…
Wir lieben Cafés…

Die kleine Auszeit hat gut getan und den Blick vom nächsten zu organisierenden Termin in die Weite und Höhe gelenkt. Wir haben uns erzählt, was uns im Moment bewegt. Wie wir unsere Zukunft sehen. Wir haben zusammen überlegt, was wir in unserer Beziehung zu den Kindern verändern wollen. Was sie brauchen und was wir brauchen. Einen kleinen Entschluss gefasst. Unsere Herzen zusammengelegt und den gemeinsamen Nenner ins Visier genommen. Und dann Kaffee getrunken, Sushi gegessen, geshoppt… und Hosen gefunden, einen Pullover, Handschuhe, Kosmetikartikel. Es fühlte sich grossartig an!

Wieder zurück im Alltag rüste ich gedankenverloren Äpfel. Wochen-, ja monatelang lagen sie in Keller und Kühlschrank herum, und ich konnte mich nie dazu aufraffen, etwas mit ihnen zu kochen oder zu backen. Jünger und glatter wurden sie in dieser langen Zeit nicht. Aber heute ist der Tag, an dem sie allesamt verarbeitet werden: zu getrockneten Apfelringen und Apple Crumble. Die Arbeit geht leicht und mit Freude von der Hand.

Wer diesen Blog regelmässig liest (vielleicht sogar regelmässiger, als ich schreibe), weiss, dass ich es punkto Hauhalt und Sauberkeit am meisten mit den Böden, den Fenstern und der Ordnung habe. Der Rest hat geringere Priorität. Ein Badezimmerschrank kann wochenlang vor sich hin stauben, Medikamente im Arzneischrank dürfen gemütlich ablaufen, Schränke ein wildes Innenleben haben. Ich lasse es zu, denn ich weiss: Der Zeitpunkt kommt, an dem es mich „packt“ – dann räume ich auf und bin nicht mehr zu stoppen. Der Flow. Ich kann ihn nicht programmieren oder in die Agenda schreiben. Ich muss darauf warten, dass er von allein kommt, wenn ihm danach ist. Und er kommt immer – irgendwann. Der Energieschub. Und die Entschlossenheit, es zu Ende zu bringen. Mühelos.

Genau so erging es mir neulich in einem ganz anderen Bereich: in meinem Herzen. Mit einem alten, tiefen Schmerz. Einem, den ich jahrelang mit mir herumgetragen habe, und der Minderwert und Scham ausgelöst hatte, immer wieder. Der Schmerz über verpasste Gelegenheiten, besser gesagt, eine bestimmte verpasste Gelegenheit: eine Ausbildung, die wie selbstverständlich als der nächste Schritt angesehen wurde – und die ich mir durch junge und dumme Entscheidungen vergeigt habe.

Ja, ich hatte früher ein etwas anderes Leben als heute. Habe alles ausprobiert, was mir abenteuerlich genug erschien, aber nicht aus Abenteuerlust, sondern aus einer tiefen Selbstunsicherheit heraus. Hach, was da alles war. Ob ich das jemals meinen Kindern erzähle? Dieses alte Leben ist Vergangenheit, die Wunden sind verheilt, wenig erinnert noch daran. Aber diese eine Lücke in meiner schulischen Laufbahn, die ist geblieben und hat jahrelang vor sich hingemodert. Und auch wenn die Lücke mit anderen Dingen gefüllt wurde – und es ist ein reichhaltiger Schatz – so hinterliess sie doch eine Wunde in meinem Herzen, die immer wieder aufgerissen wurde.

Vor kurzer Zeit wurde ich gleich mehrmals mit diesem einen Schmerz konfrontiert. Dreimal, um genau zu sein. Es tat weh. Es fühlte sich wie eine Ohrfeige an, und ich duckte mich. Und mitten in diesem Schmerz kam mir gleichzeitig ein Gedanke: Ist es heute Zeit, diesen Schmerz loszulassen?

Wie ich Gott bisher kennengelernt habe, zeigt er mir nicht schmerzhafte Dinge, um sie nachher ruhen zu lassen. Meine Erfahrung ist, dass wenn etwas aufkommt, Gott es heilen will. Und zwar ganz.

Darum blieb die Frage: Könnte heute der Tag sein, um diesen Schmerz ein für allemal loszulassen? Aber, druckste es gleich in mir herum, bin ich denn hier nicht die Arme? Das Opfer, wie meine Kinder sagen würden? Und jetzt soll ich auch noch loslassen? Aber wie ein ungebetener Gast, der nicht wieder gehen will und ruhig und standhaft bekundet, dass er gekommen ist, um zu bleiben, kam mit der Rumdruckserei die plötzliche, klare und unverrückbare Erkenntnis: Ja, heute ist der Tag! Die Zeit ist gekommen. Jetzt ist es so weit. Ich lasse diesen Minderwert, diesen Schmerz, diesen Mangel los. Ein intensives, kurzes Gebet, verbunden mit einer Entscheidung. Nur Gott und ich.

Ich glaube, ich habe schon mehr als einmal dafür gebetet. Aber an diesem Tag war es so weit. Wenn ich Gott auch nur ein kleines bisschen hören kann, das wurde mir klar: Heute wollte er mich frei machen von diesem Schmerz. Auch er hatte genug von diesem Gejammer, vom Minderwert und der Selbstanklage. An anderen Tagen hatte er mir geholfen, damit umzugehen und ihn auszuhalten. Hatte getröstet, mitgefühlt, meine Hand gehalten. Aber heute war der Tag gekommen für den Schmerz, sich vom Acker zu machen. Befand Gott, wie mir schien. Es ging mühelos von der Hand.

All die Jahre, in denen mich der Schmerz immer wieder gesteuert hatte – wer weiss, vielleicht hatte ich sie gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen, an dem ich sowas von GENUG von ihm hatte? Ich weiss es nicht. Aber ich weiss, dass dieser Gott einfach unglaublich ist. Im Schmerz und in der Heilung. Im Aushalten – und loslassen. Irgendwie finde ich grad keine weiteren Worte dafür.

Eine Parallele kommt mir in den Sinn. Josef, der im Gefängnis sass, vergessen. Noch dazu unschuldig verurteilt! Menschlich gesehen konnte er sich auf ein langsames Dahinsiechen im Knast vorbereiten. Hoffnung gab es nicht. Doch an diesem einen Tag, da erinnerte sich der Mundschenk an ihn. Und Josef wurde nicht nur befreit, sondern zum höchsten Mann Ägyptens befördert. In einem Augenblick wendete sich das Schicksal von Josef. Ein Lichtschimmer, der alles veränderte. Kraftvoll, unaufhaltsam. Ich kann mir vorstellen, der Gefängnisaufenthalt war praktisch vergessen.

Gott hat meinen Schmerz gesehen. Über lange Jahre hinweg. Aber dann kam die Zeit zum Loslassen. Und es war mir, als hätte Gott innerhalb dieses fünf Minuten anhaltenden Gebets alles geheilt. So einfach und so schlicht.

Heute sage ich diesem Gott DANKE.

4 Gedanken zu „Es ist Zeit!

  1. Oh wie schön! Euer gemeinsames Wochenende und die verschwundene Wunde. Wow. Das ist so ermutigend! Und ich habe das auch schon ähnlich erlebt. Es ist als würde Gott sagen: So, jetzt reicht`s. Die Zeit ist reif – und dann kommt ein Kairos-Moment und er nimmt das weg. Einfach weil er es kann:-). Und zur Lücke im Lebenslauf fällt mir eins meiner Lieblingsstellen aus einem Lied von Leonard Cohen ein: There`s a crack in everything – that`s how the light gets in:-). vielleicht umgibt dich deshalb so ein Strahlen…
    Ganz liebe Grüße (und ich hab gestern auch endlich die schrumpligen Äpfel aus dem Keller verarbeitet- ein Wintervorrat an Apfelmus!!!)

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  2. „Wer diesen Blog regelmässig liest (vielleicht sogar regelmässiger, als ich schreibe)“
    Total süß. Mein erstes lächeln 🙃

    Ich wundere mich, dass du Äpfel „rüstest“. Das Wort hätte ich nie so verwendet.

    Und fein, dass du wieder ein bisschen mehr heil geworden bist!!

    Gefällt 1 Person

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