Braches Land und gute Gewohnheiten

Dieses Jahr hat es in sich. Mal ganz abgesehen vom Weltgeschehen. Darauf gehe ich in meinen Blogposts wenig ein. Genug wird darüber geschrieben, geäussert, zu Bedenken gegeben. Trotzdem heute mal ein wenig davon. Mit uns allen macht die Pandemie etwas anderes. Was uns alle vereint, ist wohl die Frage, wie wir durch diese Zeit gehen können, ohne dass unser Herz verhärtet wird. Die einen fühlen sich beschuldigt und unter Druck gesetzt, die anderen allein gelassen, ausgenutzt. Die Situation erinnert mich an die Stelle in Richter 17,6 – der Zustand des Volkes Israels war desolat: „Zu jener Zeit gab es keinen König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“. So schnell vergessen wir unseren König und tun, was uns recht dünkt. Zu tun, was einen „recht dünkt“, ist ja nicht per se falsch. Aber mit dem Bewusstsein des Königs kann ich das, was ich tue, in seinem Licht sehen. Ich entscheide mit ihm, wie ich mich verhalte. Und auch wenn wir zu unterschiedlichen Schlüssen kommen, so ist die Gegenwart des Königs doch der alles verändernde Faktor. Denn diese Gegenwart zieht mir die Brille der Liebe über. Nicht eine Liebe, die alles zudeckt und durchwinkt. Aber eine, die im Frieden gegründet ist und weiss, dass sie selber nicht alle Erkenntnis hat. Die nicht von vornherein davon ausgeht, dass der oder die Andersdenkende einfach nur dämlich ist, sondern ihre oder seine Gründe hat – wie ich ja auch. Ganz ehrlich, zur Zeit fällt mir das alles andere als leicht. Viel leichter fällt es mir, zu verurteilen und diejenigen zu kritisieren, die einen anderen Weg gewählt haben als ich selber. Aber ich merke, wie mein Herz hart wird. Verärgert. Stinkig! Und hier und jetzt beschliesse ich, dass ich das nicht will. Dass ich die Freiheit, die ich für mich in Anspruch nehme, auch anderen zugestehen will. Und das bedeutet nicht, nicht zusammen ins Gespräch zu kommen. Sondern mit einer fragenden, offenen Haltung ins Gespräch zu kommen.

Dr. Caroline Leaf sagt, dass jede Entscheidung, die wir treffen, entweder aus der Angst oder aus der Liebe entstammt. Jede! einzelne Entscheidung. Und wenn ich mich aus freien Stücken, aus Liebe, für das eine entscheide – so kann ich das andere hinterfragen, sogar nicht gut finden – aber es wird mein Herz nicht zerstören. Und unser Herz ist der Ort, wo das wahre Leben entspringt: „Mehr als alles andere behüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus“ (Spr 4,23).

Nein, mit Bibelsprüchen ist es nicht getan. Es muss zu meiner eigenen Substanz werden, dieses Herz-bewahren. Ich will das Gespräch suchen. Fragen. Mich äussern. Und zuhören.

Out of topic: Falun, das schwedische Kupferbergwerk. Es stürzte an Mittsommer ein – dem einzigen Tag im Jahr, an dem niemand am Arbeiten war.

Wie gesagt, auch ausserhalb dieses Themas finde ich das Jahr für mich persönlich herausfordernd. Immer noch frage ich mich, wann etwas Neues kommt, und ich gähne schon selber, wenn ich mir diese Frage stelle. Nach der Fertigstellung meines Buches dachte ich, jetzt ruhen wir uns mal drei bis vier Wochen aus und schauen, was dann kommt. Es ist Dezember, und es ist nichts „gekommen“. Ich bin hier. Ich schreibe ein bisschen, ich backe ein bisschen. Ich lehre ein bisschen, ich organisiere ein bisschen, ich haushalte ein bisschen, ich feiere ein bisschen. Gedanken wie „jetzt sollte ich dann aber wirklich mal etwas Neues starten“ oder „ist’s das jetzt?!“ klopfen schon fast täglich an meine Herzenstür und lassen sich immer weniger schnell wegscheuchen. Es ist ihnen wohl – im Niemandsland meines Herzens, in der Brachebene meines Daseins.

Nicht, dass so gar nichts passiert. Kreative kleine und grosse Projekte türmen sich in meinen Gedanken und auf meinem Arbeitstisch. Haushaltsprojekte. Neue Räume erkunden im Gebet.

Aber irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt, das mit dem Leerraum. Ich dachte, der füllt sich mit der einen Sache, dem einen Herzensprojekt. Stattdessen: Stille. Brachland. So wie das stillgelegte Kupferbergwerk von Falun.

Aushalten. – Eine liebe Freundin änderte meinen Ausdruck „zum Warten verknurrt“ um in „zum Warten gesegnet“.

Geniessen?

Und vertrauen, dass Gott spricht, wenn es an der Zeit ist.

Warten liegt mir nicht extrem. Ich liebe es, Dinge zu tun. Das kann ich jetzt aber nicht, und in leeren Aktionismus verfallen will ich gerade auch nicht. Das würde mir leichtfallen, gute Güte!

Ich habe keinen Plan für diese Zeit. Es ist ein langsames Vorwärtstasten. Und es gibt trotzdem ein paar Dinge, die hilfreich sind. Aktuell: Bibel lesen, Geige spielen und Bewegung.

Ich habe ein ziemlich gespaltenes Verhältnis zu Disziplin. Mein Herz mag es nicht, verpflichtet zu werden. Es will frei sein. Genügend Erfahrungen habe ich mit übermässiger Disziplin und Kontrolle, sowohl in meinem eigenen Leben als auch in frommen Bubbles. Und trotzdem merke ich auch immer wieder, wie es mich orientierungslos macht, ganz ohne eine gewisse Disziplin zu leben. Ob es ums Essen geht, um die berüchtigten sozialen Medien – irgendwie scheint unsere Seele eben doch einen gewissen Halt zu brauchen. Daher entscheide ich mich, die Dinge, die mir gut tun und die mich trotzdem immer wieder Überwindung kosten, „gute Gewohnheiten“ zu nennen. Zu guten Gewohnheiten habe ich kein gespaltenes Verhältnis, sondern ein freundschaftliches. Sie sind mir wohlgesonnen. Sie erinnern mich an ihre Präsenz, aber ohne erhobenen Zeigefinger. Sie machen mir bewusst, dass es nicht um das Einhalten geht, sondern um meine Befindlichkeit.

Meine guten Gewohnheiten tun mir zur Zeit gut. Ich sehe nicht das grosse Ganze, sondern das Kleine. Ich bin dazu gesegnet, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen. Und dem kleinen Funken in mir Beachtung zu schenken.

2 Gedanken zu „Braches Land und gute Gewohnheiten

  1. Liebe Sonja,
    ‚das Herz bewahren‘ – das empfinde ich gerade auch als das Wichtigste. Und passend zu deinen Worten kam mir letztens der Gedanke ‚Das Herz braucht Halt um frei zu sein.‘
    Gute Gewohnheiten und die Gegenwart des Königs sind hervorragende ‚Herzenshalter‘!!
    Liebste Grüße von meinem Küchentisch ❤

    Gefällt 1 Person

  2. „zum Warten gesegnet“, wie schön gesagt! Und vertrauen dass Gott spricht. Ich warte nicht mehr ungeduldig, sondern eher resigniert, dass sich beruflich bei mir etwas ändert (habe schon einige Zeit investiert mit Umschulungen und Bewerbungen schreiben). Aber vielleicht tue ich besser daran, mir Caroline Leaf zu Herzen zu nehmen und das Warten nicht wie Unkraut meine Gedanken besetzen lassen sondern Raum lassen für die kleinen Pflänzchen die am Spriessen sind. Denn wie eigentlich unser Trauspruch sagt: „ich habe keine Gedanken des Leides über dir sondern des Friedens, dass ich dir gebe Zukunft und Hoffnung (Jeremia 29,11) spricht ja schon Gottes Wahrheit über meiner Situation aus, und über deiner auch!
    Steffi Müller (Uster CH)

    Gefällt 1 Person

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