Ostern kommt.

Vor kurzem ist es wieder einmal passiert: Nach einem Tag voller schwieriger Momente, Unpässlichkeiten und Emotionen habe ich, ganz im Sinne der Fastenzeit, Süsses in mich hineingestopft, bis mein Magen voll und mein Herz leer war. Die Scham darüber, dass ich mich nicht beherrschen konnte und es in diesem Augenblick auch nicht wollte, vermochte meine innere Unruhe zu vertreiben. Dafür machte sich eine dunkle Ruhe breit, und mein aufgewühltes inneres Karussell kam aufseufzend zum Stehen.

Dachte ich doch, dieses Kapitel hätte ich endlich abgeschlossen. Aber in Zeiten grosser innerer Anspannung kommt es zuweilen vor, dass meine Seele nach der betäubenden Wirkung von Zucker verlangt. Am Abend, anstatt mit einer Tasse Tee und einer Lismete herunterzufahren. Da hilft auch keine Roh-Rohrzucker-Schokolade mehr, die ich normalerweise esse. Das Ungesündeste muss es in diesem Moment sein. Und beginne ich erst mal, dem Bedürfnis nachzugeben, folgt alsbald der Gedanke: „Jetzt kommt’s auch nicht mehr darauf an.“ Tja.

Es ist nicht die Zeit, um sich in Selbstmitleid zu wälzen. Es ist die Zeit des Erbarmens, des Trauerns, des Mitfühlens, des Weinens und der Fürbitte. Der Grund dafür liegt ungefähr 2’000 Jahre zurück und gleichzeitig 2’000km weiter östlich. Aber auch in Afghanistan, in Somalia, im Jemen. Es macht etwas mit uns und unseren Lieben. Es ist die Zeit, um für die uns Anvertrauten da zu sein. Ängste aufzufangen, zu trösten, zu diskutieren, zusammen nachzudenken, was ein eigener Anteil sein könnte.

Es ist die Zeit vor Ostern. Die Passionszeit. In der uns das Leiden Jesu Christi innerlich wiederauferstehen und verdeutlicht werden darf. Greifbar. Und das in den Konflikten und Nöten, die gerade toben, sichtbar wird. Dem würde ich gerne Respekt zollen und Ehre erweisen. Beten. Statt dessen esse ich grad Schokolade und beschäftige mich mit meiner Scham über mein persönliches Versagen. Das fühlt sich dunkel an. Unwürdig.

*

In der JOYCE durfte ich einen Artikel über Ostern schreiben. Im Teil über den Karsamstag lese ich meine eigenen Worte: Am Karsamstag müssen wir Trauer, Ungewissheit, Schmerz, Angst und Leere ertragen. An diesem Tag können wir den dumpfen Gefühlen nicht durch Aktivität entfliehen. Am Karsamstag darf ich einüben, auf meine gewohnten Tröster und Ablenkungen zu verzichten. Wage ich es, wenigstens ein paar Minuten lang bewusst Schwere und Leere auszuhalten?

Wie andere blogschreibende Freundinnen bleibe auch ich bei der Ostergeschichte zunächst mal bei der Karwoche stehen stehen: beim Leiden, beim Aushalten, bei der Dunkelheit, beim Schmerz. Dem Dunkel, das der Auferstehung vorausgeht. Und das wir so gerne leichtfüssig überhüpfen würden. Ich hätte mir diesen Schmerz gerne anders vorgestellt. Nämlich so, dass die Leiden anderer vorherrschen würden. Dass meine Trauer und meine Fürbitte anderen gelten würden. Aber nein, ich bin mit meiner beschämenden Schwachheit konfrontiert und mit meiner eigenen Dunkelheit.

Gestern war Palmsonntag. Am Palmsonntag zog Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein. Ihm wurden Palmzweige und Kleider ausgelegt, auf denen er dahinritt. Die Menschen schrien: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“

Hosianna bedeutet: „Rette uns!, beten wir.“

Die Menschen damals hatten eine klare Vorstellung davon, wie das aussehen sollte: Jesus sollte der Besatzungsmacht, den Römern, endlich, endlich den Garaus machen und seine sichtbare Königsherrschaft antreten. Show who’s boss! Das Volk war unterdrückt und sehnte sich nach Rettung. „Rette uns!, beten wir.“ Das war ein Herzensschrei aus der Tiefe des unterdrückten Herzens!

Ja, Herr, rette uns! Das rufen auch wir. Wir legen unsere Palmenzweige und Kleider aus. Wir legen alles nieder, um den König zu ehren. Mich selber. Heute lege ich meine Schwachheit hin. Heute denke ich nicht, dass ich doch noch einige wertvolle Beiträge habe und Gott doch insgeheim auch ein bisschen froh sein darf, dass er mich hat (ja, das DENKE ich zuweilen!). Heute bin ich dankbar für den Erlöser, den Retter, und ich rufe: Herr, rette uns!

Dietrich Bonhoeffer wird folgender Satz zugeschrieben: „Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.”

Ostern ist die Kraft der Auferstehung, die durch Christus in uns wohnt. Ostern ist Vergebung, Heilung, Versöhnung, Wiedergutmachung, Erlösung!

Der Palmsonntag gehört dazu. Der Tag, an dem ich meine vermeintlichen Kostbarkeiten auf den Boden lege, um dem König Raum zu geben. An dem ich rufe: Herr, rette uns! Rette mich! Ich brauche den Palmsonntag, auch um den Karfreitag und den Karsamstag aushalten zu können. Um wahrhaftige Trauer und Schmerz empfinden zu können – Trauer, die sich in den Schmerz anderer legen kann und mitfühlend, mitbetend wird. Weg von mir selber, hin zur wahren Ostergeschichte, zu den Menschen um mich herum. Ich brauche den Palmsonntag, heute und immer wieder.

Palmsonntag, Karfreitag und Karsamstag gehen dem Osterwunder voraus. Das Dunkel gehört dazu. Vielleicht ermöglicht es uns erst, das Licht zu erkennen und darauf zu hoffen, es zu ersehnen. Wir müssen das Dunkel in uns nicht wegdrücken. Sowenig wie wir ihm extra Raum verschaffen müssen.

Und nach dem Dunkel bricht sich das Licht Bahn. Die Auferstehungskraft Jesu. Die erlösende, heilende Kraft – die sogar in uns wohnt!

„Wer Ostern kennt, kann nicht verzweifeln.”

„Rette uns!“, beten wir.

Ostern kommt.

5 Gedanken zu „Ostern kommt.

  1. Liebe Sonja!
    Danke für deine Ehrlichkeit! Die Scham und das Versinken in meinem Versagen (und warum ich das denn nicht ENDLICH hinbekomme!!!!) kenne ich sooo gut! Mir hilft dann was Hans Peter Royer in einer Predigt mal sagte: „Genau dafür haben wir Jesus!“ …. Ich schick dir liebe Grüße und wünsche dir und deinen Lieben eine gesegnete Karwoche und dann auch: Frohe Ostern!

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