Was wir wissen

Heute regnet es. Endlich, ein kleines bisschen. Die Natur braucht das Wasser dringend. Und ich die Wolken und die klitzekleine Abkühlung. Unser Haus hat die Eigenschaft, sich bei Hitze total und unwiderruflich aufzuheizen. Im Keller kann man sich ohne weiteres aufhalten, im Erdgeschoss ist es schon leicht schwülstig, und im ersten Stock, wo wir alle zu schlafen versuchen, ist es feuchtwarm und drückend. Kein Wunder, schlafen die Kinder erst weit nach 22 Uhr und erwachen teilweise um 5.30 Uhr wieder.

Hier stehen einige Änderungen an. Nach den Sommerferien gehen zwei der Kinder ins Gymnasium, eines davon zum zweiten Mal. Es wurde in eine Schule eingeteilt, die weit entfernt von uns liegt. Fast eine Stunde pro Weg, macht zwei am Tag, mit vierzehn Jahren. Und das nicht etwa mangels Alternativen (es gibt mindestens fünf andere Möglichkeiten), sondern aufgrund undurchsichtiger und unkommentierter Überlegungen der Schulleitung. Das war zuerst ein ziemlicher Schlag für uns. Obwohl es ein tolles Gymi ist (ich war selber früher dort, wenn auch nur 2.5 Jahre lang) – das Kind, der Weg!

Wie gut, wenn man Freunde hat. Sie erinnern einen an die wesentlichen Dinge des Lebens. Meine Freundin Rebekka bemerkte zu dieser Einteilung: Was wissen wir schon, wovor er vielleicht bewahrt wird?

Was wissen wir schon?

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist eine Legende über einen chinesischen Bauern. Die Geschichte gibt es in unzähligen Versionen. Diese hier habe ich bei http://www.zeitblüten.com gefunden.

Eine alte chinesische Geschichte erzählt von einem Bauern in einem armen Dorf. Er galt als reich, denn er besaß ein Pferd, mit dem er pflügte und Lasten beförderte.

Eines Tages lief ihm sein Pferd davon. Seine Nachbarn riefen, wie schrecklich das sei, aber der Bauer meinte nur: „Vielleicht.“

Ein paar Tage später kehrte das Pferd zurück und brachte zwei Wildpferde mit. Die Nachbarn freuten sich alle über sein günstiges Geschick, aber der Bauer antwortete erneut: „Vielleicht.“

Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Bauern, eines der Wildpferde zu reiten. Das Pferd warf ihn ab und er brach sich beide Beine. Die Nachbarn bekundeten ihm alle ihr Mitgefühl für dieses Missgeschick, aber vom Bauer hörten sie wieder nur ein: „Vielleicht.“

In der nächsten Woche kamen Rekrutierungsoffiziere ins Dorf, um die jungen Männer zur Armee zu holen. Ein Krieg mit dem Nachbarkönigsreich bahnte sich an. Den Sohn des Bauern wollten sie nicht, weil seine Beine gebrochen waren.

Als die Nachbarn ihm sagten, was für ein Glück er hat, antwortete der Bauer: „Vielleicht.“

Was wie ein Unglück aussah, entpuppte sich als Segen. Was wie ein Segen aussah, wurde zum Nachteil.

Eine Wahrheit, die ich mir immer und immer wieder zu Gemüte führen will. Was ich sehe, ist ein Bruchteil. Ein Aspekt. Eine Seite der Münze.

Das grosse Ganze sieht Gott. Er sagt: So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken (Jes 55,9). Und was und wie diese Gedanken sind, lese ich bei Jeremia: Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jer 29,11)

Ja – was weiss ich schon? Meine menschlichen Beurteilungen greifen so kurz! Als wir hierher zogen, wurden wir gewarnt: Hier hat es so viele Ausländerinnen und Ausländer, eure Kinder werden in der Schule Probleme haben.

Tja, das hatten sie in der Tat.

Aber woher weiss ich, was das in ihnen bewirkt? Woher will ich wissen, ob nicht genau das sie stärkt? In guter Weise vorbereitet auf das Leben?

Woher will ich wissen, welche Freunde, welche Schule, welche Lehrpersonen für meine Kinder ein Segen sind? Und welche nicht? Woher weiss ich, wie ein Kind mit Scham, mit Versagen, mit Schmerz und mit Verlust umgeht? Was diese Dinge bewirken?

Ist es nicht vielmehr so, dass alles – alle Umstände, alle Widrigkeiten, alle Schönheiten des Lebens – uns dienen muss? „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen…“ Die Frage ist, welchen Teil von „alle Dinge“ ich immer wieder nicht verstehe.

Das heisst nicht, dass Schmerzen nicht „sein dürfen“. Wir sind traurig, wir haben Schmerzen, wir sorgen uns. Ja, das sind Fakten.

Den Fakten, die temporär sind, steht aber eine Wahrheit gegenüber: der Gott, der alle Dinge geschaffen hat, sorgt für uns. Er tröstet uns. Er kämpft für uns. Das ist die Wahrheit, und die Wahrheit übertrumpft alle Fakten. Auch Schuldgefühle, Anklage, Minderwert, Scham. Und so WERDEN mir alle Dinge zum Besten dienen, denn das Beste ist nicht das, was ich gerade passend finde, sondern es sind die Gedanken und Pläne Gottes über mir.

Daran will ich mich dieser Tage festhalten! Machst du mit?

2 Gedanken zu „Was wir wissen

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