Schlichte Worte

Es ist nicht nötig, weder seine Geschäfte noch die Welt zu verlassen, um innerlich zu sein.
Jeanne-Marie Guyon

Der Advent ist zur Hintertür hereingekommen und hat sich still und leise an unseren Esstisch gesetzt. Plötzlich war er da, lang ersehnt und doch überraschend („Himmel, die Adventskalender!“ – und dabei sind es dieses Jahr ganz einfache Schoko-Kalender, diejenigen, die ich immer doof fand und über die sich die Kinder jetzt so richtig, richtig freuen…). Wie jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, die Adventszeit mit viel Ruhe zu zelebrieren. Und ich ahne es, auch wenn ich gerade entspannt auf dem Sofa sitze: Es wird vermutlich keine auffallend besinnliche, ruhige Zeit werden. Zu sehr bin ich einfach die, die ich bin. Sind wir die, die wir sind. Und genau für Menschen wie mich ist der Advent gemacht: zum Ankommen. Zum Sein. Und, so ergänze ich, zum Aushalten dessen, was ist. Note to self: Nein, es wird nicht besser. Nicht morgen und nicht in einem anderen Leben. Auch wenn ich mich verändere, wachse, reife – so wird immer, immer mehr als genug von dem bleiben, was ich nicht haben oder sein möchte.

*

Zur Zeit empfinde ich die Welt als laut. Von überall her blinken und winken Lichtlein, besinnliche Impulse, Bibelvers-Adventskalender, liebevoll gemeinte tägliche Inputs. Instagram und Co. sind mir gerade zu laut, und tägliche Nachrichten auf dem Handy mit Ermutigungen möchte ich zur Zeit auch nicht piepsen lassen, so kostbar diese Impulse sind.

Im Moment ist mein grösster Wunsch für diese Adventszeit, einfach zu sein. „Innerlich“ zu sein. Und dazu will und muss ich nicht „Geschäfte noch die Welt verlassen“, dazu brauche ich das Internet nicht, auch wenn ich das immer wieder meine – nein: innerlich sein ist da sein und annehmen, was ist.

Ich bin gesegnet mit einer Tochter, die vor Schaffensdrang beinahe platzt. Sie hat mir keinen Adventskalender gemacht, aber eine Papiertüte, von der ich wann immer ich will einen kleinen Zettel ziehen darf. „Gott hilft dir“, steht da, oder „Gott segnet dich“.

Schlichte Worte. Grundlegende, tiefe Wahrheiten. „Kenne ich!“, könnte ich sie abhaken. Doch ich nehme sie dankbar und lasse sie ihre Wirkung tun.

Wann immer ich das innerlich sein verlasse und mich wieder ärgere über das, was ist, darf ich mich daran erinnern, dass die Adventszeit auf Weihnachten einstimmt: das Kommen des Sohnes Gottes, der in unsere Schwachheit und Bedürftigkeit und Not hineinkommt mit seiner Liebe. Genau da hinein. Was ich ihm zu bringen habe, wird in meinen Augen immer zu wenig sein. Zu zerbrochen. Zu ausgefranst.

Und genau in dieser Unvollkommenheit und der Trauer darüber bringen wir unsere Geschenke an die Krippe: uns selbst. So, wie wir sind, bringen wir unser Lob und unseren Dank. Es genügt. Dank Weihnachten.

*

Empfehlenswerte Links:
https://denspatzinderhand.blogspot.com/2022/11/besuch-im-echten-leben.html

https://www.youtube.com/watch?v=dNw0Jhxf2-I (schweizerdeutsch)

2 Gedanken zu „Schlichte Worte

  1. Hallo liebe Sonja!
    Zwei Gedanken hab ich beim Lesen, der erste:

    „Und genau für Menschen wie mich ist der Advent gemacht: zum Ankommen. Zum“ und füge am Zeilenende automatisch „Runterkommen“ ein, allerdings steht da bei dir zum Glück was anderes. (hätte mich sonst auch sehr gewundert, dass du jetzt auch so schreibst wie ich)
    Allerdings ist Ankommen und Runterkommen wahrscheinlich ganz gut in Kombination. Wenn Wortpress mit seinen neuen Ideen aufhört mich zu verwirren (kuckstu: https: //vorgarten2969157.garden/2022/12/03/politische-vereinnahmung-oder-gechirnwaschung-oder-sowas/), werd ich darüber was schreiben. Wahrscheinlich. Bestimmt zum Dritten Adventus.

    zweiter Gedanke:
    „Nicht morgen und nicht in einem anderen Leben.“
    DOCH!! In einem anderen Leben — wir Christen denken da ja nur an zwei, nicht an xfachen Re’inkarnationsstress! In einem anderen Leben, nämlich in dem anderen Leben, da wird es besser. Da piepen weder Nachrichten noch Tinnitusse, blinken keine Ampeln oder Lichterketten, stressen keine Weihnachtseinkäufe oder andere to-dos und erst recht ist nicht mehr alles schlecht, sondern endlich alles gut. GUT! Wirklich. Alles.
    Das ist doch ne Perspektive.

    Somit wünsche ich dir und den deinen eine entspannte Ankunft.

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