Der Zeitstrahl

Vor kurzem war ich mit einer Freundin essen. Nicht irgend eine Freundin. Nein, meine very-best-friend-forever, als wir beide Teenies waren und die Welt zu entdecken begannen. (Achtung Spoiler: Wir entdeckten mehr, als unseren Eltern lieb war!) Wir gingen durch dick und dünn, wussten alles voneinander, zerstritten uns und versöhnten uns wieder. Ich glaube, es gibt nichts, was sie nicht von mir wusste – und ich von ihr. Die hellsten Momente und die dunkelsten Stunden teilten wir miteinander. Irgendwann war Pause. Eine lange, die wir beide brauchten. Wohl mehr als ein Jahrzehnt. Und dann – ungefähr ein Jahr, nachdem ich geträumt hatte, dass ich sie in einer Strasse in dem Städtchen, in dem ich aufgewachsen bin, wieder treffen würde – traf ich sie in tupfengenau dieser Strasse wieder, und mit wenigen Blicken und Worten war klar: Das Alte ist vergangen, Neues ist entstanden, auf beiden Seiten.

Mit ebendieser Freundin ging ich essen. Als erstes fragte sie mich, ob sich meine berufliche Zukunft geklärt hätte. Nicht, dass sie jemals etwas kommentieren oder einen meiner Beiträge auf irgendeiner Plattform „liken“ würde, Gott bewahre. Aber sie liest hier immer mit. Froh konnte ich ihr berichten, dass sich einiges geklärt hat. Ich werde ab Herbst mein Online-Theologie-Studium wiederaufnehmen und hoffentlich zu Ende bringen, daneben auf eine Englisch-Prüfung lernen (das Studium ist praktischerweise ebenfalls auf Englisch), das Backen auf Minimal-Sparflamme betreiben und daneben so viel schreiben, wie es eben passt.

Sie selber hat Karriere gemacht, wie man so schön sagt, und mir war es etwas peinlich zuzugestehen, dass ich nochmals in meine eigene Ausbildung investiere. Da erzählte sie mir, dass sie in ihrem Team mit einem Tool arbeitet, das die beruflichen Ziele, die Lebensträume, die verrückten Wünsche und auch die aktuelle Lebenssituation abbildet. Alles, was man noch tun möchte oder muss, alle Träume und Verpflichtungen werden notiert. Danach, und das ist das Entscheidende, wird alles auf einem Zeitstrahl angeordnet. Sprich: Wenn ich jetzt karrieremässig durchstarten will (Spoiler Nummer zwei: will ich nicht), aber noch kleinere Kinder habe, dann kommt dieser Karriere-Wunsch eben später. Im Hier und Jetzt kommen dann diese kleineren Kinder, und es wird klar, was in diesem Hier und Jetzt auch Platz hat und was nicht. Was nicht Platz hat, wird auf später verschoben.

Sprich: Die Lebensträume und Ziele, die im Moment keinen Platz haben, kommen vielleicht in fünf Jahren zum Tragen. Oder zehn.

Das erinnert mich an den Berufsberater, der kopfschüttelnd gesagt hatte: „Frau Sorbara, was meinen Sie denn damit, ob sich eine Ausbildung noch ‚lohnt‘? Sie werden vermutlich noch mindestens 15 Jahre lang berufstätig sein – da lohnt sich doch wohl alles, was Sie jetzt an Zeit investieren.“

Wie gut, so ein Zeitstrahl. Wie simpel, und wie erleichternd. Was jetzt nicht Platz hat, hat vielleicht später Platz. Ich erinnere mich an viele meiner Kuchendiagramme und Pläne, die ich bei meinen schon mehrfach erwähnten Standortbestimmungen Ende und Mitte Jahr gezeichnet habe: Die englische Sprache war immer irgendwo als kleines Anhängsel dabei, als unvernünftiger, unmöglicher und trotzdem hartnäckiger Herzenswunsch. Und nun habe ich mich entschieden, hier nochmals zu investieren, und bin mittlerweise seit vielen Wochen mit Freude dran.

Bei einem unserer Kinder steht gerade eine Entscheidung an. Im Gegensatz zu mir haben diese Kinder ja einen unvergleichlich langen Zeitstrahl. Es entspannt unglaublich. (Natürlich nur mich, für das Kind gibt es ein „Jetzt“ oder ein „Nie“.)

Gott hat alle Zeit der Welt.

Josef bekam als Junge ausserordentliche Prophetien von Gott. Er würde sogar über seine Familie herrschen. Sogar die Sonne und der Mond verbeugten sich vor ihm. Dann kam er aufgrund seiner Loyalität ins Gefängnis. Im Gefängnis waren seine Aussichten düsterer als düster. Sogar der Mundschenk, der ihn rausreissen sollte, hatte ihn komplett vergessen: „Aber der Oberste der Mundschenken dachte nicht an Josef, sondern vergaß ihn“ (1Mo 40,23). Josef war raus aus der Nummer.

Aber an einem Tag erinnerte sich dieser Mundschenk. Zwei Jahre später. Zwei Jahre: Wie es Josef dabei wohl erging? Mit welchen Gedanken hatte er zu kämpfen? Konnte er vertrauen?

Und dann ging es los. Josef deutete die Träume des Pharaos und lieferte ihm gleichzeitig die Lösung. Der Pharao ernannte Josef am gleichen Tag zum mächtigsten Mann im Land, nur gerade unter ihm selber.

Von einem Tag auf den anderen wendete Gott sein Schicksal.

Ich glaube nicht, dass alle meine Anhängsel-Wünsche noch in Erfüllung gehen, und ich habe auch nicht diesen Anspruch. Ob unser Kind eine „gute“ Entscheidung trifft oder nicht, wird sich zeigen. Aber das Wissen, dass erstens Zeit und Raum ist und nicht alles JETZT sichtbar und machbar sein muss, und dass Gott, zweitens, von einem auf den anderen Tag ganze Schicksale und Geschichten wenden kann, lassen mich innerlich ruhig werden.

Morgen wird unser ältestes Kind konfirmiert. Es wird einen schicken Anzug, eine gute Frisur und neue Schuhe tragen und wir werden vor Freude und Stolz platzen. Was haben wir mit diesem Kind nicht alles erlebt und durchgestanden. Seit einiger Zeit ist er ein fröhlicher, entspannter Teenager, der gerade eben bewiesen hat, dass er durchhalten und sich einsetzen kann, wenn er ein Ziel vor Augen hat. Noch vor wenigen Jahren hätte ich nie für möglich gehalten, was ich jetzt alles sehe in ihm und an ihm. Wie durch ein Wunder sind Dinge zum Erblühen gekommen, die wir jahrelang unbemerkt und nicht gerade voller Hoffnung gesät haben. Und das ist nur die eine Seite. An vielem haben wir gar keinen Anteil. Es ist nicht wegen, sondern TROTZ uns gewachsen!

„Derselbe Gott, der dafür sorgt, dass es dem Bauern nicht an Saat zum Aussäen fehlt und dass es Brot zu essen gibt, der wird auch euch mit Samen für die Aussaat versehen und dafür sorgen, dass sich die ausgestreute Saat vermehrt und dass das Gute, das ihr tut, Früchte trägt.“ (2Kor 9,10)

Gott hat Zeit und Raum geschaffen, damit wir Dinge auf Strahlen anordnen können. Und das beste ist, dass er selber das Gute, was gesät wurde, wachsen lässt, zu seiner Zeit.

Pause im Coffee&Deeds
Karten-Atelier

Klöntaler-See
…mit Freunden

Ausblick von der Rigi – Ferien in der Schweiz

Zürich!

Ein Gedanke zu „Der Zeitstrahl

  1. Kuchendiagramme … da musste ich kurz innehalten und mich fragen, womit du die wohl gebacken hast 😀 verrate mir das Rezept!!

    Und der Klöntaler See hat einen tollen Namen. In Norddeutschland ist „klönen“ gemütlich plaudern. Ich denk, ihr habt seines Namens würdig gerastet.

    Herzliche Grüße aus dem Bergischen — weit südlich des Norddeutschen

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